weather-image
28°
×

WM 2015 ohne Deutschland: Das sagen die heimischen Handballer zur Krise der Nationalmannschaft

„Eine Katastrophe!“

Hameln-Pyrmont. Die Bundesliga ist angeblich die stärkste der Welt, aber mit dem deutschen Handball geht es seit Jahren bergab. Nach Olympia 2012 und der Europameisterschaft 2014 wurde durch das Play-off-Aus gegen Polen jetzt auch die WM-Qualifikation verpasst. Was läuft im deutschen Handball falsch – und was muss passieren? Ist Bundestrainer Martin Heuberger noch der Richtige? Die Dewezet-Sportredaktion hat sich in der heimischen Handball-Szene umgehört.

veröffentlicht am 17.06.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:53 Uhr

aro

Autor

Sportreporter zur Autorenseite

Stephan Kutschera, Handball-Chef der TSG Emmerthal: „Wenn der größte Handballverband der Welt schon beim dritten Turnier hintereinander fehlt, ist dieses schon eine mittlere Katastrophe. Die Nationalmannschaft sollte schon das Aushängeschild eines jeden Landes sein. Die Handball-Bundesliga wirbt mit der stärksten Liga der Welt, zwei deutsche Mannschaften sind im Championsleague-Finale. Die Schlüsselpositionen werden bei den Bundesliga-Klubs aber von vielen ausländischen Spielern belegt. In der Summe fehlt uns hier die internationale Erfahrung. Viele unserer Nationalspieler sind in Vereinen aktiv, die in der Bundesliga nur Mittelmaß sind. Die Vereine müssen den Mut haben, auf junge deutsche Spieler zu setzen und diese auch zu fördern. Je mehr Spieler dann den Durchbruch schaffen sollten, umso größer ist dann die Konkurrenz, auf die der Bundestrainer dann setzen kann. Wir haben vielleicht eine gute erste Sieben, aber bei dem, was danach kommt, merkt man doch schon Unterschiede. Sicherlich gibt es noch mehrere Punkte, an denen Veränderungen stattfinden, um den Handball wieder in bessere Zeiten zu führen. Natürlich muss der Bundestrainer hinterfragt werden, wenn man die Qualifikation zu drei großen Turnieren verpasst. Ich bin aber der Meinung, dass die verpasste WM-Quali nicht nur an einer Person festgemacht werden darf. Und ob Martin Heuberger der richtige Mann für diese Position ist oder nicht, müssen andere entscheiden.“

Sönke Koß, zuletzt Trainer des VfL Hameln: „Die verpasste WM-Quali ist ganz bitter für den deutschen Handball. Es ist schon das dritte große Turnier, das wir verpassen. Ich habe das Spiel gegen Polen gesehen. Meiner Meinung nach war die Niederlage völlig unnötig. Wir hätten es schaffen können. Wer eine Vier-Tore-Halbzeitführung aus der Hand gibt, ist selbst schuld. Ich habe das Gefühl, dass die deutschen Handballer für ihre Klubs in der Champions League mit mehr Leidenschaft zur Sache gehen als bei den Spielen der Nationalmannschaft. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls. Ich gehe davon aus, dass Bundestrainer Martin Heuberger nach der verpassten WM-Qualifikation gehen muss. Ein bisschen frischer Wind durch einen neuen Trainer tut bestimmt ganz gut. Vielleicht sollte der DHB einmal darüber nachdenken, einen ausländischen Trainer zu verpflichten.“

Carem Griese, Coach der HSG Fuhlen/Hess. Oldendorf: „Dass sich die Nationalmannschaft wiederum nicht für ein Turnier qualifizieren konnte, ist für den deutschen Handball ein Katastrophe! Dennoch sind die Probleme nicht neu. Die Erfolge der Vereinsteams sind toll, täuschen jedoch über die Qualitäten der deutschen Spieler hinweg, die leider viel zu selten Leistungsträger dieser Teams sind. Zudem fehlen auf den Schlüsselpositionen Spieler mit Format. Am Kreis ist vielleicht Patrick Wienczek bald soweit, sonst sind Schwarzers Erben rar. Im Rückraum gibt es in der Mitte und Links ebenfalls keine spielentscheidenden Figuren. Super Außen sind da, entscheiden aber die Spiele nicht. Also muss der eingeschlagene Weg mit jungen Leuten forciert werden. Ob dafür der Trainer der Richtige ist, kann ich nicht beurteilen. Heuberger hat wenig Charisma, aber seine Arbeit mit dem Team wird intern beurteilt werden müssen. Das stellt sich meist deutlich anders dar als im Fernsehen. Ich denke, dass die Verbandsspitze mit Bob Hanning einen sinnvollen Weg finden wird.“

6 Bilder
D. Männich

Danilo Loncovic, Hamelner Handball-Urgestein: „Ganz klar, die Strukturen im deutschen Handball müssen sich endlich ändern. Das geht aber nur, wenn sich die Vereine in der Bundesliga solidarisch erklären und den deutschen Spielern und vor allem dem Nachwuchs, der zweifellos vorhanden ist, wesentlich mehr Einsatzzeiten geben. Bei den Topklubs wird das aber schwierig, weil die mit ihren internationalen Stars auch ihre Hallen füllen. Außerdem muss unbedingt ein starker Bundestrainer, beispielsweise Martin Schwalb, her, der auch die nötige Rückendeckung hat. Martin Heuberger ist zweifellos ein guter Jugendcoach, für den internationalen Spitzenhandball reicht das aber nicht. Da fehlt ihm einfach die nötige Ruhe und Kompetenz.“

Nina Griese, MTV Rohrsen: „Für alle Handballer ist es natürlich sehr enttäuschend und traurig, dass wieder ein großes Turnier ohne Deutschland stattfinden wird. Meiner Meinung nach haben junge deutsche Talente in den Top-Bundesligamannschaften zu wenig Möglichkeiten, wenn es sie in diesen Vereinen überhaupt gibt. Die Füchse Berlin sind ein tolles Beispiel, dass auch junge Deutsche international mithalten können. In der deutschen Nationalmannschaft wurde zu spät der Umbruch von alt zu jung angestrebt. Das hätte schon unter Heiner Brand passieren müssen. Martin Heuberger stellt für mich an der Seitenlinie nicht viel dar. Der DHB muss jetzt reagieren und einen neuen Trainer holen – wie zum Beispiel Ljubomir Vranjes, der in Flensburg sehr gut mit jungen Spielern arbeitet. Wenn man der jungen Generation eine Chance geben will, Deutschland zurück an die Spitze des internationalen Handballs zu bringen, müssen allerdings auch alle Vereine ihren Beitrag leisten. Nur so kann es gelingen!“

Doreen Männich, Jugendtrainerin der TSG Emmerthal: „Martin Heuberger ist für mich der Master of Desaster. Das klingt hart, aber unter seiner Leitung als Bundestrainer wurde nach Olympia 2012, der EM 2014 jetzt auch die WM-Quali verpasst. Wenn eine Handball-Nation wie Deutschland es zum dritten Mal nicht schafft, sich für ein großes Turnier zu qualifizieren, muss es Veränderungen geben. Sicherlich gibt es in der Bundesliga auch etliche ausländische Spieler, aber Deutschland hat genug gute Handballer, um ein starkes Team zu stellen, das WM-tauglich ist bzw. gewesen wäre. Für mich hat eindeutig der Trainer Schuld, da er das Team offenbar nicht führen kann. Ich denke schon, dass wir uns für die WM hätten qualifizieren können, wenn es schon nach der verpassten EM 2014 einen Trainerwechsel gegeben hätte. Heuberger hat kein Charisma, keine Ausstrahlung und macht ständig dieselben taktischen Fehler. Er wirkte in den letzten Minuten des Playoff-Spiels gegen Polen völlig hilflos. Dies wäre einem Heiner Brand nicht passiert. Fassungslos war ich, als der Bundestrainer bei der letzten Auszeit sagte: „Macht mal was!“ Dies war bezeichnend dafür, dass Heuberger mit der Situation völlig überfordert war. Statt wie ein Hampelmann an der Seitenlinie rumzulaufen, hätte er mal klare Ansagen machen sollen. Heiner Brand hatte viele Jahre auch nicht die besten Spieler, aber er hat eine Mannschaft daraus gemacht, was Heuberger nicht geschafft hat – und das weiß man nicht erst seit gestern. Heuberger sollte zurück in den Nachwuchsbereich und den A-Kader einem Profi überlassen. Deutschland braucht einen Trainer mit Charisma – wie Stefan Kretzschmar oder Christian Schwarzer. Auch Kiels Erfolgstrainer Alfred Gislason wäre ein Top-Kandidat als Bundestrainer.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige