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Dimitrij Ovtcharov plagte sich vor der Tischtennis-EM monatelang mit Rückenschmerzen herum

„Dimas“ Weg aus der Formkrise

Jekaterinburg. Dimitrij Ovtcharov ist bereit für einen doppelten Kraftakt. Der Tischtennis-Europameister, dessen beeindruckende Karriere einst in Tündern begann, möchte bei der EM im russischen Jekaterinburg seinen Einzel-Titel verteidigen und die deutsche Herren-Nationalmannschaft, die sich gestern mit zwei Siegen gegen Polen (3:1) und Spanien (3:0) vorzeitig fürs Viertelfinale qualifizierte, zurück auf den EM-Thron führen. Nach dem Ausfall von Top-Star Timo Boll wegen einer Knieoperation ist das keine leichte Aufgabe für den Weltranglisten-Fünften, zumal ihn schon seit Monaten große Rückenprobleme plagen und er nach dem Sieg bei den Europaspielen in Baku zwischenzeitlich in einer Formkrise steckte. Im Interview, das Janina Schäbitz kurz vor der EM mit Ovtcharov führte, verrät „Dima“, was in letzter Zeit mit ihm los war – und was er Amateuren zum Umgang mit Formkrisen rät.

veröffentlicht am 26.09.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:49 Uhr

Ihr Sommer war nach Ihrem Triumph bei den European Games nicht so einfach. Ihre Super League-Bilanz war nicht optimal, bei den China Open sind Sie in Runde eins rausgeflogen und der Auftakt in der Champions League war – wie Sie selbst sagten – der schlechteste Ihres Lebens. Was war da in letzter Zeit los?

Normal bin ich ja jemand, der sich durch alles durchtankt und kein Pardon kennt. Aber da bin ich doch an meine körperlichen Grenzen gestoßen. Ich habe mich wirklich sehr gewissenhaft auf die WM vorbereitet und hatte auch im Vorfeld sehr gute Ergebnisse gespielt. Die WM war dann ein Rückschlag für mich – aber dass ich die richtige Form hatte, haben zum Beispiel die russischen Play-offs oder die Champions League gezeigt. Damit war die Saison dann eigentlich auch fast abgeschlossen für mich. Ich bin dann aber nochmal schnell für zehn Tage nach China gejettet, dann zurück nach Baku, wo ich mich nochmal zusammengerissen und unter Rückenschmerzen das Turnier gewonnen habe. Da hätte ich eigentlich ein richtiges Break gebraucht. Nach einer Woche Pause auf Mallorca fühlte es sich dann eigentlich wieder ganz gut an und ich dachte: Jetzt geht es weiter! Aber zwei Wochen später gingen die Rückenschmerzen wieder los und wurden immer schlimmer, so dass ich nur noch unter ganz starken Schmerztabletten gespielt habe. Zwei Spiele in der Woche und die langen Reisen zu den Spielen innerhalb Chinas waren dann mit den Rückenproblemen kein Spaß. Hinzu kamen sechs Spiele, die ich im fünften Satz noch verloren habe. So kommt eines zum anderen, dass man auch mental nicht mehr mit sich im Einklang ist. Als ich dann nach dem letzten Super League-Spiel gerade noch rechtzeitig zur Champions League nach Orenburg gekommen bin, war dann einfach die Flasche leer. Ich habe daraus gelernt, dass man, wenn man extrem gut ist, nicht zu sehr auf einem Hoch sein sollte, und wenn man schlecht spielt, nicht zu sehr in Panik verfällt. Irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit. Nichtsdestotrotz ist es das erste Mal, dass ich so eine schwere Verletzung erlebe, die sich über Monate dahinschleppt.

Was haben Sie genau?

Das ist eine Vorstufe zum Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule. Ich mache täglich Übungen, um den Wirbel wieder zurückzuschieben. Es geht mir zwar deutlich besser, aber bei Weitem noch nicht hundertprozentig. Ich bin froh, dass ich aktuell wieder ohne Schmerztabletten spiele, und ich denke, ich bin auf dem richtigen Weg.

Inwiefern schränkt Sie das in Ihrem Spiel ein?

Zwischenzeitlich habe ich die tiefe Vorhand einfach ausgelassen. Da hat der Kopf eine Sekunde lang blockiert und da war der Ball auch schon weg. In der Mitte habe ich zu spät aufgemacht, so dass ich den Ball zu spät getroffen habe, und dann hast du mit dem Punktgewinn gegen jeden Top-50-Spieler nichts mehr zu tun. Der Kopf blockiert dich selbst, das ist wie ein Schutzmechanismus, weil man ab und zu quasi einen Messerstich hinten rein kriegt.

