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Interview mit Jörg Schmadtke

„Nur im Kompromissmodus – das geht nicht“

Vor einem Jahr hat sich Jörg Schmadtke als Manager von Hannover 96 verabschiedet. Am Montag feierte der 50-jährige Sportdirektor des 1. FC Köln den Aufstieg des Traditionsklubs in die Fußball-Bundesliga.

veröffentlicht am 23.04.2014 um 07:20 Uhr
aktualisiert am 25.04.2014 um 00:19 Uhr

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Danke.

Einfach war die ganze Geschichte nicht. Eher ein Langzeitprozess, der auch schwierig war. Aber wir haben keine richtige Krise gehabt. Wir hätten in eine reinlaufen können, als wir nach St. Pauli gefahren sind. Aber wir haben das Spiel sehr souverän gewonnen. Die Mannschaft hat sich Stück für Stück weiterentwickelt. Deshalb sind wir jetzt auch da, wo wir sind.

Von der Emotionalität ist Köln nie eine ruhige Stadt. Wir haben im Verein viele Leute, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, sodass die emotionale Unruhe nicht auf den Klub übergreift. Aber in Hannover haben wir ja auch zweieinhalb, drei Jahre lang relativ ruhig arbeiten können, weil wir Erfolg hatten.

Das ist die Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Wir wollen aus diesem Fahrstuhl raus. Wir werden im Moment als Fahrstuhlmannschaft wahrgenommen – rauf und runter, rauf und runter.Diesen Zyklus wollen wir beenden und uns in den nächsten zwei, drei Jahren in der Bundesliga stabilisieren.

Ich mag Aufgabenstellungen an sich. Hier sah sie so aus, mit einer schwierigen wirtschaftlichen Situation im Rücken eine Mannschaft zum Aufstieg zu führen. Die Vorarbeit war super, im Sommer haben wir dann auf einigen Positionen nachjustiert. Dabei haben wir die Wirtschaftlichkeit dennoch im Griff behalten. Wir sind in der Lage, etwas Eigenkapital aufzubauen und uns ein Stück weit zu entschulden. Bei 32 Millionen Euro Schulden nicht komplett, aber ein bisschen. Das ist in der 2. Liga ungewöhnlich.

Mit viel Geld ist es auch nicht immer einfacher. Bei Bayern München müssen die Transfers auch passen. Wenn die 40 Millionen Euro ausgeben, gucken die in einem anderen Segment. Aber nichtsdestotrotz müssen sie auch aufpassen, dass es passt. Die haben auch Druck. Ob du Geld hast oder nicht: Es ist nie einfach. Transfers sind immer kompliziert, weil man es mit Menschen zu tun hat.

Das war rund um das Braunschweig-Spiel. Das war eine gefährliche Situation für den Klub, zum Glück hat die Mannschaft gegen Hamburg und Frankfurt ein Ventil gefunden, um sich ein Stück weit zu befreien. Aber natürlich lässt mich so eine kritische Situation nicht kalt.

Nein, denn viele Dinge sind in diesem Verein gut strukturiert. Da ist es eher ungewöhnlich, dass 96 in so eine Phalanx gerät. Aber das ist ja auch das Spannende an der Bundesliga. Wenn man sich anschaut, wer alles da unten steht, sieht man, wie gefährlich die Bundesliga ist. Man muss immer aufpassen und darf sich nie zu sicher sein. Die Dinge müssen jede Woche wieder angeschoben, gut begleitet und beobachtet werden.

Mit viel Abstand, den ich habe, muss man fragen, inwieweit diese Ziele realisierbar sind. Das andere ist, dass vielleicht irgendwelche Fehler im Laufe der Saison gemacht wurden. Sonst wären diese Teams nicht da unten.

