weather-image
10°
×

WM-Nominierung, Dreifachbestrafung und Karriere: Schiedsrichter Michael Weiner im Interview

„Felix Brych wird uns exzellent vertreten“

Hameln. Michael Weiner ist einer der besten deutschen Fußball-Schiedsrichter, leitete auch schon diverse Partien auf internationaler Ebene. Heute um 19.30 Uhr ist der 44-jährige Polizeioberrat nun zu Gast in Hameln und wird dort beim Lehrabend des Kreisschiedsrichterausschusses in der Kolonie am See Einblicke in seine Arbeit geben. Vorab äußerte sich der Referee des TSV Ottenstein gegenüber der Dewezet-Sportredaktion in einem Exklusiv-Interview zu den aktuellen Themen im Schiedsrichterwesen und zu seiner Karriere.

veröffentlicht am 03.02.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 03:41 Uhr

Michael Weiner, Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel hat die Hinrunden-Leistungen der Referees in der Bundesliga anhand einiger Fehlentscheidungen nur mit einer Drei minus benotet. Gerecht oder aus Ihrer Sicht einen Tick zu hart?

Die Schiedsrichter der ersten und zweiten Liga sind und waren schon immer sehr selbstkritisch. In der Hinserie hat es Einzelentscheidungen gegeben, die in einer Gesamtbewertung eine Einordnung wie durch Herbert Fandel vorgenommen absolut zulassen. An dieser Stelle dürfen wir aber auch nicht die vielen positiven und richtigen Entscheide vergessen bzw. unerwähnt lassen.

Was muss sich denn ändern, dass daraus vielleicht am Saisonende eine Zwei oder gar mehr wird?

Wir haben die Situationen aus der Hinrunde in einem einwöchigen Trainingslager auf Mallorca intensiv nachbereitet. Zudem haben sich aus dieser Tagung wichtige Kriterien für eine einheitliche Regelauslegung zu den Themen Abseits, Notbremsen, Ellenbogeneinsatz bzw. der Anwendung persönlicher Strafen ergeben. Das sind wichtige Grundlagen für die Rückrunde.

Aber auch die Dreifachbestrafung nach einer Notbremse im Strafraum war ein Thema. Wie stehen Sie dazu?

Wir als Schiedsrichter sind ausschließlich zuständig für die Regelauslegung und -umsetzung auf dem Spielfeld. Ich persönlich könnte gut damit leben, die sogenannte „Dreifachbestrafung“ in der praktischen Umsetzung zu „entschärfen“.

Macht eigentlich auch noch eine Gelbe Karte Sinn, wenn ein Spieler sich beim Torjubel das Trikot auszieht?

Eigentlich ist es ganz einfach; diese Regel ist hinlänglich bekannt und Spieler können sich problemlos daran halten – und damit eine Verwarnung umgehen. Es gibt aber weltweit Länder, in denen ein freier Oberkörper aus religiösen Gründen nicht erlaubt ist. Das ist der historische Hintergrund für diese in einer ersten oberflächlichen Bewertung nicht nachvollziehbare Bestrafung und ohne Detailkenntnisse nicht nachvollziehbaren Auslegung.

Mit Felix Brych wurde ausgerechnet der Schiedsrichter für die WM nominiert, der das Phantom-Tor von Hoffenheim gegeben hat. Trotzdem eine richtige Entscheidung?

Es steht mir grundsätzlich nicht zu, andere Schiedsrichter zu beurteilen. In diesem Fall ist es jedoch einfach: Dr. Felix Brych ist ein weltweit angesehener in Schiedsrichter. Seine FIFA-Nominierungen im Vorfeld der WM 2014 zu Spielen wie Serbien gegen Kroatien und Neuseeland gegen Mexiko sprechen eine deutliche Sprache. Felix wird die deutschen Schiedsrichter exzellent vertreten.

Wie stehen Sie in diesem Zusammenhang eigentlich zur Torlinientechnik: Fluch oder Segen für das Thema Tatsachenentscheidung?

