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Vor 50 Jahren: Jürgen Maaßen setzt als Vorsitzender mit der SpVgg. Bad Pyrmont zum Höhenflug an

Der Sohn des „Paschas“

BAD PYRMONT. Die SpVgg. Bad Pyrmont sucht momentan händeringend einen neuen Vorsitzenden. Lars Diedrichs stellte sich bei der Jahreshauptversammlung im März nicht mehr zur Wahl, ein Nachfolger wurde nicht gefunden. Und so muss Diedrichs, der sich bei seinem Amtsantritt 2013 sogar Pyrmonts Rückkehr in höhere Etagen des norddeutschen Fußballs vorstellen konnte, erst einmal kommissarisch den trotz aller Visionen weiterhin in der Landesliga spielenden Traditionsverein weiterführen. Wie sich die Zeiten ändern!

veröffentlicht am 21.05.2019 um 15:17 Uhr

Der „Pascha“ und sein Sohn: Peter Maaßen (li.) und Pyrmonts Vorsitzender Jürgen Maaßen. kf/archiv
Klaus Frye

Autor

Klaus Frye Sportreporter zur Autorenseite
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Die aktuelle Situation wäre vor 50 Jahren bei der Spielvereinigung wohl undenkbar gewesen. Da liefen die Mitgliederversammlungen bei den Fußballern anders ab. So auch Ende April 1969 im Saal des Schützenhauses, wo sonst eher die Mitglieder der Schützengesellschaft mit Orden, Pokalen und Ehrenzeichen ausgezeichnet wurden. Damals herrschte großer Andrang. Schon als Martin Beyer, der seit April 1962 an der Spitze des seinerzeit in der viertklassigen Verbandsliga Süd kickenden Vereins stand, die Sitzung eröffnete, herrschte im rauchgeschwängerten Saal eine angespannte Stimmung.

Der Gegenkandidat
taucht über Nacht auf

Eigentlich sollte Beyers Wiederwahl nicht mehr als reine Formsache sein. Doch meistens kommt es anders, als man denkt. Fast über Nacht tauchte plötzlich Jürgen Maaßen – der 2006 im Alter von 71 Jahren verstorben ist – als Gegenkandidat auf. Der dynamische Jung-Unternehmer aus Barntrup, der zu jener Zeit mit seiner Firma für die Automobilindustrie Ersatzteile fertigte, dicke Auftragsbücher und eine prall gefüllte Schatulle hatte, ging optimal vorbereitet ins Rennen. „Da tauchten Leute auf, die man vorher noch nie gesehen hatte“, erinnern sich einige alte Pyrmonter noch genau an die „lange Nacht“ im Schützenhaus. Im Vorfeld hatte Maaßen, der 1964 bereits die Aufgabe des Geschäftsführers bei den Fußballern übernommen hatte, zahlreiche neue Vereinsmitglieder gewinnen können. Und die standen bei der Wahl des Vorsitzenden natürlich geschlossen hinter ihm. Das Ergebnis für den Herausforderer: „Knapper Punktsieger nach Kampfabstimmung.“ Dem waren lange und emotionsgeladene Diskussionen vorausgegangen.

6 Bilder
Siegfried Elsler

Für Beyer, ehemaliger Manager von Showgrößen wie Vico Torriani und Max Greger, ein Tiefschlag. Das Kapitel Spielvereinigung war für den Mann, der zuvor Topvereine wie die deutschen Meister 1860 München und 1. FC Nürnberg oder internationale Spitzenteams wie Lokomotive Sofia, Dukla Prag, die Junioren des FC Barcelona und des FC Santos zu Freundschaftsspielen verpflichtet hatte, mit der Niederlage auch beendet. Vorstandsarbeit unter seinem Nachfolger Maaßen kam für „Mertl“, wie er von seinen Freunden genannt wurde, nicht infrage. Verständlich, passten beide doch zusammen wie Feuer und Wasser.

Der Aufstieg ist das
wichtigste Ziel

Ende Mai 1969 regierte an der Südstraße nun also der Sohns des „Paschas“. So nannte man in Deutschlands höchsten Fußballkreisen Maaßens Vater Peter, der seit mehr als zwei Jahrzehnten beim gerade in die Bundesliga aufgestiegenen SC Rot-Weiß Oberhausen als Alleinherrscher fungierte. Und die Wahl seines Sohnes mit einer flammenden Rede einläutete.