Mein Telefon klingelt häufig, aber ein Anruf von Martin Kind war nicht dabei. Wobei ich sagen muss, dass mir die schwierige Situation des Klubs für Martin Kind sehr leidtut. Hannover 96 würde es ohne Martin Kind auf der Bundesligakarte gar nicht geben. Der eine oder andere, der sich aufregt und glaubt, Martin Kind kritisieren zu müssen, der sollte die ganze Geschichte in die richtige Relation setzen und darüber nachdenken, was der Mann für 96 getan hat. Das kommt mir trotz der momentanen Krise ein bisschen zu kurz. Und ich halte es auch für nicht in Ordnung.

Es war ja keine Entweder-oder-Situation. Die Situation hat sich so ergeben, wie sie sich ergeben hat, und hat mich zu dem Schluss kommen lassen, dass es besser ist, wenn ich mich verabschiede. Dem hat Martin Kind nach langem Überlegen und Kämpfen entsprochen. Dafür bin ich auch dankbar, weil ich denke, dass es für alle Beteiligten am Ende gut war.

Nein. Der Verein und ich hatten unterschiedliche Auffassungen über bestimmte strategische Ausrichtungen. Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder du versuchst, die Richtung zu verändern, oder du gehst, weil es nicht gelingt. So bin ich immer verfahren. Das ist nicht ganz angenehm für alle Beteiligten, auch für mich nicht, aber das ist nun mal so. Natürlich muss man auch eine Kompromissbereitschaft haben, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wenn ich nur noch im Kompromissmodus bin, dann geht es nicht mehr. Ich bin lange Zeit Kompromisse eingegangen, um den Erfolg nicht zu gefährden. Aber irgendwann kam dann der Punkt, wo ich gesagt habe: „Jetzt geht’s nicht mehr.“

Da freue ich mich drauf, weil ich sehr positive Erinnerungen an Hannover habe. Es war eine sehr emotionale Zeit mit vielen ungewöhnlichen und außergewöhnlichen Dingen. Ich habe in Hannover unglaublich gerne gearbeitet und bin dem Klub dankbar für die Dinge, die ich tun konnte und dafür, wie mit mir umgegangen wurde. Schmadtke und Hannover, das hat vier Jahre lang gut gepasst.

Um überhaupt die positive Richtung hinzubekommen, war die Rettung in Bochum entscheidend. Das war etwas ganz Besonderes. Und die Europa-League-Touren möchte ich natürlich auch nicht missen. Wir hatten viel Spaß und waren alle fast die gesamte Zeit über in einer Feiertagsstimmung.

Es ist ganz witzig, wenn man dienstags bis donnerstags den Fernseher anschaltet und sieht, wer da alles so rumturnt. Da denke ich schon manchmal: „Ach, damals bei der Auslosung, da saßen die links und die rechts von uns.“ Das ist schon speziell.

Das ist eine böse Frage, weil ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Egal: Wir kommunizieren viel und sind in der Ausrichtung vom Wesen her ähnlich. Das macht die Zusammenarbeit sehr angenehm.

Nein. Ich habe die aktuelle E-Mail-Adresse nicht.

Nein, absolut nicht. Ich wollte keine blödsinnigen Geschichten darüber hören, dass ein Düsseldorfer in Düsseldorf wohnt, obwohl er in Köln arbeitet. Manchmal macht es die Dinge einfacher, wenn man in der Stadt lebt, in der man auch arbeitet. Auch, um ein bisschen die Volksseele zu verstehen. Ich habe natürlich niemandem erzählt, dass ich Düsseldorfer bin. Ich habe immer gesagt, ich bin Rheinländer (lacht). Im Ernst: Ich bin hier sehr warmherzig und offen aufgenommen worden. Im Sommer kommt meine Frau, die zurzeit noch mit meiner Tochter in Hannover lebt, nach Köln. Wir werden dann gemeinsam hier wohnen.

Dann hätten Sie mich mal auf den Sitzungen sehen sollen. Am 11. November, am Rosenmontag und auf der Veranstaltung des 1. FC Köln: immer voll dabei und mittendrin. Ich hatte mich aber sehr gut verkleidet, da hat mich kaum einer erkannt.



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