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(Ex-)Konsumenten aus der Region berichten von ihrem Leben mit der Droge

Cannabis: „Ein megageiles Gefühl“

Keine illegale Droge wird in Europa und in Deutschland mehr konsumiert als Cannabis. Sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen ist sie am beliebtesten. Wie kommt das? Was macht den Reiz dieses Rauschmittels aus? Welche Schattenseiten gibt es? Und ist eine Legalisierung zu vertreten? Für Styles of Hameln haben mir sechs (Ex-)-Konsumenten aus der Region von ihren Erfahrungen und Sichtweisen berichtet.

veröffentlicht am 08.02.2019 um 16:31 Uhr
aktualisiert am 11.02.2019 um 10:38 Uhr

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Franziska Winkler

Autor

Franziska Winkler Redakteurin / Pressereferentin zur Autorenseite
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Ein Gefühl von Glück, Zusammengehörigkeit, Entspanntheit oder aber auch Linderung von Schmerzen – für einige ist Cannabis ein Geschenk des Himmels, das auch auf prominente Unterstützung wie die vom ehemaligen deutschen Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer, bauen kann. Schon als Grünen-Politiker setzte er sich für die Freigabe von Cannabis ein. Heute sitzt er im Beirat eines kanadischen Cannabis-Unternehmens. Aber vor allem in der Popkultur hat die Hanfpflanze seit Jahrzehnten einen festen Platz. Besonders im Reggae mit Bob Marley als kiffendes Aushängeschild, aber auch in der amerikanischen und deutschen Rap-Musik ist Gras in vielen Texten ein Must-have. Der allmähliche Bedeutungswandel in der Meinung über Cannabis lässt sich besonders gut in Letzterer nachverfolgen: von der heftigen Droge zum alltäglichen Genussmittel. Egal, ob in Videos oder auf Konzerten – die Kulturpflanze ist präsent.

Doch ist Cannabis wirklich so harmlos?

Seine Wirkung lässt sich nicht verallgemeinern. Sie ist abhängig von der Konsumform (Rauchen oder Essen), dem Konsumgerät (Joint, Pfeife), der aufgenommenen Dosis bzw. dem THC-Gehalt**, der Umgebung und der psychischen Stabilität eines Menschen. Fakt ist, dass bis jetzt noch nie jemand an einer Überdosis Cannabis im Gegensatz zu anderen Drogen oder auch Alkohol gestorben ist. Regelmäßiger Cannabiskonsum (täglich oder chronisch über Jahre) kann jedoch zu einer psychischen und einer milden körperlichen Abhängigkeit führen. Besonders in sehr jungem Alter wird vom Konsum abgeraten, da sich dann das Gehirn noch in der Entwicklungsphase befindet und Marihuana zu Hirnveränderungen führen kann. Abschreckend scheint dieser mögliche Nebeneffekt für viele Jugendliche trotzdem nicht zu sein. Das Einstiegsalter liegt dem Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung von 2018 nach bei durchschnittlich 16 Jahren. Folglich sind viele Kiffer auch deutlich jünger.

Laut Angela Freimann, der neuen Leiterin der Drogenberatungsstelle Drobs in Hameln, haben 2018 über 220 Personen, die das Thema Cannabis im Gepäck hatten, die Beratungsstelle aufgesucht. „Hier handelt es sich aber nur um Menschen, die tatsächlich die Courage finden, sich beraten zu lassen“, erklärt Angela Freimann. Die Dunkelziffer sei weitaus höher. Eine Einstiegsdroge zu härteren Drogen sei Marihuana aber nicht.

Also doch nicht alles schlecht?

In der Tat nicht. Denn die schmerzlindernden Eigenschaften von Cannabis sind für viele Patienten eine milde und verträglichere Alternative zu stark wirksamen Schmerzmedikamenten. Seit März 2017 gibt es Cannabis-Präparate zur Behandlung von chronischen Schmerzen, Spastiken bei Multipler Sklerose und zur Appetitsteigerung bei Aids- und Krebspatienten auf Rezept. Verschreiben kann es jeder Arzt, jedoch liegt die Entscheidungsmacht ganz bei ihm. Stehen keine Alternativen zur Verfügung und erwartet er eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf oder die Symptome, ist es ein probates Mittel. Erhältlich ist das medizinische Cannabis nur in ausgewählten Apotheken. In Hameln beispielsweise in der Basberg-Apotheke.

Was ist Gras also nun? Die illegale, psychisch abhängig machende Droge oder das nette Wohlfühlmittelchen für zwischendurch? Oder keins von beidem? Sechs (Ex-)Konsumenten aus der Region haben die Karten auf den Tisch gelegt:

Michael*, 43

„Kiffen war für mich ein Problemlöser, Entspannung und Spaß. Über 20 Jahre rauchte ich täglich fast 20 Bongs (Anm. d. Red.: Wasserpfeifen für rauchbare Drogen/Tabak) oder vier bis fünf Tüten. Wenn ich aus dem Supermarkt etwas brauchte, schickte ich einen Kumpel hin, weil ich Angst hatte, dass man mir meinen Konsum ansehen konnte. Neben den für mich angenehmen Gefühlen wie das der absoluten Entspanntheit kamen aber mit der Zeit auch Nebeneffekte dazu: Ich fühlte mich müde, unaufmerksam und litt unter Gedächtnisschwund. Trotzdem machte ich weiter. Das änderte sich, als ich meine Frau kennenlernte, die meinen Konsum von Anfang an ablehnte. Obwohl ich sie über alles liebte, musste ich mir eingestehen, dass der Stellenwert der Droge dennoch höher war. Ein bitterer, wenn auch erleuchtender Moment, denn SO wollte ich nicht länger leben. Ich meldete mich umgehend zu einer Entzugstherapie in Berlin an. Nun bin ich seit fünf Jahren „clean“ und die Nebenerscheinungen los. Ob ich Cannabis legalisieren würde? Nein, aber entkriminalisieren.“

Oliver*, 34

„Angefangen habe ich mit 16 Jahren. Damals beim geselligen Beisammensein mit Freunden haben wir beim Playstation-Spielen alle immer geraucht. Einen konkreten Auslöser gab es dafür aber nicht. Es war mehr eine Sache, die wir alle gemeinsam gemacht haben und an der wir Spaß gefunden haben. Bis zur Studienzeit rauchte ich täglich. Heute bin ich bei einem Mal in der Woche (immer freitags) angekommen. Ich kiffe, um von der Arbeitswoche runterzukommen, zu entspannen und abzuschalten. Ich fühle mich dabei einfach gut. Gras rauchen und durch den Wald joggen sind die einzigen Dinge, die meinen Kopf wirklich frei kriegen.

Die Folge meines Konsums ist, dass ich samstags für meine Verhältnisse lange schlafe. Das ist auch das einzige. Mein Gehirn funktioniert wunderbar, ich vergesse selten Dinge und stehe voll im Arbeitsleben. Antriebslosigkeit, Vergesslichkeit und / oder der Einstieg zu harten Drogen waren bei mir nicht ausgeprägt. Wenn es nach mir ginge, sollte Cannabis legalisiert werden. Denn im Vergleich zu Zigaretten oder Alkohol ist Gras echt harmlos. Gras macht dich bei zu viel Konsum einfach nur müde.“

Fabian, 24

„Bei mir ging das Kiffen mit 18 los. Es half mir meine eigenen Probleme oder Dinge, die mich runterzogen, zu verdrängen. Stoned zu sein, gab mir ein mega geiles Gefühl. Es machte Spaß. Aber dieses Gefühl verschwand auch ebenso schnell wieder. Nach mittlerweile sechs Jahren durchgängigen, täglichen Konsum kann ich rückblickend sagen, dass Cannabis mich sehr träge, faul und teils vergesslich hat werden lassen. Meinen Charakter und mein Leben hat es eindeutig zum Negativen verändert. Mein Konsum hatte die Kontrolle über mich und meinen Alltag übernommen. Das wollte ich aber lange Zeit nicht einsehen. Anfangs gab es mir das Gefühl von Wohlbefinden. Ich konnte total entspannt mit meinen Freunden abhängen und es war immer lustig. Aber das hört auch schnell wieder auf, wenn man es regelmäßig nimmt.

