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Eine hintergründige und amüsante Lesung mit Max Goldt in der Sumpfblume

Zwischen Sauerkraut und Plusquamperfekt

Hameln. Während manche die deutsche Sprache gebrauchen, als wäre sie Fast Food, ist Max Goldt ein Feinschmecker. Was er in den Mund nimmt und zu Papier bringt, hat Stil. Und Humor. Und Tiefgang. Und einen gewissen Absurditäts-Faktor. Gar nicht absurd ist daher, dass seine Lesung am Donnerstag in der Sumpfblumen-Reihe „Verführerische Abende“ gut besucht und beklatscht wurde.

veröffentlicht am 19.11.2010 um 11:38 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 09:41 Uhr

Glutamat + Zitherspiel = China, sagt Max Goldt, liest Texte über „lala gehende Italiener“ und Dialoge über Hässlichk

Autor:

Julia Marre
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Goldt, der 13 Jahre lang Kolumnen für das Satire-Magazin „Titanic“ schrieb, ist nicht nur ein wahrer Formulierungsheld. Auch entpuppt er sich als eine Art Partnervermittler für gesellschaftliche Phänomene. In seinen Texten wächst zusammen, was zwar nicht zusammengehört. Doch so schlüssig und tiefgründig, wie der Schriftsteller Zusammenhänge herstellt, fragt man sich nur: War das nicht sowieso schon immer so? Da wird Beyoncé Knowles mit Kleinbürgern in Verbindung gebracht. Treffen Alpenveilchen auf Kulturferne. Ist der Flippers-Schlagzeuger womöglich optisch mit einem maltesischen Busfahrer verwandt. Oder wird Madonnas Schamhaar in einer Geschichte über mit Aquarien ausgestattete Restaurants untergebracht. Der Themenpool, in dem Goldt offensichtlich am liebsten angelt, heißt Popkultur. Und das, was einmal an seiner Schnur zappelt, wird so schnell nicht mehr losgelassen.

So erfahren die Besucher im Saal, was Mütter überspringende Penisse sind. Sie lernen und schmunzeln darüber, dass etwa zehn Prozent der erwachsenen Frauen in deutschen Fußgängerzonen ein Miniaturbärchen am Rucksack tragen - was Goldt zauberhaft in der Geschichte „Die Verbesserung von Jessicas Mutter mithilfe eines Mülleimers“ auffängt. Sie wissen, dass man einem Konversationslexikon von 1940 genauso wenig trauen sollte wie PDS-Straßenfesten. Und sie bestaunen das Phänomen von Sätzen, die sich in fremden Gesprächen verirren.

Über all der Gesellschaftskritik und Alltagsgroteske thront Goldt mit gefalteten Händen neben seinem stets gut gefüllten Wasserglas. Über den Dingen stehend, aber keineswegs abgehoben trägt er etwa Angela Merkels Vorliebe für Döner vor. Erst nach knapp zweistündiger Lesezeit klappt er seine farbige Pappmappe zusammen. Stagediving nach dem Signieren auf der Bühne verbittet er sich. Still. Aber mit Stil.

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