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Im Interview spricht der vorläufige Insolvenzverwalter Dr. Rainer Eckert über die Gründe der Pleite des Traditionsklubs

Warum ist bei Preußen der Rettungsversuch gescheitert?

Ob Eishockey, Handball oder Fußball – Insolvenzen haben offenbar im Sport zurzeit Hochkonjunktur. Auch in unserer Region steht ein Traditionsklub kurz vor dem Aus: die SpVgg. Preußen Hameln 07. Wir sprachen mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter Dr. jur. Rainer Eckert über die Gründe der Preußen-Pleite und die Vor- und Nachteile eines Insolvenzverfahrens.

veröffentlicht am 13.10.2010 um 09:36 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:07 Uhr

Arminia Hannover konnte Dr. jur. Rainer Eckert vor der drohenden
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Autor

Andreas Rosslan Sportreporter zur Autorenseite

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen einer Insolvenz eines Sportvereins und einer Insolvenz bei einem Wirtschaftsunternehmen?

Insolvenzrechtlich wird zwischen dem Insolvenzverfahren eines Sportvereins und dem Insolvenzverfahren eines Wirtschaftsunternehmens, zum Beispiel einer GmbH, nicht unterschieden. Die Insolvenzordnung gilt für die Rechtsform des eingetragenen Vereins genauso wie für die GmbH. Rein tatsächlich bestehen natürlich Unterschiede in der Zielrichtung. Ein Wirtschaftsunternehmen ist eher daran interessiert, Gewinne zu erzielen, während ein Sportverein im Wesentlichen der Freizeitgestaltung dient. Daraus ergeben sich Unterschiede in der tatsächlichen Abwicklung des Insolvenzverfahrens, die Rechtsgrundlagen bleiben jedoch die gleichen.

Wie läuft ein Insolvenzverfahren – wie zum Beispiel bei der SpVgg. Preußen Hameln 07 – in der Regel ab?

Zurzeit befinden wir uns, bezogen auf Preußen Hameln 07, im vorläufigen Insolvenzverfahren. Es ist noch zu prüfen, ob ein Insolvenzverfahren eröffnet oder mangels ausreichender Masse abgewiesen wird. Vereinfacht stellt sich der Ablauf des Insolvenzverfahrens bei einer klassischen Abwicklung so dar, dass nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens sämtliche Vermögenswerte – und dazu gehören beispielsweise Vereinsheim oder etwaige Ansprüche des Vereins gleichermaßen – nach insolvenzrechtlichen Vorgaben verwertet werden. Hinsichtlich des Vereinsheims beispielsweise besteht eine eingetragene Grundschuld zugunsten einer Bank. Hier kann eine Verwertung nur mit Zustimmung und im Interesse der Bank erfolgen. Sämtliche Erlöse und Zahlungen werden auf einem Insolvenzanderkonto gesammelt. Die Eröffnung des Insolvenzverfahrens wird unter www.insolvenzbekanntmachungen.de öffentlich bekanntgemacht. Darüber hinaus werden sämtliche dem Insolvenzverwalter bekannten Gläubiger über die Eröffnung informiert. Dadurch haben sämtliche Gläubiger die Möglichkeit, ihre Forderungen gegen den Verein bei dem Insolvenzverwalter anzumelden. Diese werden in einer Insolvenztabelle erfasst und vorher auf Schlüssigkeit geprüft. Am Ende des Insolvenzverfahrens wird die Insolvenzquote anhand der insgesamt zur Insolvenztabelle festgestellten Forderungen im Vergleich zu der zu verteilenden Masse berechnet und an die Gläubiger ausgezahlt. Die Höhe der Quotenzahlung ist in diesem Verfahren allerdings noch nicht zu prognostizieren.

Bei Arminia Hannover konnte unter Ihrer Regie das Insolvenzverfahren abgewendet werden. Bei Preußen 07 ist der Rettungsversuch gescheitert. Warum eigentlich?

