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Start mit Preußen-Auswärtsspielen: Theo Wehrbein, der Erfinder des Public Viewing in Hameln

Ein Visionär mit der Kamera

Hameln. Eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Public Viewing – in der heutigen Zeit gar nicht vorstellbar. Vor 40 Jahren aber wohl eher eine Zukunftsvision. Doch da die Fußballbegeisterung in der Rattenfängerstadt schon in den siebziger Jahren keine Grenzen kannte, kam Theodor Wehrbein auf eine glänzende Idee, die man heute durchaus als „Public Viewing mit Verspätung“ bezeichnen könnte.

veröffentlicht am 12.07.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

Klaus Frye

Autor

Sportreporter zur Autorenseite

Die Stadtsparkasse Hameln hatte im Sommer 1973 hochmoderne Videokameras eigentlich eher für die fortschrittliche Schulung ihrer Mitarbeiter angeschafft. Doch oft zum Einsatz kamen sie nicht, und so hatte Wehrbein als Leiter für Öffentlichkeitsarbeit und Werbung – heute würde man ihn wohl eher Marketing-Chef nennen – eine Idee, die bei Hamelns Fußballfans einschlug wie eine Bombe. Er stellte ein kleines Team zusammen, und das begleitete erstmals in der Landesliga-Saison 1973/74 die Preußen-Fußballer bei ihren Auswärtsspielen mit der Kamera. Regisseur Theodor Wehrbein, unterstützt von Johann Hansch, Josef Schnorpfeil als Techniker und oft von Reinhard Heidenblut, der als „Ernst Huberty des Weserberglandes“ die Spiele stets fachkundig kommentierte. Das Trio hatte am Sonntagabend spätestens um 20 Uhr die Technik und vor allem die schon ungeduldig wartenden Fans im Griff. Bei der Premiere am Autoschalter an der Heiliggeiststraße fanden sich mehr als 150 Hamelner Fußball-Enthusiasten ein. „Da wurde der Hof der Sparkasse einfach mal in ein kleines Stadion umgewandelt“, weiß der heute 84-jährige Erfinder der „Hamelner Sportschau“ noch genau. „Die Sache war bundesweit einmalig.“ Die Preußen-Fußballer im Fernsehen, eingeblendete Live-Kommentare und im Hintergrund die Original-Geräuschkulisse aus Stadien, in denen in der Landesliga und ein Jahr später in der Amateur-Oberliga 3000 Zuschauer keine Seltenheit waren. Na klar, Hamelns Fußball-Fans waren begeistert! „Die Heimspiele konnten sie sich ja immer anschauen, aber zu den weiten Auswärtsspielen fuhr damals nur ein kleiner Kreis mit“, erinnert sich Wehrbein, der für die Preußen ohnehin ein großes Herz hatte. „Das war schon eine tolle Zeit“, schwärmt Wehrbein heute noch, wenn er an die Anfänge zurückdenkt. „Und wir waren vor allem Idealisten.“ Er startete im Herbst 1973 mit der Videokamera erst einmal einen Testlauf, ehe das „Unternehmen Fußball“ tatsächlich in die tat umgesetzt wurde. „Die ersten Versuche habe ich in der Halle Nord bei den Handballern gemacht“, weiß Wehrbein, damals wohl ein echter Visionär in Sachen Fußball, als sei es gestern gewesen. Die Sache lief und so es hieß „Film ab!“

Die „Hamelner Sportschau“ nahm dank des akribischen Einsatzes ihres Regisseurs schnell Formen an und sprach sich in und um Hameln in Windeseile rum. Der Run auf die Videoübertragungen am Autoschalter nahm zu. Also zog die „Sportschau“ in die Kassenhalle um. Vor drei Fernsehern erlebten fast 300 Zuschauer die Auswärtsspiele in den Glanzzeiten der Preußen (fast) live. „Wir haben nur ganz selten ein Spiel ausfallen lassen“, sagt Wehrbein, und ist heute noch stolz auf den damals einmaligen Service. „Und es hat uns wahnsinnig Spaß gemacht“, blickt auch Josef Schnorpfeil, mit 24 Jahren einst der Jüngste im „Sportschau-Team“ der Stadtsparkasse zurück. Fast drei Jahre haben sie auf Niedersachsens Fußballplätzen mit ihrer Videokamera für jede Menge Aufsehen gesorgt.

„In Braunschweig gleich neben den Superkameras des NDR“, schmunzelt Schnorpfeil. Nur zweimal mussten sich die Preußen-Fans bei der sonntäglichen Sportschau mit nur einer Halbzeit begnügen. „In Celle hat es in der Pause so stark angefangen zu schneien, dass nichts mehr ging. Und in Peine fehlte uns mal ein ganz wichtiges Verbindungskabel. Da konnten wir nur die zweite Halbzeit zeigen“, hat Wehrbein noch im Gedächtnis.

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Selbst im Winter ließen sich die Fans die Videoaufzeichnung ihrer Preußen nicht nehmen.

„Aber die Fans haben es uns nicht übel genommen. Die wollten einfach nur ihre Preußen sehen.“ Public Viewing ist für Wehrbein am Sonntag, wenn das WM-Finale angepfiffen wird, natürlich kein Thema. Der Fußball-Visonär von einst schaut sich das Endspiel zuhause an und setzt auf einen Sieg von Jogis Jungs: „Aber es wird sicher nicht noch einmal ein 7:1 wie zuletzt gegen Brasilien...“



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