Gerade wenn man als Schiedsrichter-Team betroffen ist, sind Diskussionen zu dem Thema Tor oder nicht Tor äußerst unangenehm. Häufig ist eine korrekte Entscheidung bei knappen Situationen mit dem bloßen Auge kaum möglich. Aus meiner Sicht wäre eine Einführung zielführend.

Beim Conferationscup in Brasilien wurde bereits Freistoß-Spray praktiziert. Bringt das wirklich was oder ist das nur eine Spielerei der FIFA?

Dazu kann ich nichts sagen. Es fehlen mir die Erfahrungswerte. Bislang ist es mir auch ohne Spray sehr gut gelungen, meine Entscheidungen rund um das Thema „Freistoß“ konsequent umzusetzen.

Sie sind jetzt über 20 Jahre DFB-Schiedsrichter, ist Ihnen eine Partie in ganz besonderer Erinnerung geblieben und wissen Sie noch das Ergebnis Ihrer Premieren-Partie?

Bislang habe ich national und international ca. 650 Begegnungen als Schiedsrichter, Assistent oder vierter Offizieller begleitet. Jede Nominierung ist eine große Auszeichnung. Natürlich denke ich sehr gern an die Leitung des DFB Pokalendspiels (2007) Nürnberg gegen Stuttgart zurück. Das war schon ein emotionaler Moment.

Der Profi-Fußball ist immer schneller geworden. Wie hält sich ein Schiedsrichter fit, um idealerweise immer auf Ballhöhe zu sein?

Die Anforderungen sind immens. Auch die Fitnesstests sind in den letzten Jahren immer anspruchsvoller geworden. Drei bis vier Trainingseinheiten in der Woche sind daher zwingend zu absolvieren. Professionelle Trainer des DFB begleiten uns bei regelmäßigen Stützpunkten/Leistungsüberprüfungen der Schiedsrichter-Kommission bzw. beim Training durch Individualpläne.

Hat ein Schiedsrichter wie Sie, der mit fast 45 Jahren bald die Altersgrenze im Bundesliga-Profifußball (47) erreicht hat, noch einen großen Traum?

In erster Linie wünsche ich mir Gesundheit, um dann mit 47 Jahren meine Laufbahn zu beenden. Im Moment genieße ich die Schiedsrichterei. Ein vorzeitiges Ende ist aus meiner Sicht nicht geplant.

Könnten Sie sich vorstellen, nach Beendigung Ihrer Bundesliga-Karriere noch Spiele an der Basis auf Kreisebene oder Bezirksebene zu leiten oder soll dann endgültig Schluss sein?

Ich werde nach Beendigung meiner Laufbahn konsequent aufhören. Das steht schon fest.

Mit Bibiana Steinhaus stellt Deutschland die aktuelle Weltschiedsrichterin. Werden wir Sie als erste Frau auch bald in der 1. Bundesliga erleben?

Ich bin Schiedsrichter. Für diese Frage ist die SR-Kommission des DFB zuständig. Bibiana Steinhaus ist weltweit eine ausgezeichnete Botschafterin des deutschen Schiedsrichterwesens. Sie hat bei der letzten WM und den Olympischen Spielen jeweils die Endspiele geleitet. Das ist außergewöhnlich und beeindruckend zugleich.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von einer Frauenquote im Profifußball?

Dazu verweise ich auf meine Ausführungen zu der vorangegangenen Frage.

Sie sind ein häufiger Gast im Kreis Hameln-Pyrmont. Sehen Sie hier möglicherweise einen potenziellen Schiedsrichterkandidaten, der für höhere Aufgaben geeignet wäre?

Der Schiedsrichterausschuss um Michael Rieke hat in den vergangenen Jahren eine ausgezeichnete Arbeit geleistet. Das erlaube ich mir, aus der Entfernung festzustellen. Auch über den normalen Alltag hinaus finde ich es großartig, dass sich die Mitglieder dieses Gremiums ehrenamtlich engagieren, um in der JA Tündern immer wieder Anwärterlehrgänge durchzuführen. Sie leisten damit einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag für die Wiedereingliederung der dort aufhältigen Jugendlichen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch keine Namen nennen zu potenziellen Kandidaten – dazu fehlt mir einfach das Detailwissen.

Interview: Roland Giehr



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt