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96 im Trainingslager

Zunächst einmal: Ruhe

Tayfun Korkut wirkt im Trainingslager in Marienfeld trotz der angespannten Lage bei Hannover 96 bemerkenswert abgeklärt. Auf dem Trainingsplatz tritt er ruhig, aber bestimmt auf, macht mal einen Scherz, gibt dann wieder deutliche Anweisungen.

veröffentlicht am 10.04.2014 um 19:54 Uhr
aktualisiert am 14.04.2014 um 19:37 Uhr

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Zunächst einmal. Das sind die beiden Worte, mit denen Tayfun Korkut seine Antworten gerne beginnt. Das gibt ein bisschen Zeit und auch die Gelegenheit, geschickt auszuweichen und auf andere Dinge einzugehen. „Zunächst einmal“, so beginnt der Trainer von Hannover 96 auch bei der Pressekonferenz im Trainingslager in Marienfeld, als er auf die Gründe eingehen soll, warum sich 96 für drei Tage nach Ostwestfalen zurückgezogen hat. „Zunächst einmal wissen wir alle, dass wir nicht in einer guten Situation sind“, sagt Korkut.

Es ist kein Zufall, dass der 40-Jährige dabei von „wir“ und nicht von „der Mannschaft“ spricht und sich damit als Teil der sportlichen Krise sieht. Korkut mag Schwächen haben und hat in den vergangenen Wochen sicherlich nicht alles richtig gemacht. Aber einer, der die Verantwortung in brisanten Situationen von sich schiebt, zu diesen Menschen gehört er nicht. Dabei hätte er nach den vergangenen Wochen mit vier Niederlagen in Folge durchaus Grund für einen Kurswechsel. Für Peitsche statt Zuckerbrot. Genügend Anlass haben ihm die Spieler mit ihren Leistungen gegeben. Doch es entspricht nicht seinem Verständnis von der Arbeit mit den Profis, und er glaubt nicht, dass er so ans Ziel käme. Das ist der Klassenerhalt, und diesem Ziel ordnet Korkut alles unter.

Dass der Deutschtürke auch anders kann, hat er in den ersten Wochen nach seinem Amtsantritt bewiesen. Als Salif Sané im Januar im Trainingslager in der Türkei nicht mitzog, flog der Senegalese, in der Hinrunde unter Trainer Mirko Slomka noch Stammspieler, aus der Stammelf. Marcelo, oftmals ein Unruheherd und Unsicherheitsfaktor, ging es nicht besser. Und statt auf Routinier Jan Schlaudraff setzte Korkut auf den unerfahrenen Leonardo Bittencourt.

Der Druck durch die zunehmend prekäre Lage mag ihm zusetzen, sichtbar wird das aber nicht. Auf dem Trainingsplatz in Marienfeld tritt er ruhig, aber bestimmt auf, macht mal einen Scherz, gibt dann wieder deutliche Anweisungen. Auch als gestern wie so oft in den vergangenen Tagen die Kameras und Mikrofone auf ihn gerichtet sind, wirkt er nicht nervös. Mit fester Stimme beantwortet er die Fragen, seine Hände liegen ruhig auf dem Tisch. Wenn er aufgewühlt sein sollte – und wer mag ihm, dem Bundesliganeuling, das verdenken –, dann verbirgt er seine Gefühle gut.

Am Donnerstag vor genau einhundert Tagen unterschrieb der Trainer seinen Vertrag bei 96. Wer ihn in diesen gut drei Monaten beobachtet hat, wird festgestellt haben, dass Korkut in dieser kurzen Zeit viel erlebt und durchgemacht hat, sich dabei aber treu geblieben ist. Nach dem Traumstart mit den Siegen gegen den VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach arbeitete er genauso konzentriert und ruhig weiter wie er es in diesen Tagen macht. „Ich versuche, das zu beeinflussen, was ich beeinflussen kann. Ich versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Alles andere wäre nicht gut für mich und die Mannschaft“, sagt Korkut.

Ob er damit Erfolg hat, wird sich zeigen. Vielleicht wäre es in dieser kritischen Situation im Abstiegskampf doch besser, auf Bewährtes zu setzen. Ein Zeichen zu setzen, sich nicht immer vor das Team zu stellen, sondern die Spieler auch einmal öffentlich in die Pflicht zu nehmen. Beispiele, dass so etwas funktionieren kann, gibt es genügend aus anderen Vereinen. Als sich Stars auf der Tribüne oder in einer Trainingsgruppe 2 wiederfanden und durch solche Maßnahmen Mechanismen in der Mannschaft in Gang gesetzt wurden, die zu mehr Einsatz und schließlich auch zum Erfolg führten.

Doch das scheint nicht Korkuts Weg zu sein. Im Trainingslager vor dem morgigen Heimspiel gegen den HSV setzt er auf Gespräche, Gemeinschaft und Zusammenhalt. „Es geht darum, die Tanks wieder emotional aufzufüllen und uns in diesem Spiel zu befreien. Wir dürfen in diesem Negativtrend nicht versinken“, sagt er. Kann die Mannschaft das umsetzen, wird es ihr sicherlich helfen. Was Korkut morgen und den dann noch folgenden vier Spielen bis zum Saisonende aber auch unbedingt braucht, sind Spieler, die sich voll reinhängen und alles geben. Die für ihn durchs Feuer gehen.

Zunächst einmal. Wer weiß, was noch alles passiert. Klubchef Martin Kind betont immer wieder, wie sehr er den 40-Jährige schätze, und dass er davon überzeugt sei, dass der Trainer gute Arbeit leiste. Doch was ist, falls die „Roten“ am Sonnabend gegen den HSV verlieren? Auch Kind ordnet dem Ziel Klassenerhalt alles andere unter. Genau wie Korkut.



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