All die kleinen, tollen Momente sind es nicht wert, sich selbst zu verlieren oder seinen Alltag nicht mehr ohne meistern zu können. Vor ungefähr einem halben Jahr hat es bei mir Klick gemacht. Ich begriff, dass Gras nicht nur eine nette Nebenbeschäftigung für mich war, sondern mich abhängig gemacht hat. Ich kiffe seltener, aber davon gänzlich loszukommen, fällt mir schwer.

Legalisieren sollte man es trotzdem, da es gerade als therapeutisches Mittel für viele eine Bereicherung wäre. Aber Aufklärung ist auch hier wichtig, denn so harmlos, wie alle tun oder glauben, ist die Pflanze nicht.“

Marina, 38

„Ich habe mit 13 Jahren angefangen zu kiffen. Warum? Weil es die großen Jungs gemacht haben. Ich wollte dazu gehören und auch so cool sein. Zudem kam damals die Techno Szene langsam hoch und dort wurde alles Mögliche an Drogen konsumiert. Cannabis war meine Einstiegsdroge. Ich habe viele Jahre bis zu 2 Gramm am Tag gekifft. Lange Zeit hängt man wirklich nur rum, isst viel und macht quasi nichts mehr. Aber das ändert sich. Später habe ich mit meinen Kids trotzdem meinen Alltag auf die Reihe bekommen und hatte einen ganz normalen Tagesablauf. Auch normal arbeiten gehen kann, man wenn man sein Level hat. Vor meinen Kindern würde ich nie kiffen.

Süchtig bin ich nicht. Wenn ich eine Zeitlang aufhören möchte, mache ich das. Das ist gar kein Problem. Heute kiffe ich nur noch hin und wieder, weil ich es mir nicht leisten kann und der Aufwand, es mir zu beschaffen zu stressig ist. Krankheitsbedingt würde ich aber auch öfters wieder kiffen. Cannabis auf Rezept wäre für mich eine große Erleichterung. Ich habe Rheuma und starke Schmerzen. Schmerzmittel wären in meinem Fall Opiate, die schlimm abhängig machen und den Körper sehr schädigen. Also halte ich derzeit die Schmerzen aus. Lebensqualität sieht jedoch anders aus. Da ich noch andere Drogen konsumiert habe, kann ich nicht sagen, ob speziell das Kiffen bei mir negative Spuren hinterlassen hat. Ich habe mich viele Jahre selbst durch Bücher gewälzt, was Pro und Kontra anbelangt – mit Ärzten gesprochen und die Geschichte des Kiffens verfolgt. Daher kann ich mich eindeutig für die Legalisierung aussprechen. Genug Studien belegen, dass Alkohol weitaus schädlicher ist. Kiffen kann vielen Menschen helfen, aber natürlich will die Pharmaindustrie dies nicht, weil es ein erheblicher Verlust für sie bedeuten würde. Es gibt mittlerweile genug Beispiele, dass eine Legalisierung gut funktionieren kann. Man braucht sich nur die Niederlande anzugucken. Mal abgesehen von den enormen Steuereinnahmen, die Kleinkriminalität, die zurückgehen könnte, sodass sich die Polizei um wichtige Dinge wie die Bekämpfung vom Heroin- und Kokain-Handel kümmern könnte. Die Pro-Liste ist lang im Gegensatz zum Kontra.“

