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Andreas Wittrock spricht im Dewezet-Interview über den Imageschaden, den der Fall „Manfred Amerell“ verursacht hat

Das sagt der Kreisfußballboss zum DFB-Sexskandal

Seit Tagen sorgt der DFB-Sexskandal für Diskussionsstoff – auch in der heimischen Fußballszene. Manfred Amerell soll Bundesligareferee Michael Kempter sexuell belästigt haben. Der langjährige Schiedsrichtersprecher, der inzwischen zurückgetreten ist, bestreitet die Vorwürfe gegen seine Person. Die Dewezet-Sportredaktion hat den „Fall Amerell“ zum Anlass genommen, mit Kreisfußballboss Andreas Wittrock ein Interview zu führen. Mit ihm sprach Andreas Rosslan über den Imageschaden, der der Schiedsrichterzunft entstanden ist, und die Lehren, die der Fußballkreis Hameln-Pyrmont aus dem Fall ziehen kann.

veröffentlicht am 28.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 01:41 Uhr

Herr Wittrock, kennen Sie eigentlich Schiedsrichter, die sexuell belästigt worden sind?

Persönlich kenne ich keinen männlichen oder weiblichen Schiedsrichter oder Sportler, der sexuell belästigt worden ist.

Wie groß ist der Imageschaden, der durch den DFB-Sexskandal für die Schiedsrichterzunft entstanden ist?

Jede Negativschlagzeile über das Schiedsrichterwesen kratzt am Image der Schiedsrichter. Somit nimmt das Schiedsrichterwesen auch in diesem Fall großen Schaden, der ihm noch lange Zeit anhaften wird.

Befürchten Sie, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr unterstützen, der 23. Mann auf dem Platz zu werden?

Wenn Sie diese Frage im Zusammenhang mit dem aktuellen Thema stellen, so hoffe ich das zumindest nicht. Schiedsrichter kann jeder Jugendliche werden, der das 14. Lebensjahr vollendet hat. In diesem Alter haben die Mädchen und Jungen bereits eine eigene Wahrnehmung. Wir Verantwortlichen in den Verbänden und in den Vereinen müssen uns aber stets klar machen, dass immer und überall jemand sein kann, der unlautere Absichten hegt. Es ist deshalb unsere Aufgabe, die Jugendlichen auf Gefahren hinzuweisen und sie zu sensibilisieren, sich immer dann, wenn sie sich belästigt oder unter Druck gesetzt fühlen, an ihre Eltern oder an eine andere Person ihres Vertrauens zu wenden, um den Vorfall zu berichten, damit entsprechende Maßnahmen besprochen und eingeleitet werden können.

Könnte es in den nächsten Jahren einen massiven Einbruch an nachrückenden Schiedsrichtern geben?

Auch hier hoffe ich, dass es aus dem von Ihnen aufgegriffenen Thema „DFB-Sexskandal“ heraus nicht dazu kommen wird. Hier befürchte ich dagegen ganz andere Ursachen, was allerdings zu demselben Ergebnis führen kann. Dabei denke ich zum Beispiel an die zunehmende verbale und manchmal auch körperliche Gewalt, der sich gerade junge Schiedsrichter oft ausgesetzt fühlen. Es ist für mich nämlich nicht nachvollziehbar, dass von einem gerade ausgebildeten, jungen Schiedsrichter Leistungen erwartet werden, die er aufgrund mangelnder Erfahrung überhaupt nicht erbringen kann. Hier sehe ich alle am Fußball Beteiligten in der Pflicht, nicht nur Nachsicht zu üben, sondern den im Sport üblicherweise an erster Stelle stehenden Fair-Play-Gedanken auch zur Geltung zu verhelfen. Die DFB-Ebene wird von dieser Problematik nicht betroffen sein, da die dort benötigten Schiedsrichter aus einem großen Schiedsrichterbestand der Landesverbände ausgesucht werden.

Wie kann man junge Schiedsrichter besser schützen?