Nachdem damals der Vorstand von Arminia Hannover den Insolvenzantrag gestellt hatte, wurden zahlreiche Gespräche mit Sponsoren geführt, die letztlich auch bereit waren, nennenswerte Beträge zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus wurde ein Freundschaftsspiel gegen Hannover 96 organisiert, dessen Einnahmen ebenfalls zur Schuldentilgung verwendet werden konnten. Letztlich konnte der Vereinsvorstand den Gläubigern ein adäquates Vergleichsangebot unterbreiten, wobei auch hier ein erhebliches Maß an Überzeugungsarbeit geleistet werden musste. Bei Preußen Hameln 07 konnte eine außergerichtliche Einigung leider deshalb nicht realisiert werden, weil letztlich nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Dies gilt sowohl für die Erledigung der „Altlasten“ als auch für die Kosten der laufenden Saison, wie sich später herausgestellt hat. Ein Freundschaftsspiel gegen Hannover 96 hat ja bereits vor dem Insolvenzantrag stattgefunden. Sponsoren waren nur sehr eingeschränkt dazu bereit, zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Insbesondere ist Voraussetzung für eine nachhaltige Konsolidierung, dass die laufenden Kosten auf Sicht gedeckt sind. Es macht keinen Sinn, Altlasten zu erledigen, wenn laufend neue Verbindlichkeiten auflaufen würden. Das hätte mit einer soliden Finanzierung nichts zu tun.

Sind die beiden Fälle miteinander vergleichbar?

Aufgrund der Tradition in den jeweiligen Regionen sind beide Verfahren grundsätzlich natürlich miteinander vergleichbar. Der Unterschied besteht letztlich in dem mangelnden Rückhalt der Sponsoren für den Erhalt des Traditionsvereins Preußen Hameln 07. Ursache dafür ist sicherlich auch die mangelnde Identifikation der Sponsoren mit dem Verein, die unter anderem auf die Misswirtschaft der vergangenen Jahre zurückzuführen ist.

Gibt es bei Insolvenzen im Sport Unterschiede zwischen einzelnen Sportarten? Oder anders gefragt: Ist die Suche nach Sponsoren für Fußballklubs einfacher, weil diese Sportart ein größeres Publikumsinteresse hat?

Sponsoren lassen sich in der Regel bei einem Fußballverein aufgrund der Verbreitung sicherlich einfacher finden. Jedoch ist der finanzielle Bedarf bei vergleichbaren Spielklassen im Fußball wesentlich höher als bei vielen anderen Sportarten. Die Finanzierung eines Fußballklubs ist dadurch wiederum mit erheblichem Aufwand verbunden.

Welche Vorteile hat ein Insolvenzverfahren?

Die Vorteile eines Insolvenzverfahrens beziehungsweise der klassischen Abwicklung des Vereins liegen in der geordneten Herstellung der Rechtsverhältnisse. Die Mitglieder des Vereins haften nicht persönlich und können sich in anderen Vereinen oder in einem neu gegründeten Verein organisieren und auch ehrenamtlich tätig werden, ohne dass gegebenenfalls über viele Jahre hinweg Zahlungen auf Altverbindlichkeiten geleistet werden müssen. Durch insolvenzrechtliche Vorgaben bestehen für Gläubiger darüber hinaus oftmals höhere Befriedigungsaussichten.

Und worin liegen die Nachteile?

Der Nachteil an dem Insolvenzverfahren bezogen auf Preußen Hameln 07 ist unbestritten die Tatsache, dass durch die Auflösung des Vereins ein Stück Tradition verloren geht.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Insolvenzen bei Sportvereinen gestiegen. Täuscht der Eindruck?

Hierzu liegen mir leider keine Statistiken vor, einen Kommentar kann ich diesbezüglich nicht abgeben.

Woran könnte das liegen, dass viele Vereine an der Grenze der wirtschaftlichen Belastbarkeit angekommen sind?

Meines Erachtens ist es gerade für Vereine wie Preußen Hameln 07 und auch Arminia Hannover finanziell deshalb schwierig, da in den Spielkassen schon hohe Ausgaben wie z. B. Verbandsbeiträge, Fahrtkosten und auch letztlich Spielergehälter fällig werden. Wenn diese Ausgaben nicht durch beispielsweise Zuschauer- oder Cateringeinnahmen kompensiert werden können, wird es finanziell für solche Vereine immer schwierig. Gerade vor dem Hintergrund, dass auch Unternehmen sich das Vereinssponsoring nicht mehr erlauben können oder erlauben wollen.



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