Chris, 21

„Das erste Mal gekifft, habe ich im Sommer 2011, als ich 14 Jahre alt war. Ich war einfach neugierig. Mein Stiefbruder erzählte so viel darüber, dass ich es irgendwann auch mal ausprobieren wollte. Ich kiffe, weil es mir gefällt. Ich suche weder einen Kick, noch reizt mich das Verbotene. Mir gefällt einfach die Wirkung. Seit meiner Kindheit leide ich unter Migräne, aber seit ich Cannabis regelmäßig konsumiere, geht es mir damit besser. Es hilft mir auch beim Einschlafen. In den acht Jahren meines Konsums, gab es insgesamt zwei Jahre, in denen ich nicht gekifft habe. Ansonsten kiffe ich jeden Tag und das nicht gerade wenig. Früher habe ich um die 50 Bongs geraucht. Heute rauche ich nur noch Joints (um die 10 am Tag) da man durchs Bong rauchen meinem Empfinden nach seine Antriebskraft verliert. Zur Folge hat mein Konsum nur, dass ich ab und zu etwas vergesslich bin.

Für die Legalisierung wäre ich absolut – alleine schon aus medizinischen Gründen. Dass Gras eine Einstiegsdroge sein soll, ist auch völliger Quatsch. Heutzutage wissen die Leute, auf was sie sich einlassen, da man besser aufgeklärt wird. Warum sollte etwas verboten werden, was schon tausende Jahre länger auf diesem Planeten wächst als wir hier leben. Alkohol und Tabak sind auch legal und richten erwiesenermaßen einen beträchtlichen Schaden im Körper an. Also, warum dann nicht auch Cannabis?! Legalize it!“

Carina*, 31

„Durch meinen damaligen Freund bin ich mit 15 Jahren in den Kontakt mit Cannabis gekommen. Ich wollte es auch mal ausprobieren, fand es gut, weil es mir ein Glücksgefühl gegeben hat und bin dann bis 22 auch dabei geblieben. Geraucht habe ich ca. ein Gramm täglich. Mit ungefähr 23 Jahren habe ich aufgehört, weil ich einen klaren Moment hatte und mein Umfeld gesehen habe. So wollte ich nicht mehr sein. Jetzt bin ich 31 Jahre und habe zwar ab und an noch mal ein paar Gedanken dran, das war`s aber auch. Ich denke nicht, dass ich Folgen von meinem Konsum davongetragen habe. Eine Legalisierung könnte von Vorteil sein – davon bin ich überzeugt. Der Konsum würde zurückgehen, da dann der Nervenkitzel weg ist. Zudem würde es das Leben vieler Schmerzpatienten erleichtern.“

Was tun bei Abhängigkeit?

Wenn du dir Sorgen machst, abhängig zu sein, kannst du hier einen Onlinetest machen. Wenn du Probleme mit dem Entzug hast oder an Angstzuständen leidest, solltest du dir Hilfe suchen. Eine erste Orientierung bietet u.a. die Sucht- und Drogenberatungsstelle Drobs in Hameln.

Drobs Hameln – Fachstelle für Sucht und Suchtprävention

Offene Sprechstunde: Mo-Do, 12.30 bis 14.00 Uhr oder ein Beratungsgespräch telefonisch vereinbaren.

Kaiserstr. 55, 31785 Hameln

Tel.: 05151-925402

Mobil: 0157-3333 1042

*Der Name wurde auf Wunsch der/des Protagonistin/-en von der Redaktion geändert.

Information

Was ist THC

Die Cannabis-Pflanze gehört zur botanischen Gattung der Hanfgewächse. Die stärkste Wirkung entfaltet das Cannabinoid Tetrahydrocannabinol – kurz THC. Die Substanz bindet an CannabinoidRezeptoren an, die sich im ganzen Körper, am häufigsten aber im Gehirn befinden und Teil des zum Nervensystem gehörenden Endocannabinoidsystems sind.

Wird Cannabis geraucht, setzt die Wirkung meist unmittelbar ein, da der Wirkstoff sehr schnell über die Atemwege aufgenommen wird und die Blut-Hirn-Schranke überwindet. Nach ungefähr 15

Minuten erreicht die Wirkung ihr Maximum und klingt nach 30 bis 60 Minuten langsam ab.

In den letzten Jahrzehnten ist der THC-Gehalt von Cannabis stark angestiegen. So lag der Medianwert für Haschisch im Jahr 1996 bei 4,9 % und hat sich bis 2017 verdreifacht auf 14,7 %.



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