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Über Freud und Leid eines eingefleischten Fans von Werder Bremen

„Liebe, Laster und Leidenschaft“

Hameln. Zunächst einmal danke HSC Tündern, dass Ihr bei der Auffrischprämie der Targobank den Titel gewonnen und somit meinen geliebten Verein Werder Bremen ins Weserbergland-Stadion (Freitag, 18 Uhr) geholt habt. Ohne Euch nahe treten zu wollen, ich erwarte einen klaren Sieg. Denn davon habe ich in den letzten Jahren nicht allzu viele gesehen. Selbst über die erste Runde im DFB-Pokal ist der sechsfache Pokalsieger zuletzt nicht mehr hinausgekommen. Die Zeiten sind hart, die Leidensfähigkeit eines treuen Fans und Vereinsmitgliedes, in dessen Adern grün-weißes Blut fließt, wird auf eine harte Probe gestellt. Kein berauschendes Offensivspektakel mehr wie unter Thomas Schaaf, stattdessen spielerische Begrenztheit und immer noch das alte Abwehrchaos. Trotzdem, dem Grundsatz, nicht mehr Geld auszugeben als vorhanden ist, blieb die Vereinsführung stets treu. Das ist auch einer der vielen Punkte, die den Verein sympathisch macht und weswegen man Werder-Fan geworden ist. Ein weiterer ist die stete Kontinuität bei den handelnden Personen. In meiner bisherigen Zeit als Werder-Fan hatte ich es gerade einmal mit zwei Präsidenten – Dr. Franz Böhmert (1970 bis 1999) und Klaus-Dieter Fischer (seit 1999) – zu tun. Beide hatten bzw. haben stets ein offenes Ohr für die Fans und Vereinsmitglieder. Werder bewegt – lebenslang. So etwas eint, wenn man selbst bei der stattlichen Anzahl von inzwischen 40 400 Mitgliedern nicht nur einfach die Nummer 15 866 ist. Klar, Werder spielt momentan nicht den besten Fußball. Dass trotz schwieriger Umstände in den letzten vier Jahren stets der Klassenerhalt geschafft wurde, verdanken wir vor allem der Tatsache, dass Mannschaft und Verantwortliche in den entscheidenden Momenten Charakter gezeigt und sich auf klassische Tugenden besonnen haben. Der gezeigte Fußball war oft schlechter als wir als Fans uns das gewünscht haben, aber die Haltung der Spieler war respektabel und der Rückhalt der Fans ungebrochen. Insofern hat auch eine Durststrecke ihr Gutes und auch ich mache im Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder deutlich, dass „Wir“ im Umbruch sind. Und es war auch irgendwie klar, dass es so kommen würde. Denn trotz aller sportlichen Erfolge verließen immer wieder Leistungsträger den Verein. Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange so etwas zu kompensieren ist. Das Double mit Deutscher Meisterschaft und Pokaltriumph 2004 sowie die Pokalsiege 1999 und 2009 fielen in die von Trainer Thomas Schaaf und Manager Klaus Allofs gestaltete erfolgreichste Epoche des Vereins zwischen 1999 und 2010. Mit Claudio Pizarro, Mesut Özil, Diego, Per Mertesacker, Hugo Almeida, Johan Micoud, Valérien Ismael, Torsten Frings, Naldo, Tim Wiese, Tim Borowski oder Sokratis – um nur einige zu nennen – gingen grün-weiße Ikonen bzw. Spieler, die heute mit anderen Klubs in der Champions League und um Meisterschaften spielen. Wohl kein Verein der Welt könnte so einen Aderlass wegstecken, ohne sich anschließend auf eine Durststrecke einlassen zu müssen. Bremen ist nun mal nicht Bayern. Wir reden über eine strukturschwache Region, in der es weder VW noch einen Dietmar Hopp oder Klaus-Michael Kühne gibt, oder wo Unternehmen wie Gazprom Geld hineinpumpen wie sonst nur Gas in ihre Pipelines. Diese Durststrecke machen wir gerade durch. Doch wir tun dies gemeinsam. Die Stadt, die Fans, der Verein, die Spieler.

veröffentlicht am 24.06.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 22:41 Uhr

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Während anderswo Trainer infrage gestellt, Panikkäufe getätigt, Busse blockiert und Liebe entzogen wird, agiert man bei Werder mit Besonnenheit und manövriert sich ohne allzu große Unwetter durch schwierige Jahre. Aber auch so etwas gehört als Fan dazu, wenn man sein Herz an einen Klub verloren hat. Gut drauf zu sein, wenn Titel eingefahren wurden, das ist einfach und das kann jeder. Aber jetzt dabei sein, das prägt. Ich hänge auch an dieser Mannschaft. An echten Werderanern wie zum Beispiel Raphael Wolf, Philipp Bargfrede, Clemens Fritz, Nils Petersen oder Özkan Yildirim. Oder den beiden „Gauchos“ Santiago Garcia oder Franco di Santo. Alles Jungs, denen man anmerkt, dass sie gerne das „W“ auf dem Trikot tragen.

Mir hat es auch gefallen, wie Robin Dutt seine erste Saison bewältigt hat. Der neue Trainer hätte nach 14 Jahren Schaaf viel falsch machen können. Hat er aber nicht. Anstatt Phrasen zu dreschen, arbeitet er akribisch an einem neuen Aufbruch. Und Manager Thomas Eichin bastelt an einer Mannschaft, die so unendlich viel schwerer zusammenzubauen ist als damals, als das Geld noch strömte. Werder ist und bleibt für mich Liebe, Laster und Leidenschaft. Lebenslang Grün-Weiß. Selbst in schlechten Zeiten.



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