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Dieter Schatzschneider im HAZ-Interview

„Der muss mal die Schnauze halten“

Ein Mann redet Klartext: 
Dieter Schatzschneider über Mirko Slomkas „Piephähne“, die Grenzen der Wissenschaft
 auf dem Fußballplatz und über den zu großen Einfluss von Spielerberatern.

veröffentlicht am 13.02.2014 um 20:58 Uhr
aktualisiert am 16.02.2014 um 00:15 Uhr

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Dieter Schatzschneider ist der erfolgreichste Fußball-Torjäger von Hannover 96, bis heute die Nummer 1 in der ewigen Torschützenliste der 2.  Liga. In 178 Erst- und Zweitligaspielen für die „Roten“ traf er 134-mal. Schatzschneider spielte früher auch für den Hamburger SV, Schalke 04, Fortuna Köln und den Grazer AK. Er ist ein enger Berater von 96-Klubchef Martin Kind – bei Auswärtsspielen auch dessen „Chauffeur“. Seit 2008 arbeitet der 55-Jährige zudem als sogenannter Scout für 96.

Ich bin zufrieden, dass wir gegen schwierige Gegner zweimal gewonnen haben. Trainer Tayfun Korkut hat genau das Richtige gemacht, im ZDF haben sie dafür das schöne Wort Basistaktik erfunden. Gerade im taktischen Bereich hatte die Mannschaft unheimlich viele Schwäche. Das hat Korkut erkannt. Und selbst die Leistung gegen Schalke hätte locker gereicht, um in Freiburg nicht zu verlieren.

96 ist noch lange nicht durch, aber die Chancen sind gut. Erst einmal ist es wichtig, in der Defensive gut zu stehen und damit die Punkte zu holen. Das ist das A und O im Abstiegskampf. Wir müssen wieder dahin kommen, dass die anderen Mannschaften sagen, dass 96 ekelig zu spielen ist.

Absolut. Die Spieler haben wieder Spaß am Fußball, wozu auch Spaß am Laufen gehört. Das hat Korkut schon geschafft. Für mich ist ganz wichtig, dass wir wegkommen von diesem wissenschaftlichen Kram, der bei 96 in den vergangenen Jahren viel zu dominant war. Die Wissenschaft sagt: Ein Training, das nicht richtig gemacht wurde, ist ein verlorenes Training. Ich sage: Wenn ich einem Spieler in die Augen schaue, dann weiß ich, was ihm hilft. Da kann ich dann sagen: „Komm, Junge, hast gut gespielt, bist ein bisschen platt, lass dich mal massieren.“ Das bringt mehr als dieser ganze andere Schrott.

Mutig und riskant. So einen Bengel in so einer Situation zu holen, das kann nur Martin Kind (96-Klubchef, d. Red.). Mir hat das einige Magenschmerzen verursacht, aber es war die richtige Entscheidung. Wenn alles so hinhaut, wie Korkut sich das vorstellt, dann haben wir in den nächsten Jahren kein Trainerproblem.

Ich habe das damals bei Slomka bemängelt, weil ich aus der Mannschaft gehört hatte, dass die Spieler einfach keinen Bock mehr hatten, bei dem Professor (Bewegungswissenschaftler Professor Jürgen Freiwald, d. Red.) den ganzen Mist zu machen. Ich bin froh, dass dieses Thema bei 96 endlich vom Tisch ist. Wenn Mirko (Mirko Slomka, d. Red.) weiter nach oben will, kann ich ihm nur raten, sich von diesem Rattenschwanz zu trennen. Das bringt auf Dauer nichts.

Keine Genugtuung, ich bin frei von Eitelkeiten. Wichtiger ist mir, dass wir im Verein früher erkennen müssen, wenn etwas in die falsche Richtung geht, und dann auch früher eingreifen. Mirko wäre vielleicht heute noch 96-Trainer, wenn Jörg (Jörg Schmadtke, ehemaliger 96-Manager, d. Red.) gesagt hätte: „Pass mal auf, Mirko, ich schätze dich als Trainer. Aber deine anderen Piephähne, die brauchen wir nicht.“ Da müssen wir in Zukunft weitsichtiger sein.

Letztlich haben diese Leute ihm den Kopf gekostet. Wenn ich mich darauf verlasse, was meine Experten mir raten, und das auch umsetze, dann brauche ich auch die Besten. Starke Trainer haben auch starke Menschen um sich. Die würden einem Schatzschneider kein Flugverbot geben. Die würden sagen: „Junge, komm her, lass uns reden.“

Ich habe meine Fußballersprache, die, zugegeben, gewöhnungsbedürftig ist. Aber wenn Martin Kind damit klarkommt, dann sollte es den anderen auch möglich sein, ab und an ein Auge zuzudrücken und über manches, was ich sagen, einfach mal zu lächeln.

Ich bin froh, dass 96 jetzt wieder einen Fußballer als Trainer hat. Korkut ist gegenüber der Mannschaft sehr einfühlsam, das tut ihr gut.

Ja, wenn er nicht wieder seine ganzen Professoren mitnimmt (lacht). Er hatte so eine Situation ja auch zu Beginn seiner Zeit bei 96. Auch wenn er auch da viel falsch gemacht hat, am Ende ist 96 nicht abgestiegen. Mit seinem Auftreten könnte er gerade im Hamburger Umfeld punkten. Ich denke, dass er entweder in Hamburg oder Stuttgart der nächste Trainer wird.

Mein absoluter Egoismus. So etwas geht in keiner Mannschaft der Welt gut. Ichbezogene Menschen lassen sich nichts sagen, das war bei mir früher nicht anders. Aber heute komme ich mit jedem klar, sogar mit Felix Magath, den ich früher bedroht habe (lacht).

Auf jeden Fall würde das den Laden spannender machen. Wir haben einfach zu viele Spieler, die zu abhängig von ihrem Berater geworden sind. Es hemmt die Spieler in ihren Leistungen, wenn sie nicht in der Lage sind, Entscheidungen selbst zu treffen. Ein gutes Beispiel dafür ist Mame Diouf. Der ist so abhängig von diesem Solbakken (Jim Solbakken, Dioufs Berater, d. Red.), da muss man als Verein dem einfach mal sagen, dass er die Schnauze halten und nicht noch mehr Unruhe bei 96 verbreiten soll. Diese Spieler bleiben irgendwann in ihrer Entwicklung stehen, weil sie es nicht gewohnt sind, selbst Entscheidungen zu treffen. Man muss nicht jedes Interview noch mal gegenlesen und 17 Veränderungen machen. Lass ihn doch mal was sagen – und es ihn dann ausbaden. So lernt man am besten.

Klar. Ich soll mir das ja auch immer noch einmal durchlesen. Aber da weigere ich mich. Ich stehe zu meinem Wort. Gegenzeichnen, abzeichnen, wegzeichnen: Ich hoffe, dass dieser ganze Wahnsinn mal irgendwann aufhört.

Steven Cherundolo ist so einer. Er ist kein Lautsprecher, er macht das im Stillen. Und er ist einer, dem der Verein am Herzen liegt.

Absolute Hochachtung trifft es am besten. Ich weiß, was er für Hannover 96 geleistet hat. Darüber machen sich viele keine Gedanken. Kind ist ein absoluter Glücksgriff für 96. Wenn einer Ahnung hat, wie man ein Unternehmen führen muss, dann ist er das.

Ich wollte erst einen erfahrenen und dann im Sommer einen jungen Trainer. Aber Kind hatte sich Korkut in den Kopf gesetzt, weil der ihn überzeugt hatte. Er ist der Entscheider, er steht dafür mit seiner Birne gerade. Nicht ich, ich bin Blabla. Aber ich meine es ehrlich mit diesem Verein.

Wir fliegen. Es sei denn, das Interview wird noch vorher veröffentlicht.

Ja. Dann kann es sein, dass ich mit der Bahn fahre. Allein. (lacht).



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