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Frank-Michael Wahl, Ehrenspielführer der Handball-Nationalmannschaft, schwärmt von seinem Olympiasieg in Moskau

„Nach dem Sieg sind wir herumgetanzt wie Kinder“

Auch Sportler aus unserer Region haben bei den Olympischen Spielen Geschichte geschrieben – einer davon ist Hamelns ehemaliger Bundesliga-Handballer Frank-Michael Wahl. 1980 holte „Potti“ in Moskau mit der DDR-Nationalmannschaft Olympia-Gold. Auf den größten Erfolg seiner Karriere blickt er heute mit Stolz zurück.

veröffentlicht am 31.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:25 Uhr

Klaus Frye

Autor

Sportreporter zur Autorenseite

Gold, Gold, Gold! Und das ausgerechnet in der „Höhle des Löwen“ gegen den großen Bruder Sowjetunion. „Wir sind auf dem Spielfeld herumgetanzt wie kleine Kinder“, Frank-Michael Wahl erinnert sich an das Handball-Finale von Moskau immer wieder gern zurück. „Den Olympiasieg hatte da aber noch keiner von uns so richtig registriert.“ Erst als ihnen bei der Siegerehrung im Sokolniki-Palast die Goldmedaillen um den Hals gehängt wurden, war den DDR-Handballern tatsächlich klar, welchen Hammer sie kurz zuvor hatten krachen lassen.

Mit dem 23:22-Finalsieg nach Verlängerung sorgten die DDR-Handballer am 30. Juli 1980 für eine der größten Überraschungen der XXII. Olympiade. Beim Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft – 313 Länderspiele für die DDR, 31 für Deutschland nach der Wende – laufen die Tage von Moskau heute immer noch wie ein Film ab, wenn man mit ihm über den größten Erfolg seiner langen Karriere spricht: „Was sich da abspielte, das war spannender als ein Hitchcock-Krimi.“

Spätestens nach dem Gruppensieg in der Vorrunde machte Trainerfuchs Paul Tiedemann seinen Spielern klar: „Wir können das Ding gewinnen!“ Rückraum-Shooter Frank-Michael Wahl, damals beim DDR-Meister Empor Rostock auf Torjagd, spürt heute noch das Kribbeln in seiner rechten Wurfhand: „Wir wurden vor dem Endspiel immer cooler, die Russen immer nervöser.“ Und „Potti“ und seine Kameraden hatten spätestens am frühen Morgen des Finaltages auch die damals in der DDR so hoch gehandelte „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ ganz weit von sich geschoben. „Im Finale war nichts mehr mit DSF, da ging es von der ersten Minute an richtig zur Sache“, schmunzelt Wahl, der nach der Wende 1990 aus Rostock zum damaligen Zweitligisten SG VfLBHW Hameln an die Weser kam.

Seine Medaille und den olympischen Ehrenring von Moskau 1980 hütet Frank-Michael Wahl wie einen Goldschatz. Foto: haje

„Beim Ostsee-Cup in Kiel hatten wir die Russen einige Wochen vor der Olympiade zwar mal geärgert, doch vom Sockel des hohen Favoriten waren Weltklassespieler wie Igor Below und Co. nur schwer zu stürzen,“ gibt der Rekord-Nationalspieler heute noch zu. „Der Olympiasieg sollte für die Russen das Sahnehäubchen werden.“ Doch die Sahne wurde überraschend sauer. Gold nahm der „kleine Bruder“ mit – und dass, ohne zu fragen. „Das hat den Russen richtig wehgetan. Wenn wir danach mal wieder gegeneinander antraten, hatten wir keine guten Karten.“

Nach dem Triumph von Moskau liefen die Olympischen Spiele noch vier Tage weiter. „Wir haben uns gefühlt wie die Könige von Moskau“, erinnert sich Wahl. „Im olympischen Dorf herrschte zwar Alkoholverbot, doch das haben wir sofort aufgehoben. In unseren Sporttaschen haben wir das Bier eingeschmuggelt.“ Neben der Goldmedaille gab es für alle DDR-Olympiasieger auch 1980 den goldenen Ehrenring, der bereits seit 1968 vergeben wurde. „Ein richtig wertvolles Stück, 585er Gold. Ob sich die Verantwortlichen 1967, als sie diese Ehrung beschlossen, alles richtig überlegt hatten? Schließlich mussten sie bis 1988 trotz knapper Kassen ja einige Hundert Ehrenringe an ihre Olympiasieger überreichen,“ grübelt die Handball-Ikone noch heute.

In diesem Jahr hatte Wahl eigentlich den Besuch der Spiele in London fest eingeplant. Doch als es die Handballer nicht schafften, das begehrte Ticket zu lösen, hakte „Potti“ das Unternehmen schwer enttäuscht schnell wieder ab. „Das aktuelle Team hinkt der Weltspitze derzeit zu weit hinterher“, hat der Rekord-Nationalspieler früh erkannt. „Uns fehlt eine kompakte Mannschaft, die noch nicht einmal die großen Stars braucht.“ Dazu vermisst der inzwischen 55 Jahre alte ehemalige Weltklassespieler bei fast allen Akteuren „den unbedingten Siegeswillen“. Verständlich, dass „Potti“ deshalb wohl auch den Urlaub im sonnigen Süden der Olympiade in London vorzog.

 



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