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Übliche Geschmacklosigkeiten

Das Derby im Stadion

„You’ll Never Walk Alone“, Bengalos und „Absteiger!“-Rufe – Wie Hannover 96 und Eintracht Braunschweig-Fans das Niedersachsenderby erleben.

veröffentlicht am 06.04.2014 um 21:34 Uhr
aktualisiert am 06.04.2014 um 23:44 Uhr

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Wüsste man nicht, dass in diesem Stadion mit dem geduckten Flachdach und der Rarität einer 400-Meter-Laufbahn ein angeblich auf Tod und Leben angesetztes Derby gespielt würde, man hätte auf ein normales Fußballspiel schließen können. Ein Plakat, befestigt an einer Autobahnbrücke, erwartet die „Loser 95+1“. 96, das spricht man ungern aus in Braunschweig. Getrennte Anmarschwege der Fans, Polizei im Stadion, Pfiffe, wenn Spieler der anderen Mannschaft den Rasen betreten.

Fünf Minuten vor Anpfiff ändert sich der Ton. Ein über die ganze Weite der Braunschweiger Fankurve gespanntes Banner gibt die Haltung vor, die die Fans hier erwarten. „Jeder Löwe muss mit Stolz das Wappen auf dem Trikot tragen, um heut die rote Pest zu schlagen.“ Dann ein paar meterhohe Löwenbilder, „Hannoverrecke“ steht unter einem. So führt man Kriege.

Schön anzuschauen dagegen kurz vor dem Anpfiff, wie ein ganzes Stadion blau-gelben Flitter in die Luft wirft. Ein ganzes Stadion? Nicht ganz, die in dichten Reihen zusammengedrängten hannoverschen Fans gucken zu. Beim Klassiker „You’ll Never Walk Alone“ bleibt stummes Zuhören und freier Blick auf das „Anti-Hanoi“-Banner. Aus Hanoi kommen die Gäste im 96-Block, Luftlinie 200 Meter entfernt, vor sich eine Ordnungsmacht aus drei Dutzend Sicherheitsleuten in gelben Sicherheitswesten.

Dann das erste Tor für die Eintracht, erzielt von Domi Kumbela, und das schon nach 14 Minuten. In der Fankurve der Braunschweiger brennen Bengalos, vier, fünf Stück. Gelber Rauch zieht hoch und durch die Kurve. Der übliche Satz des Stadionsprechers, aus dem Baukasten der Fußballwelt, man möge das in Block 9 einstellen, „ihr gefährdet euch und andere“.

Gefährdet sehen die „Roten“ die Mannschaft, der sie in die Nachbarstadt hinterher gereist sind. Sie singen „Wir wollen Euch kämpfen sehen“, dieser Klassiker des Beleidigtseins, der selten Gutes erwarten lässt.

Das Gute an kleinen Stadien, die kaum 30 Reihen hinauf reichen: Man ist verdammt nah dran. 96-Trainer Tayfun Korkut wirkt ein wenig wie ein verlorener und einsamer Mann unten in seiner kreidemarkierten Coachingzone. Nach dem 2:0 für die Eintracht durch Havard Nielsen wiederholt sich alles. Ein Stadion, der Großteil der Zuschauer in gelben Trikots, springt auf. Bengalos in Block 9, der Sprecher sagt, die Leute würden sich und andere gefährden. Die rote Kurve singt: „Ihr könnt nach Hause fahren!“ Braunschweiger singen dasselbe, kleiner Scherz, und meinen die rote Kurve.

Wie hieß es vor dem Anpfiff aus den Stadionlautsprechern: Der letzte Derby-Heimsieg stammt aus der Saison 1971/1972. Dreinull, schon eine Weile her.

Die Gegenwart beginnt in Halbzeit zwei. Mit Rufen von den 96-Fans. „HSV, HSV, HSV.“ Aus der Eintracht-Ecke kommt, um was es geht. „Kämpfen bis zum Ende, für die 1. Liga!“ Minutenlang. Das Stadion singt mit. Im roten Block ist dagegen tote Hose. Jetzt, in den Minuten nach der Pause, hat das ganze Stadion den Abstiegskampf angenommen. Das ganze Stadion?

Im gegnerischen Block könnten auch Berliner stehen. Derbystimmung sieht anders aus. Täuscht der Eindruck, oder wirkt der rote Block seltsam überrascht? Kaum ein Ton von Anfeuern, statt dessen Selbstbeschäftigung der üblichen Art. „Kind muss weg“-Rufe. Gemeint ist 96-Präsident Martin Kind, der auf seinem Tribünenplatz sitzt und aussieht, als sei er um Jahre gealtert.

Eintracht-Ultras zünden weitere Bengalos. Aus dem gelben Block schreien erregte Männer einen Text, den sie in diesem Nachbarschaftsstreit für angemessen halten. Es ist ein ausdauerndes „Hannover verrecke“!

Das 3:0 war dann auch egal. Das Spiel endet für das 96-Team an der Eckfahne. Ein paar klatschen zaghaft, die Fans sind wütend. „Absteiger!“, rufen sie, „Absteiger, Absteiger!“

Während es nach dem Spiel in Braunschweig weitestgehend ruhig bleibt, kommt es in Hannover vor dem 96-Stadion zu Ausschreitungen. Mehrere Hundert Fans der „Roten“ fordern den Rücktritt von Kind und Sportdirektor Dirk Dufner. Es werden Böller und Leuchtraketen gezündet und Flaschen geworfen.

Während in Braunschweig der Derbysieg gefeiert wird, klettert 96-Trainer Tayfun Korkut am frühen Abend in Hannover am Stadion auf einen Zaun und versucht die Fans zu beruhigen. „Die Mannschaft hat alles gegeben“, sagt er. Die Pfiffe werden daraufhin noch lauter.



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