Bereuen Sie es, dass Sie keine lange Pause gemacht haben, um das richtig auszukurieren?

Im Nachhinein hätte ich nicht eine, sondern dreieinhalb Wochen auf Mallorca gebraucht. Und dann keinen China-Aufenthalt mehr, sondern richtigen Aufbau für meinen Rücken und mein Tischtennis. Das wäre natürlich schlauer gewesen, aber man weiß es vorher halt nicht. Man denkt, man schafft das – weil es natürlich auch lukrativ ist, zum einen, weil man gegen die Chinesen spielen kann, zum anderen aber auch finanziell.

Haben Sie das Tief jetzt überwunden?

Ich glaube, dass ich spielerisch die ganze Zeit in etwa auf ähnlicher Höhe war. Bloß wenn man zwei Spiele gewinnt, fühlt man sich mental etwas stärker, und wenn man verliert, fühlt man sich schwächer. Der Rücken ist jetzt besser, dadurch spiele ich automatisch besser, weil ich weniger eingeschränkt bin. Ich bin bei Weitem nicht so dominant, wie ich mir das vorstelle, aber ich bin zuversichtlich, dass das wiederkommt. Ob es reicht, meinen Europameistertitel zu verteidigen, das wird die Tagesform zeigen.

Für unsere Leser ist sicher interessant zu erfahren, wie ein Profi mit einer Formkrise oder einem Tief umgeht. Wie ist es bei Ihnen?

In solchen Phasen spreche ich viel mit meinen Trainern, meinem Vater, Jenny und meinem guten Kumpel Ismet – und die beruhigen mich dann schnell. Diesmal war es, glaube ich, einfach auf meine Verletzung zurückzuführen.

Was würden Sie einem Amateurspieler raten, zu tun, wenn man in einer Formkrise steckt?

Egal, ob man Weltspitze ist oder in der Kreisklasse spielt: Wenn man dort normal eine 14:2-Bilanz spielt und dann mal vier Spiele verliert, heißt das nicht, dass man innerhalb von vier Wochen das Tischtennisspielen verlernt hat, sondern dass man vielleicht mal eine kleine Krise hat. Man soll sich auf seinen Lorbeeren nicht ausruhen, sondern immer weiter trainieren. Und wenn man dranbleibt, wird sich das schon wieder einpendeln. Wenn man ein gewisses Niveau hat – egal wie hoch man spielt –, geht das nicht in kürzester Zeit einfach verloren.

Viele Amateure glauben, dass es das Material ist, wenn es mal nicht läuft. Wie ist es bei Profis? Hält man da am Altbewährten fest?

Das kommt auf den Spieler an. Der eine sucht den Fehler nur bei sich, der andere sagt, es ist das Material, die Schuhe, die Sonne, die Zuschauer. Man neigt natürlich zu Veränderungen, wenn es schlecht läuft, und bleibt beim Alten, wenn es gut läuft.

Wie ist es bei Ihnen?

Ich versuche, an dem festzuhalten, was mich auch oben gehalten hat. Ich bin aber auch jemand, der schon mal in den besten Phasen sein Material umstellen kann. Das muss man einfach im Training und alltäglichen Wettkampf spüren, ob das in die richtige Richtung geht – und nicht wegen eines Ergebnisses.

Sie haben sich wenige Pausen in diesem Sommer gegönnt. Nach welchen Prinzipien stellen Sie Ihren Turnierkalender zusammen?

Ich habe natürlich die festen Termine für den Verein, dann muss ich gucken, welche World Tour-Turniere Sinn machen. Und dann muss ich schauen, wie viel ich spiele und wann ich mal eine Pause mache. Zwei Wochen Urlaub schaffe ich nicht vor Olympia, aber ich glaube, ich werde mir jetzt ab und zu mal öfter kleine Pausen von zwei, drei Tagen gönnen, in denen ich nach Wettkämpfen einfach mal abschalten kann.

Sagen wir mal, die Olympischen Spiele sind vorbei, Sie haben ein tolles Turnier gespielt und Jörg Roßkopf sagt: Du kannst jetzt vier Wochen am Stück die Seele baumeln lassen. Was würdest Sie tun?

Wenn ich Olympiasieger geworden wäre, würde ich die Seele auch acht Wochen baumeln lassen (lacht). Ich glaube, es ist irgendwann für mich an der Zeit, die Länge meiner Urlaubsphasen mal zu erweitern. Nach Olympia ist sicher ein guter Zeitpunkt, vielleicht mal drei Wochen nach Amerika zu reisen. Das werde ich probieren.

Quelle: mytischtennis.de



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