weather-image
13°

Erschöpft, aber glücklich: Marathonläufer Eike Dempewolf am Ziel seiner Träume

Sich quälen kann so schön sein…

Es ist 8:45 Uhr. Noch eine Viertelstunde bis zum Start. Im Schatten von Eiger, Mönch und Jungfrau, dem berühmtesten Dreigestirn der Alpen, tummeln sich 4027 Läuferinnen und Läufer. Der Osterwalder Eike Dempewolf und sein bester Kumpel Dirk Reimann sind mittendrin. Vor dem Marathon-Duo liegt der wohl schönste Berglauf der Welt – aber auch einer der schwersten. Das über 42 Kilometer entfernte Ziel liegt am Fuß der Eiger-Nordwand, auf über 2000 Meter Höhe.

veröffentlicht am 05.10.2010 um 17:44 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:07 Uhr

Schritt für Schritt den Berg hinauf: Eike Dempewolf.
aro

Autor

Andreas Rosslan Sportreporter zur Autorenseite

Während der Countdown im Sekundentakt läuft, steigt bei dem 43-jährigen Osterwalder das Lampenfieber. Gleich geht es los. Selbst der „Wettergott“ meint es gut. Das Thermometer zeigt 11 Grad. Und die Sonne scheint vom fast wolkenlosen Himmel. Was will man mehr?

Wenige Augenblicke vor dem Startschuss wirkt Dempewolf nachdenklich. Selbstzweifel machen sich breit: „Stehen wir die Tortur durch?“ Doch als sich der Tross um 9 Uhr endlich in Bewegung setzt, sind die Gedanken frei. Nach einer 3-Kilometer-Schlaufe durch Interlaken folgt ein kurzer Abstecher zum fast 300 Meter tiefen grün-blauen Brienzersee. Die ersten 10 Kilometer sind flach wie bei einem City-Marathon. Viele Zuschauer stehen an der Strecke und klatschen Beifall. Bei der uralten Holzbrücke von Wilderswil folgt der erste knackige Anstieg. Felswände prägen hier die Landschaft. Nun geht es an der Lütschine entlang. Aus der Jungfraubahn winken Fahrgäste auch Dempewolf zu. Bei Kilometer 20 liegt das Dorf Lauterbrunnen, mit dem berühmten Wasserfall: dem Staubbach. Die Hälfte der Strecke ist nach knapp zwei Stunden geschafft. Es folgt eine völlig flache 6-Kilometer-Schlaufe zum Trümmelbach, bevor bei Kilometer 26 die Qual erst richtig beginnt. Es geht hinein in die Wand: 26 Serpentinen bis Wengen, einem der bekanntesten Orte des Berner Oberlandes. Der 43-Jährige genießt Schritt für Schritt, auch wenn es wehtut. „Aufgeben? Niemals!“

Die ersten Frauen und Männer bekommen Krämpfe. Auch Dempewolf muss das Tempo drosseln. Hier auf der Sonnenterrasse, hoch über dem Tal, erreicht der Tross den 30. Kilometer. Doch noch liegen 1000 Meter Steigung vor ihnen. Mit Kuhglocken, Alphörnern und Schweizer Flaggen begrüßen die Zuschauer in Wengen die Läufer, die beim letzten, kräftezehrenden Drittel der Strecke an ihre Leistungsgrenze gehen müssen. „Endlich!“ Bei Kilometer 36 erreicht Dempewolf mit seinem Freund Wengeralp. Oberhalb der Waldgrenze genießt das Duo das atemberaubende Postkarten-Panorama aus himmelstürmenden Felswänden und gleißenden Gletschern. Dieser unvergessliche Anblick mobilisiert noch einmal die letzten Kräfte. Jetzt geht es steil bergauf. „Überholen? Unmöglich!“

Ein Dudelsackpfeifer empfängt die Läufer am höchsten Punkt des Marathons in 2211 Meter Höhe.

Wie an einer Perlenschnur aufgereiht, kämpfen sich die Läufer aus aller Welt im Schritttempo bergauf bis zum sehnsüchtig erwarteten Dudelsackpfeifer, der am höchsten Punkt des Marathons in 2211 Meter Höhe musiziert. Es ist fast geschafft! Es geht noch einen Kilometer leicht bergab ins Ziel. Der atemberaubende Anblick der Eiger-Nordwand lässt auch Dempewolf die Strapazen der vergangenen fünfeinhalb Stunden vergessen. Seine totale Erschöpfung weicht nach der Zielankunft einer großen Genugtuung: „Ich bin stolz, dieses unvergessliche Laufabenteuer gemeistert zu haben.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt