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Jörg-Uwe Lütt wurde 1994 mit dem VfL deutscher Vizemeister / Morgen kehrt der Torwart mit Großburgwedel zurück

Dieser lange Lulatsch war im Hamelner Tor der Größte

Handball. In der Blütezeit des Hamelner Handballs war er dabei, trug von 1991 bis 1997 das Trikot des damaligen Bundesligisten SG VfL/BHW und feierte für die Rattenfänger in 177 Einsätzen (von insgesamt 450 Bundesligaspielen) seine größten sportlichen Erfolge: Torhüter Jörg-Uwe Lütt. Inzwischen ist der 2,02 Meter große Schlaks zwar 46 Jahre „jung“, doch aktiv ist er noch immer. Am Samstag um 19 Uhr (Halle Nord) gastiert „Lütti“ mit der TS Großburgwedel zum Oberliga-Saisonfinale beim VfL Hameln. Vor dem Duell mit seinem Ex-Klub spricht Jürgen Kohlenberg mit dem 18-fachen Ex-Nationalspieler.

veröffentlicht am 06.05.2010 um 18:51 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 18:41 Uhr

Herr Lütt, freuen Sie sich auf die Rückkehr?

Auf jeden Fall. Mit Hajo Wulff, wir haben ja früher zusammengespielt, und mit Ralph Krone bin ich befreundet. Außerdem habe ich an die Halle Nord gute Erinnerungen. Ich bin damals immer zum Frühschoppen hingegangen, wenn die Zweite Sonntag morgens um 11.15 Uhr auflief.

Der VfL will morgen aber die Vizemeisterschaft eintüten. Da werden Sie ihrem Ex-Klub doch wohl nicht in die Suppe spucken, oder?

So einfach werden wir es dem VfL nicht machen. Außerdem habe ich noch ein persönliches Ziel. Ich habe in dieser Saison bislang von 122 Siebenmetern 96 gehalten. Die 100 will ich noch vollmachen, muss insofern morgen noch vier halten. Ich hoffe also, dass wir ordentlich Siebenmeter gegen uns bekommen und werde die Schiedsrichter anweisen, möglichst häufig auf den Punkt zu zeigen.

Das ist ja eine beachtlich Quote. Wie machen Sie das denn?

Och, keine Ahnung. Für mich ist das einfach ein Spaß. Meine Jungs lachen auch schon immer, dass die anderen die Strafwürfe nicht reinmachen. Aber ganz ehrlich, bei etwa der Hälfte der Siebenmeter haben mir die gegnerischen Spieler direkt auf den Bauch geworfen. Ich wusste gar nicht, dass ich so viel Furcht verbreite.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Bundesligazeit in Hameln?

Zunächst hatten wir eine Top-Mannschaft. Mit der Vizemeisterschaft und dem Erreichen des Europapokalfinales durfte ich die größten Erfolge meiner Karriere erleben und es war ein Erlebnis, mit solch hochkarätigen Handballern wie zum Beispiel Frank-Michael Wahl, Stephan Hauck, Matthias Hahn oder Pepi Manaskov zusammenzuspielen. Nach dem Aufstiegsjahr hätten wir auch gleich Meister werden können. Dann verletzte sich „Potti“ Wahl leider schwer an der Schulter und es reichte nur zu Rang vier. Das Ende in Hameln war dann mit der Insolvenz allerdings sehr unschön.

Was ist Ihnen davon noch hängen geblieben?

Alles. So etwas vergisst man nicht. Nach sechs schönen Jahren war das mit dem Konkurs ein gnadenloses Ende. Da kamen mir zum Beispiel plötzlich Zahlungsbefehle ins Haus geflattert, weil die Lohnsteuer nicht abgeführt wurde. Das war schon harter Tobak. Sportlich war’s ja auch nicht mehr so erfolgreich, weil durch die Leute vom BHW die sportliche Kompetenz verloren ging.

In Ihrer langen Karriere haben Sie doch bestimmt viel Kurioses erlebt. Erzählen Sie doch mal.

Oh ja, reichlich. Wenn ich alles aufzähle, muss die Dewezet drei Sonderausgaben drucken. Kurios ist sicherlich, dass ich nicht nur Torwart bin, sondern auch so etwa 30-mal als Torschütze in Erscheinung getreten bin. Im Europacup habe ich mit Hameln unter Trainer Sead Hasanefendic in einem Spiel gegen eine griechische Mannschaft mal vier Treffer erzielt, unter anderem Gegenstöße abgefangen, von hinten nach vorne durchgedribbelt und erfolgreich abgeschlossen. Bei einem Match in Zrenjanin im ehemaligen Jugoslawien waren die Fans in einer zigarettenqualmgeschwängerten, rappelvollen Halle derart heißblütig, dass sie mich 60 Minuten lang mit Pinienkernen bespuckt haben. Mein Trikot sah hinterher aus, als sei ich in einen Kugelhagel gekommen. Die Schiedsrichter haben nichts gemacht, hatten selbst Angst um ihr Leben. Und in Russland wurden wir mal mit einer Maschine befördert, da gab’s noch nicht einmal Anschnallgurte, zudem waren die Türen undicht und das Eis kam durch. Ich dachte, so Jörg-Uwe, das war’s.

Ihre internationale Karriere war nach 18 Länderspielen beendet. Warum waren es nicht mehr?

Meinen letzten Einsatz im DHB-Trikot hatte ich 1990 im Vereinigungsspiel gegen die DDR in Berlin. Danach war Schluss. Ich hatte einfach das Pech, Konkurrenten wie Andreas Thiel, Stefan Hecker, Jan Holpert oder Jens Kürbis zu haben. Die waren einen Tick besser, das musste ich anerkennen.

Aber Sie wurden immerhin Militärweltmeister?

Das war 1984 in Italien. Wir haben da gegen Mannschaften wie Kongo und so gespielt. Das war ein Selbstläufer, weil wir eine richtig starke Truppe, unter anderem mit Richard Ratka und Walter Schubert, hatten. Ich war damals in der Sport-Fördergruppe in Essen-Kupferdreh. Drei Wochen Grundwehrdienst, das war’s. Danach nur noch Sport. Das war eine schöne Zeit und für mich der Beginn einer langen, erfolgreichen Karriere als Handballtorwart.

Denkt man denn mit 46 Jahren noch nicht ans Karriereende?

Nein, ich habe noch Spaß an der Sache und mache auch vieles mit meiner Routine. Die Truppe in Großburgwedel ist zudem prima. Mit Felix Holzbrecher habe ich einen jungen und überaus talentierten Kollegen an meiner Seite. Wir teilen uns die Zeiten, wobei ich nicht immer zwingend im Tor stehen muss. Körperlich habe ich auch noch keine Malessen. Und solange die Knochen mitmachen, bleibe ich dabei. Nächste Saison auf jeden Fall noch. Dann sehen wir weiter.

Und wenn’s dann wirklich mal soweit ist, sehen wir Jörg-Uwe Lütt als Trainer an der Linie?

Auf keinen Fall, dafür bin ich nicht geboren und würde zu schnell durchdrehen. Aber keine Sorge, langweilig wird mir schon nicht. In meinem Beruf, ich arbeite in der Fertigung von Laboreinrichtungen, fühle ich mich sehr wohl. Ich spiele zudem gerne Billard und fahre mit meiner 650er Yamaha durch die Gegend. Nächstes Jahr werde ich dann auch meine Lebensgefährtin Stefanie Kleßmann heiraten. Das wird eine richtige Handballer-Hochzeit, Steffi spielt bei den Frauen der TSV Burgdorf.



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