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Der gefühlte Sieg: Osterwalder Eike Dempewolf erreicht beim Zermatt-Ultra-Marathon völlig erschöpft das Ziel

Beim Blick aufs Matterhorn sind die Qualen vergessen

Einige schütteln nur mit dem Kopf. Und notorische Sofasitzer erklären die Ultra-Marathonläufer, die sich mit dem Matterhorn vor Augen über fast 50 Kilometer über die steilen Berge quälen, bestimmt für verrückt. Aber das stört den Osterwalder Eike Dempewolf und seinen Kumpel Dirk Reimann nicht wirklich.

veröffentlicht am 14.07.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 14:00 Uhr

aro

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Sportreporter zur Autorenseite

Einige schütteln nur mit dem Kopf. Und notorische Sofasitzer erklären die Ultra-Marathonläufer, die sich mit dem Matterhorn vor Augen über fast 50 Kilometer über die steilen Berge quälen, bestimmt für verrückt. Aber das stört den Osterwalder Eike Dempewolf und seinen Kumpel Dirk Reimann nicht wirklich. Für die beiden „Gipfelstürmer“ ist diese Qual die Herausforderung schlechthin und „eine absolute körperliche Grenzerfahrung“. Um topfit zu sein, hat das Duo vier Monate intensiv trainiert: bis zu 90 Kilometer pro Woche sind sie im heimischen Weser-Leine-Bergland gelaufen. Im vergangenen Monat gab es dann auch noch einige Tempo-Dauerläufe am Brocken im Harz als Vorbereitung, denn schon der normale Zermatt-Marathon – einer der anspruchsvollsten in Europa – hat es in sich: Über 1900 Höhenmeter müssen die Läufer bewältigen, um von St. Niklaus – im tiefsten Tal der Schweiz – über den 1616 Meter über dem Meer gelegenen Weltkurort Zermatt in die Mitte von 29 Viertausendern mit dem 2585 Meter hoch gelegenen Riffelberg zu gelangen. Während die normalen Marathonläufer bei der Kapelle auf dem Riffelberg das Ziel vor Augen haben, haben die Ultras noch exakt 3,4 Kilometer und happige 514 Höhenmeter vor sich. Jeder, der im Ziel ankommt, darf sich als Sieger fühlen. Und spätestens beim Blick aufs Matterhorn sind die Schmerzen vergessen …

In den frühen Morgenstunden tummeln sich über 2000 Läuferinnen und Läufer am Start – unter ihnen Eike Dempewolf und Dirk Reimann. Als bei strahlendem Sonnenschein um 8.25 Uhr der Startschuss fällt, setzt sich der Tross in Bewegung. Der Weg verläuft zunächst idyllisch durch Almwiesen am rechten Ufer der Matter Vis-pa, bis die Geröllmassen eines gewaltigen Bergsturzes vom Frühjahr 1991 die Läufer zu einem ersten Steilanstieg zwingen. Dempewolfs Blicke schweifen in die Ferne, als bei Kilometer 20 über der Schlucht von Luegelli endlich das Matterhorn, das Schweizer Wahrzeichen schlechthin, mit seiner charakteristischen Pyramidenform ins Blickfeld rückt. Dann erreichen Dempewolf und Co. Zermatt. Am weltberühmten Kurort am Fuß des „Hörnli“, wo viele Zuschauer an der Strecke die Läufer lautstark anfeuern, ist Halbzeit. Für den Osterwalder ist der Applaus frische Motivation. Dann geht es hinauf zur Sunnegga. Der lange Aufstieg durch Arvenwälder und Almwiesen wird mit einem atemberaubenden Blick auf das Alpenpanorama belohnt. Die nächsten, flachen Kilometer im Grandtal mit dem tiefblauen Leissee und Grindjessee sind auch für Dempewolf eine willkommene Atempause.

Dann schiebt sich der Monte Rosa, mit 4634 Metern der höchste Schweizer Gipfel, ins Blickfeld. Bei der Riffelalp, 2222 Meter hoch gelegen, ist endgültig Schluss mit lustig. Denn der Kaiseranstieg ist nicht nur 5,5 Kilometer lang, sondern mit happigen 900 Höhenmetern auch ganz schön knackig. Mit bis zu 20 Prozent Steigung geht es an den Gleisen der Gornergrat Bahn hinauf zum Riffelberg. Dort, 2585 Meter über dem Meer, ist das Ziel der Marathonläufer. Für die „Ultras“ geht es dagegen geradeaus weiter. Jetzt heißt es, Zähne zusammenbeißen. Bei Dempewolf und Reimann ist der Akku so gut wie leer. Jeder Schritt wird zur Qual. Unzählige Male blickt Dempewolf auf seine GPS-Uhr, die die Höhe anzeigt. Noch immer sind 500 Höhenmeter zu absolvieren – und das Ziel noch nicht in Sicht. Auf dem steilen Weg nach oben rieseln zwischendurch sogar Schneeflocken vom Himmel.

Dann erreichen Dempewolf und Reimann im Schneckentempo und total erschöpft das Ziel. An einen Schlussspurt verschwendeten sie keinen Gedanken, denn selbst zum Jubeln fehlt die Kraft. Eine freundliche ältere Dame legt dem Osterwalder eine Decke um, die den ausgemergelten Körper vor der Kälte schützen soll. Es dauert einige Minuten, dann fällt ihm das Atmen wieder leichter. Sein Blick schweift hinab ins Tal, wo vor genau 6 Stunden und 41 Minuten alles begann.



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