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Sein letztes Interview als Chefcoach des RV Weser: Morgen wird Trainer-Urgestein Hans-Jörg Sehrbrock verabschiedet

„Die Erfolge sind nicht alle auf meinem Mist gewachsen“

Schon seit einiger Zeit spielte er mit dem Gedanken, seinen Trainerjob an den Nagel zu hängen. Morgen ist es nun soweit. Beim Neujahrsempfang des RV Weser wird Hans-Jörg Sehrbrock als Chefcoach des Hamelner Ruderklubs offiziell verabschiedet.

veröffentlicht am 07.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 02:21 Uhr

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Schon seit einiger Zeit spielte er mit dem Gedanken, seinen Trainerjob an den Nagel zu hängen. Morgen ist es nun soweit. Beim Neujahrsempfang des RV Weser wird Hans-Jörg Sehrbrock als Chefcoach des Hamelner Ruderklubs offiziell verabschiedet. „Yogi“, wie der 55-Jährige von seinen Freunden genannt wird, übergibt nach fast 25 Jahren sein Amt in jüngere Hände: an Jan Jedamski und Sebastian Stolte. Im Interview mit Dewezet-Sportredakteur Andreas Rosslan blickt der erfolgreichste Trainer in der Vereinsgeschichte des Rudervereins zurück und plaudert aus dem Nähkästchen.

Herr Sehrbrock, alle sprechen über die Rente mit 67 – und Sie gehen als Cheftrainer des RV Weser schon mit 55 Jahren in den Ruhestand. Ist das nicht ein bisschen früh?

Nein. Ich habe fast 25 Jahre den Trainerjob ehrenamtlich gemacht. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, zu sagen: Es reicht. Es sind mit Jan Jedamski und Sebastian Stolte junge Leute da, die die Trainingsleitung übernehmen können. Das war all die Jahre vorher nicht der Fall. Ich persönlich habe als Trainer alles erreicht, was man erreichen kann. Jetzt ist der Punkt, an dem ich sagen muss: Es ist gut.

Eigentlich hätten Sie jetzt an ihren freien Wochenenden genügend Zeit, ein Buch zu schreiben: zum Beispiel ein Kapitel über die Trainingslager in Hildesheim und das bei den Hamelner Ruderern sehr beliebte Osterhasi-Spiel.

(lacht) Oh ja, Tobias Schneider hat sich dabei sogar schon einmal einen Finger gebrochen. Und auch ein zusammengebrochener Tisch steht auf der Verlustliste.

Wie kann man sich denn beim Osterhasi-Spiel den Finger brechen? Gibt es keine Spielregeln?

Es gibt verschiedene Varianten des Osterhasi-Spiels, die beliebteste ist, wenn sich die gesamte Mannschaft um einen Tisch versammelt, auf dem ein Schokoladenhase steht. Auf Kommando stürzen sich dann alle auf einmal auf das arme Tier, um ein möglichst großes Stück davon abzubekommen.

Und dabei hat sich Tobias Schneider den Finger gebrochen?

Ja, er ist gestolpert und die ganze Mannschaft hat sich auf ihn gestürzt. Dabei ist ihm einer auf den Finger getreten. Trotz Fingerbruch hat er danach aber wochenlang kein Rennen verloren. Man kann also auch mit einem gebrochenen Finger rudern (lacht).

Den Trainerjob machen Sie fast 25 Jahre. Stimmt es eigentlich, dass Sie nur aufgrund einer Zeitungsanzeige in Hameln gelandet sind?

Das stimmt. Ich hatte mich damals auf eine Chiffre-Anzeige beim BHW beworben und gar nicht damit gerechnet, dass ich in Hameln genommen werde. Aber dann ging alles sehr schnell. Ich bin also aus beruflichen Gründen nach Hameln gekommen, beim RV Weser bin ich dann später eher zufällig gelandet. Ich war früher Jugendtrainer in Dortmund. Es war gar nicht mein Ziel, dass ich hier in Hameln Trainer werde.

Sie wurden es dann aber doch und sind inzwischen der erfolgreichste Trainer in der über 125-jährigen Vereinsgeschichte des RV Weser.

Wenn ich zurückblicke, was wir in den vergangenen Jahren so alles erreicht haben, bin schon ein bisschen stolz. Die vielen Erfolge sind aber nicht alle auf meinem Mist gewachsen. Ich war nur der Kopf eines Teams, das Hand in Hand zusammengearbeitet hat. Alleine hätte ich das bestimmt nicht geschafft.

Es gab viele Siege, aber der 1000. im Jahr 1992 soll eine schwere Geburt gewesen sein?

Das ist eine witzige Geschichte. Unser Junioren-Vierer mit Moritz Kleine, Stefan Behrens, Henning Weigt, Dirk Brockmann und Steuermann Frank Bode holte damals am Samstag bei einer Regatta in Bremen den 999. Sieg. Die Sektflaschen lagen schon kalt, aber nichts passierte mehr. Die anderen Trainer spotteten schon: „Was ist denn nun mit eurem 1000. Sieg?“ Ich habe damals gesagt, was 107 Jahre dauert, kann auch noch einen Tag länger warten. Am nächsten Tag ließen unsere Jungs gegen einen leichten Gegner nichts anbrennen und holten sich den Erfolg. Der Jubel war dementsprechend groß, denn Helmut Griep spendierte uns dafür ein große Torte.

Das war 1992, ein Jahr später wurde Moritz Kleine in Norwegen Weltmeister. Steht die Eiche eigentlich noch, die er nach seiner Rückkehr am Bootshaus pflanzen durfte?

Die Moritz-Eiche steht noch. Moritz selbst hat jahrelang darauf aufgepasst, dass keiner mit seinem Baum Schindluder treibt (lacht). Die Eiche hat Kult-Status. Sie ist im Laufe der Jahre ganz schön groß geworden und hat sogar den Anbau überlebt.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion setzten Sie sich damals mit einem Tross Richtung Norwegen in Bewegung, um beim WM-Finale dabei zu sein.

Das war nicht geplant, denn die Anreise war selbst den ruderverrückten Fans und seinen Eltern eigentlich zu weit. Doch als sich Moritz mit dem deutschen Junioren-Achter mit Weltbestzeit im Vorlauf fürs Finale qualifizierte, waren wir alle wie elektrisiert. Wir kamen total übernächtigt in Aarungen an und wurden mit einem Start-Ziel-Sieg belohnt. Zum Glück hatte Papa Kleine ein bisschen Bier dabei, das ist ja fast Gold-Währung in Norwegen.

Die „drei Musketiere“ Michael Ruhe, Jan-Martin Bröer und Matthias Hobein holten nach der Jahrtausendwende internationale Erfolge am Fließband. Was war das Erfolgsgeheimnis?

Mit dem kleinen Henrik Hobein, der Vize-Weltmeister bei den Junioren war, sind es sogar vier. Sie waren alle sehr talentiert und ehrgeizig – und sie konnten sich quälen. Rudern sieht von außen betrachtet zwar so einfach und leicht aus, es ist aber weder leicht noch einfach. Wer auch international erfolgreich sein will, muss täglich trainieren und sein Leben nach dem Ruder-Zyklus ausrichten. Außerdem hatten die Jungs Eltern, die sie auf ihrem Weg immer unterstützt haben.

Bei Olympia 2004 in Athen waren mit Ruhe und Bröer erstmals Ruderer des RV Weser dabei. Sie durften das Finale beim Public Viewing im Bootshaus live für Radio Aktiv kommentieren.

Ich war damals selbst sehr nervös, schließlich waren zwei von meinen Jungs im Olympiafinale. Das Rennen fing super an: Nach 500 Metern war der Deutschland-Achter Zweiter, brach dann aber total ein und belegte am Ende nur den undankbaren vierten Platz. Warum, weiß ich bis heute nicht. Eigentlich war klar, wenn man Kanada schlägt, hat man eine Medaille. Sie haben Kanada geschlagen, standen aber am Ende mit leeren Händen da.

Wer löst das nächste Olympia-Ticket? Mit Nora Wessel und Nele Burgdorf hat der Verein zwei weibliche Supertalente in seinen Reihen.

Vom Alter und der Leistung ist Nora am nächsten dran, die jetzt ja schon in der U23-WM in der olympischen Bootsklasse gefahren ist. Olympia 2012 kommt aber wohl noch zu früh, weil es bei den Leichtgewichten nur zwei Startplätze gibt. Nele muss jetzt den nächsten Schritt gehen. Das nächste Ziel muss die Junioren-Weltmeisterschaft sein. Talent hat sie, aber wie es weitergeht, muss man abwarten. Sie ist noch jung, deshalb sollte man ihr auch keine Flausen in den Kopf setzen.

Sind Sie als Trainer eigentlich ein Frauenversteher? Es soll ja nicht so leicht sein, Mädels zu trainieren.

Meine Jungs würden bestimmt alle lachen, wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich ein Frauenversteher bin. Mädels zu trainieren, ist für mich eine echte Herausforderung gewesen, weil ich ein Trainertyp bin, der klare Worte spricht. Ein Frauenversteher-Gen habe ich zwar nicht, aber ich habe mit Nele Burgdorf vergangene Saison bewiesen, dass ich auch „Püppies“ trainieren kann. Damit ist das Thema jetzt auch geklärt (lacht).

Morgen werden Sie als Chefcoach offiziell verabschiedet. Fällt es Ihnen schwerer als gedacht, die Verantwortung in jüngere Hände zu übergeben?

Es fällt mir wirklich nicht so leicht, muss ich zugeben. Einerseits genieße ich es, dass der Kopf frei ist, weil die Verantwortung nicht mehr auf meinen Schultern lastet. Andererseits fehlt mir der Kontakt zu den jungen Leuten schon ein bisschen.

Jeder Ruderer soll auch mal ein Einer-Rennen bestritten haben. Wann war denn Ihr erstes Mal?

Ich war schon 18, als ich mein erstes Einer-Rennen fuhr – unter anderem gleich gegen den amtierenden Jugendmeister. Bei den nächsten beiden Einer-Rennen in Dortmund hatte ich leichte Gegner. Das waren meine ersten beiden Siege. Hinterher stand in der Zeitung: RC Hansa gewinnt für Deutschland – Sehrbrock stark. Das war die schönste Schlagzeile, die ich als Ruderer je hatte (lacht). Das eine war eine Anfängerregatta, das andere war ein Länderkampf.

Auch Ihr Nachfolger als Chefcoach, Jan Jedamski, war anfangs nicht gerade ein Einer-Crack?

Das stimmt. Als Junior gelang es ihm in vier Jahren nicht, ein halbwegs vernünftiges Rennen im Einer zu fahren. Ich hatte ihn eigentlich schon abgeschrieben, doch in der Männer-Klasse bekam er plötzlich den Einer in den Griff und entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Einer-Ruderer, die wir je gehabt haben. Also mit ein bisschen Willen ging es dann ja doch… (schmunzelt).

Herr Sehrbrock, vielen Dank für das Gespräch.

„Yogi“ sagt Tschüss: Nach fast 25 Jahren wird Hans-Jörg Sehrbrock morgen beim Neujahrsempfang des RV Weser offiziell als Chefcoach verabschiedet.



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