Nun war der Aufstieg für Maaßen junior das wichtigste Ziel. Und das erreichte er auch. Freundschaftsspiele gegen große Vereine, die sein Vorgänger noch organisiert hatte, spielten in den Plänen des neuen Vereinschefs keine Rolle. Er wollte mit der Spielvereinigung selbst groß herauskommen. Zwar träumte der „Macher aus Barntrup“ nicht von der Bundesliga. Aber die Regionalliga, damals mit fünf Staffeln die zweite Größe im deutschen Fußball-Kosmos, konnte er sich mittelfristig durchaus vorstellen. Und so mistete er den Kader gleich mal kräftig aus. Günter Hauschild und Karl Dohme zog es nach zwei Jahren an der Emmer zurück zu Preußen Hameln 07, für Routiniers wie Hubert Pollak oder Dieter Trampusch war Schluss. Dafür präsentierte Maaßen nur wenige Wochen später mit Frank Obermeyer (bei Hannover 96 immer noch Teamchef der Traditionself), Siegfried Elsler (96 Amateure), Erich Monk (Arminia Hannover Am.), Gerd Müller (RW Oberhausen), Bernd Hagemann (RSV Barntrup) und Hans-Jürgen Tomczak vom Regionalligisten Arminia Bielefeld gleich sechs Hochkaräter.

Für Trainer Ostrycharchyk
kommt Otto Laszig

Bleiben durfte überraschend Trainer Hans Ostrycharchyk, obwohl der Abstieg nur dank Unterstützung von Leu Braunschweig verhindert werden konnte. Weil Leu in die Regionalliga aufstieg, blieb Pyrmont der Verbandsliga erhalten. Nach einer erneut schwachen Saison 1969/70 (Platz 11) war die Uhr für Ostrycharchyk aber abgelaufen. Otto Laszig, als Spieler 1958 mit Schalke 04 Deutscher Meister geworden und bei Hannover 96 immerhin zu 118 Bundesliga-Einsätzen gekommen, sollte Maaßens Wünsche erfüllen. Klappte aber nicht, denn wie heißt es so schön: „Fußball ist kein Wunschkonzert.“ Mit Laszig schieden die Kicker aus der Kurstadt 1971 im DFB-Pokal nach erfolgreichen Auftritten gegen die Regionalligisten Göttingen 05 (2:0) und VfL Osnabrück (1:0) vor 7000 Zuschauern) zwar erst in der Runde der besten 32 Mannschaften gegen Werder Bremen (1:4; 0:6) aus, kamen aus der Verbandsliga aber trotzdem nicht hinaus. So musste nach zwei vergeblichen Anläufen mal wieder Heinz Brannolte die Kastanien aus dem Feuer holen. Und der Sohn eines Milchhändlers aus Blomberg, der Pyrmont 1961 in die Verbandsliga hievte, meisterte die Tour mit Bravour.

Unter Heinz Brannolte
werden Träume Wirklichkeit

Mit zwei Aufstiegen in Folge sorgte „Kanne“ dafür, dass Maaßens Träume Wirklichkeit wurden. Die Spielvereinigung mischte ab der Saison 1974/75 ebenso wie Preußen 07 die neu eingeführte Amateuroberliga Nord gegen Klubs wie Holstein Kiel, VfB Oldenburg, Arminia Hannover, SV Meppen oder Viktoria Hamburg auf. Zwar nur die dritthöchsten Spielklasse, aber „der Chef“ war zufrieden. Jetzt gab sonntags nicht mehr das Kurorchester den Ton an, sondern Pyrmonts neue Fußballhelden. Die Mannschaft war keinesfalls eine zusammengekaufte Truppe. Im Gegenteil, Woche für Woche gehörten mit Udo Defitowski, Wolfgang Christoph, Andreas und Michael Loges vier aus der Jugend aufgerückte „Pyrmonter Jungs“ zur Stammelf. Mit Torwart Gerd Brandau (Emmerthal), Mittelfeldstratege Werner Rissiek (Elbrinxen) und Verteidiger Bernd Hagemann (Barn-trup) zudem Spieler aus der Nachbarschaft.

Nach einer soliden Saison (33:35 Punkte), in der Maaßen bereits nach fünf Spieltagen den erst im Sommer verpflichteten Kurt Koch feuerte (erster Trainer-Rauswurf in der Amateur-Oberliga) und durch Imre Vincze ersetzte, begann ein Jahr später schon der Niedergang. Bei Maaßen waren durch die Ölkrise und die starke Rezession in der Autobranche die Kassen leer. Im März 1977 ging seine Ära an der Südstraße zu Ende. Und eine total umgebaute Mannschaft stieg mit 4:64 Punkten und 20:159 Toren sang- und klanglos in die Landesliga ab.



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