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Fall von Hannover 96

Wie konnte das passieren?

Zwischen den beiden Bildern, die zu diesem Text gehören, liegen knapp vier Jahre - und ein paar Fußballwelten. Vom Europacupteilnehmer zum Abstiegskandidaten:

veröffentlicht am 30.03.2015 um 22:24 Uhr
aktualisiert am 02.04.2015 um 00:24 Uhr

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Schneller als mit diesen Momentaufnahmen lässt sich nicht erfassen, was mit Hannover 96 passiert ist. Auf dem einen Bild jubeln die Spieler Mohammed Abdellaoue und Konstantin Rausch, es stammt aus dem August 2011, 96 hat gerade in Sevilla mit einem 1:1 die Qualifikation für die Gruppenphase in der Europa League geschafft. Abdellaoue und Rausch drücken heute beim VfB Stuttgart die Ersatzbank oder sitzen auf der Tribüne, aber nicht nur für sie ist es nach dem traumhaften Abend in Spanien schlecht gelaufen.

Das andere Bild ist am 21. März aufgenommen, nach dem Abpfiff des Bundesliga-Heimspiels gegen Borussia Dortmund (2:3). Es zeigt einen ratlosen Lars Stindl und einen wenig begeistert dreinschauenden Felipe. Wenn beide mit 96 am kommenden Sonnabend bei Eintracht Frankfurt antreten, dann wird nach zehn sieglosen Ligapartien in Folge die Angst mitspielen: Nur noch zwei Punkte trennen die „Roten“ vom Relegationsplatz 16, nur noch drei Zähler sind es bis zum vorletzten Platz, der am Saisonende direkt in die 2. Liga führt.

Unerwartet rasant hat sich Hannover 96 von einem Europacupteilnehmer zu einem Abstiegskandidaten entwickelt, und es hat ein bisschen gedauert, bis jeder das begriffen hat. Am vergangenen Freitag, nach dem Testspielsieg gegen den Drittligisten Rot-Weiß Erfurt (3:0), hat Trainer Tayfun Korkut ungefragt betont, dass alle Spieler die Ernsthaftigkeit der Situation begriffen haben. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass einige Profis bis vor Kurzem geglaubt haben, dass es schon nicht so dramatisch werden wird im Abstiegskampf.

Noch Anfang März hat Verteidiger Marcelo öffentlich gesagt, dass er die Europa League nach wie vor für möglich hält. Man kann das selbstbewusst nennen. Oder auch ignorant. Und man wird sich ernsthafte Sorgen machen müssen, falls diese Mannschaft in der Tabelle noch tiefer abrutschen sollte. Denn was viele Zuschauer glauben, ist schwer von der Hand zu weisen: Die richtigen Spieler für den Abstiegskampf besitzt Hannover 96 nicht. Oder kann sich jemand einen Joselu oder Miiko Albornoz als grätschende Abstiegskämpfer mit hochgekrempelten Ärmeln vorstellen?

Der Traum von Clubchef Martin Kind ist es, 96 unter den ersten sechs Clubs in Deutschland zu positionieren. Der Fußball lebt von Träumen, auch von den kühnen. Kinds Fehler war es, das öffentlich zu formulieren. Vor zwei Jahren hat er das Saisonziel sogar bis auf Platz 3 ausgedehnt, das wäre dann das Erreichen der Champions League gewesen.

Der Geschäftsmann Kind ist gewohnt, hohe Ziele und Ansprüche zu formulieren - und er weiß, wie man sie erreicht. Man muss investieren. Der Clubchef Kind staunt immer wieder über die Unwägbarkeiten des Fußballs. Vor dieser Saison hat er Trainer Korkut und Sportdirektor Dirk Dufner die teuerste 96-Mannschaft aller Zeiten (Spielergehälter von 39 Millionen Euro) hingestellt und die höchsten Transferausgaben (11 Millionen Euro) getätigt. Dass ausgerechnet diese Mannschaft jetzt im Abstiegskampf steckt, kann Kind „im Grunde seines Unternehmerherzens nicht fassen“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt.

Das führt schnurstracks zu der Frage, was für einen Club wie Hannover 96 eigentlich realistisch ist in der Bundesliga. Wer auf die ersten fünf Tabellenplätze schaut, entdeckt genau die Mannschaften, die dort aufgrund ihrer Finanzkraft zu erwarten waren: Bayern München, VfL Wolfsburg, Borussia Mönchengladbach, Bayer Leverkusen, Schalke 04. Zählt man noch die in dieser Saison auf Rang 10 verirrten Dortmunder hinzu, sind die ersten sechs Plätze eigentlich dauerhaft vergeben. „Um dort oben eindringen zu können, muss 96 nicht 11, sondern 25 Millionen Euro ausgeben“, sagt ein Manager eines Spitzenclubs. Und selbst das wäre keine Garantie.

Also einfach zufrieden sein, bereits die 13. Saison hintereinander erstklassig zu sein? Damit tun sich die Hannoveraner nach den schönen Europacuperlebnissen 2011, 2012 und 2013 schwer.

Ein Abstieg hätte schlimme Folgen, für den Verein, für die Stadt, für das Lebensgefühl der ganzen Region. Der „kicker“ hat ausgerechnet, dass ein Abstieg zum Beispiel den VfB Stuttgart 20 Millionen Euro kosten würde. Auch die „Roten“ würde es ähnlich heftig erwischen.

Bedrohlicher ist nur die Befürchtung, die viele hegen, mit denen man im Umfeld des Vereins spricht. Es ist die Befürchtung, dass Hannover 96 im Falle eines Abstiegs aus der 2. Liga nicht mehr hochkommt.



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