Meines Erachtens muss derjenige, der sich sexuell belästigt fühlt, ohne Rücksicht auf seine Karriere, ein derartiges Verhalten sofort und uneingeschränkt mitteilen und gegebenenfalls öffentlich machen. Und das umso mehr, als er dadurch nicht nur sich selbst schützt, sondern auch andere vor solchen Übergriffen bewahrt. Das hätte ich in diesem Fall auch von dem 27 Jahre alten Michael Kempter, der mit 18 Jahren DFB-Schiedsrichter wurde, seit 2004 in der 2. Bundesliga, seit 2006 in der 1. Bundesliga pfeift und seit kurzem auf der Liste der FIFA-Schiedsrichter steht, erwartet. Nach meiner Kenntnis werden die heutigen DFB-Schiedsrichterlehrgänge auch psychologisch begleitet. Deshalb meine ich, muss aus diesem Vorfall heraus ein weiterer Baustein in die Schiedsrichterausbildung und Schiedsrichterfortbildung aufgenommen werden, der sich dem Thema Abhängigkeiten annimmt.

Ist das Schiedsrichterwesen ein Geheimorden, wie Reinhard Rauball behauptet?

Nein. Das Schiedsrichterwesen befindet sich in einer besonderen Situation. Das liegt meines Erachtens an der Art, wie Vereine, Spieler, Offizielle, Fans und die Medien all zu oft mit den Schiedsrichtern und ihren Leistungen umgehen. Auf der anderen Seite wird das Schiedsrichterwesen nach wie vor nur als notwendiges Übel des Fußballs betrachtet. Wenn man sich also so schon nicht unbedingt dazugehörig fühlt, dann bleibt man halt unter sich und baut einen Schutzschild um sich herum auf. Im Fußballkreis gibt es einen jährlichen Gedankenaustausch zwischen Schiedsrichtern und Trainern, der meiner Auffassung nach allerdings nur zu einer kurzfristigen Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses führt und irgendwann wieder abflacht. Regelmäßig miteinander im Gespräch zu sein, ist deshalb ganz wichtig.

Kritiker bemängeln oft die mangelnde Transparenz. Auch von Vetternwirtschaft ist die Rede.

Die mangelnde Transparenz bezieht sich auf die Beurteilung der Schiedsrichterleistungen durch die Spielbeobachter und die daraus resultierenden Entscheidungen über den Auf- und Abstieg von Schiedsrichtern. Die Leistungsbeurteilungen der einzelnen Schiedsrichter gehören nach meiner Auffassung auch nicht in die breite Öffentlichkeit. Wenn Sie einmal überlegen, wie groß die Beurteilungsunterschiede der Beteiligten zu Schiedsrichterleistungen an jedem Wochenende sind, können Sie sich vorstellen, zu welchem Ergebnis eine öffentliche Debatte über die von Beobachtern festgestellten Schiedsrichterbeurteilungen führen würde. Die Vetternwirtschaft ist daher eine subjektive Wahrnehmung, die sich meiner Auffassung nach aus der Problematik der persönlichen Anforderungen und zeitlichen Inanspruchnahme eines Schiedsrichters, bezogen auf seine berufliche und familiäre Situation ergibt und dazu führt, dass eben nicht jedermann bis in die höchsten Klassen aufsteigen kann. Hieran haben auch die 3 600 Euro, die ein Bundesligaschiedsrichter für sein Spiel erhält, nichts geändert.

Müssen die verkrusteten Strukturen im Schiedsrichterwesen aufgebrochen werden?

Der Begriff der verkrusteten Strukturen ist mir zu pauschal. Jedes System muss immer wieder überprüft und veränderten Bedürfnissen angepasst werden. Aber auch bei diesem Thema müssen die verschiedenen Ebenen betrachtet werden. Es sind überwiegend Ehrenamtliche, die diese Arbeit mit ihren Fähigkeiten in ihrer Freizeit erbringen. Auf der DFB-Ebene wird dagegen professionell gearbeitet, wenngleich auch dort die Gremienpositionen ehrenamtlich besetzt sind. Das Problem liegt nach meiner Einschätzung weniger an den Strukturen, als an den handelnden Personen.

Ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen den jungen Schiedsrichtern und ihren „Vorgesetzten“ zu groß?

Ich habe persönlich ein gespaltenes Verhältnis zu der praktizierten Frühförderung der Schiedsrichter. Wie an der Karriere von Michael Kempter dargelegt, hatte er mit 18 Jahren die DFB-Liste erreicht. Er hatte mit 12 Jahren seine Schiedsrichterprüfung abgelegt, was in Niedersachsen nicht möglich ist, und ist dann in den Folgejahren kontinuierlich aufgestiegen. In dieser Lebensphase befand er sich sowohl in der persönlichen, als auch schulischen beziehungsweise beruflichen Entwicklungsphase. Dazu kam das zeitaufwendige Hobby eines Schiedsrichters, das, wenn es intensiv betrieben wird, kaum Möglichkeiten lässt, Spielansetzungen nicht wahrzunehmen und an Fortbildungsmaßnahmen nicht teilzunehmen. Aus diesen Umständen ergeben sich natürlich Abhängigkeiten, die mitunter zuungunsten eines Schiedsrichters ausfallen können. Dennoch sollte jeder wissen, dass ein Einzelner nicht über den Auf- oder Abstieg eines Schiedsrichters befindet, sondern diese Entscheidungen im jeweiligen Schiedsrichterausschuss beraten und getroffen werden. Aber natürlich ist es schon wichtig, als junger Schiedsrichter einen fachkundigen Fürsprecher zu haben, das ist mir in meiner Schiedsrichterlaufbahn ebenso ergangen.

Homosexualität ist ein Tabu im Fußball. Sollten sich schwule Schiedsrichter und Sportler outen?

In unserer Gesellschaft nimmt die Akzeptanz der Homosexualität glücklicherweise immer mehr zu. In Teilbereichen unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel im Sport und dabei insbesondere im Fußball, dagegen noch nicht. Dabei könnte gerade der Fußball auch hier eine positive Vorreiterrolle einnehmen. Der DFB unternimmt immer wieder Anstrengungen, die Integration benachteiligter Personengruppen zu fördern. Deshalb würde ich es sehr begrüßen, wenn in dieser Frage der DFB und der DFL-Ligaverband die Federführung übernehmen und eine Akzeptanz fördern beziehungsweise unterstützen würden, die es Betroffenen ermöglicht, sich gefahrlos zu outen. Hier käme auch auf die Medien eine große Verantwortung zu, für dieses Thema bei den Fans mit Verständnis und Toleranz zu werben. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang, dass es bereits einen schwulen Vereinspräsidenten wie schwule Fanklubs gibt, sodass komischerweise auf der Passivseite des Fußballs, eine gewisse Anerkennung anders lebender Menschen vorhanden ist. Anmerken möchte ich, dass in dem von Ihnen zum Anlass genommenen Fall, nach meiner Kenntnis, keine Hinweise auf eine Homosexualität des Schiedsrichters vorliegen.

Welche Lehre kann der Fußballkreis Hameln-Pyrmont aus dem „Fall Amrell“ ziehen? Zum Beispiel im Hinblick auf die Schiedsrichter-Ausbildung und -Talentförderung.

Ich denke, dass es ganz wichtig ist, den jungen Schiedsrichtern deutlich zu machen, dass sie eine eigene Persönlichkeit besitzen, die von uns ernst genommen wird. Bei allen Lehrgängen weisen wir die jungen Schiedsrichter darauf hin, dass sie in erster Linie ihre schulische und berufliche Ausbildung abschließen sollten, bevor sie sich intensiv dem Schiedsrichterwesen zur Verfügung stellen. Denn dann haben sie auch die Reife, ihr eigenes Tun und Handeln zu reflektieren, und können einen Selbstschutz vor Abhängigkeiten aufbauen. Und natürlich sollen sie wissen, dass immer dann, wenn sie sich ungerecht behandelt, belästigt oder anderweitig unter Druck gesetzt fühlen, sie die Möglichkeit erhalten, sich auch kritisch zu Wort melden zu können. Dieses gilt aber für alle Schiedsrichter.

Bundesligareferee Michael Kempter, der von Manfred Amerell sexuell belästigt worden sein soll, brachte den DFB-Sexskandal ans Tageslicht.

Kreisfußballboss Andreas Wittrock sagt, dass er persönlich keinen männlichen oder weiblichen Schiedsrichter oder Sportler kennt, der sexuell belästigt worden ist.



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