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Adventskalender Tür 6: In der Kabine von Hamelns Basketballern

HAMELN. In der Adventszeit wollen wir für Sie, liebe Leserinnen und Leser, Türen öffnen. Die Redaktion besucht Orte, die nicht für jedermann zugänglich sind und verrät das ein oder andere Geheimnis, das hinter dem Türchen steckt. Heute: Ein Blick in die Kabine der Basketballer des VfL Hameln.

veröffentlicht am 06.12.2017 um 00:00 Uhr

Sitzen mit hängenden Köpfen in der Kabine: Die Basketballer des VfL Hameln. Foto: mha

Autor:

Matthias Abromeit

Kabine S9, irgendwo in den dunklen Katakomben der IGS Linden in Hannover. Sie wirkt kalt, zugig. Die schlichten Holzbänke und das orangerot an den unverputzten Wänden versprühen den Charme der 1970er Jahre. Kein Ort, an dem man freiwillig eigentlich lange verweilen wollte. Erst als die Hamelner Korbjäger, allen voran Abteilungsleiter Heinrich Lassel, diesen tristen Raum betreten, zieht Herzlichkeit ein. Schwer bepackt mit zwei großen, blauen Tragetaschen eines schwedischen Möbelhauses nimmt Lassel eine Bank in Anspruch.

Die blauen Auswärtstrikots müssen verteilt werden. Die Spieler haben sich etwas länger Zeit bei ihrem kurzen Weg vom Parkplatz gelassen. Denn ihre gefüllten Taschen und die Kiste Wasser wiegen doch mehr. Auch Trainer Dzenan Softic schleppt ein wichtiges Utensil: Die Packung Kinder-Pingui – Energiespender für müde Basketballspieler.

„Das gehört immer dazu. Ich bereite Bananen und Schokoriegel vor“, sagt Lassel, während er die eigenhändig gewaschenen Trikots fein säuberlich über die Lehnen der Umkleidebänke hängt. „Nummer 11, das ist Jani-Boy, Nummer 14 kommt noch später, Nummer 7 kommt heute nicht.“ Zu jedem Trikotsatz ein freundlicher Spruch. Dass an diesem Tag bei einigen Trikots „kommt nicht“ zu hören ist, ist das Los der Hamelner. Job, Schule, Hausbau, Krankheit, Verletzung – es gibt im Hamelner Lager derzeit viele Gründe, warum die Mannschaft immer wieder dezimiert ist. Immerhin acht Spieler sind es diesmal. Viel gesprochen wird nicht. Angespannt sind alle. Umziehen, Trikots und Hose überstreifen, schnell noch einen Schokoriegel und dann geht es mit Taschen, Wasserkiste und der noch halbvollen Packung Energiespender raus in die Halle. „Wir sind ein Team“, so der Schlachtruf der Mannschaft.

Ich reiße mir hier den Arsch auf. So macht das keinen Spaß. Ich will, dass sich hier endlich jeder den Arsch aufreißt.

Dominic Rudge, Kapitän des VfL Hameln

Rund eine Stunde später: Wieder füllt sich die triste Kabine. Aber nicht mit Leben. Gesprochen wird noch weniger – zunächst. Ein bitterer Rückstand hat auch die Minen verbittert. Leere Blicke, wenig Worte. Sauer sind alle. Coach Softic lässt das noch nicht raus, als er das Wort ergreift. Er bleibt ruhig. „Mehr über Lars und Boris. Die Rookies müssen lernen, ihr alle müsst sie pushen, motivieren“, ist zu hören. Und auch der Gegner sei nicht so gut. Angesichts eines 21-Punkte-Rückstands schwer zu glauben. Doch die Hamelner wissen um ihre Stärken – und an diesem Tag um ihre Schwächen.

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Und plötzlich bricht es heraus. Es wird lauter, deutlich lauter. „Ich reiße mir hier den Arsch auf. So macht das keinen Spaß. Ich will, dass sich hier endlich jeder den Arsch aufreißt.“ Klare Worte des Kapitäns: Dominic Rudge. Sie schaffen es wieder ruhiger zu werden. „Let´s go“, „Wir sind ein Team.“ Nur einen Schokoriegel will jetzt keiner mehr.

Noch eine Stunde später der dritte Auftritt in der Kabine. Der Rückstand hat sich kaum verändert, die leeren Minen auch nicht. Die Laune des Trainers ebenso wenig. Nun wird auch er laut. Es geht um Einsatzzeiten, die manchen gestandenen Spielern zu kurz waren. Aber Murren lässt der Coach gar nicht zu. Die Jugend müsse Erfahrungen sammeln. „Ihr müsst sie unterstützen.“ Dazu gehört auch das eigene Schmoren auf der Ersatzbank. Basta!

Erst die Dusche wäscht den Frust und die Missstimmung weg. Nun wirken alle entspannter. Die Niederlage, ohnehin im Hamelner Lager schon zur Gewohnheit geworden, ist akzeptiert. Leider. Und die Reibereien? „Mädchengezicke eben. Aber am Ende des Tages haben wir uns alle wieder lieb“, sind sich Boris Bonhagen und Dominic Rudge einig. Stimmt. Schon die Verabschiedung auf dem Parkplatz ist wieder herzlich, als sich alle nach Hause machen. Nur einer bleibt leer und ohne Energie zurück. Die Packung Schokoriegel ist unbemerkt doch leer geworden. Energie und noch mehr Nervennahrung eben.

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