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67. Musiktage auch unter Carolin Widmann ein Erfolg

Zwei Handschriften mischten sich in Hitzacker

Hitzacker. Das Motto der Sommerlichen Musiktage lautete „Exil“. Seine Auslegung stieß angesichts des Programms prompt (und nicht zu Unrecht) auf skeptische Kommentare und Fragen wie: Waren Beethoven, Schubert und Schumann wegen ihrer Krankheiten Exilanten? Ausgeschlossene? Doch diese 67. Musiktage waren schon deshalb interessant, weil sich in ihnen Spuren der innovativen Arbeit des vorigen Intendanten Dr. Markus Fein mit der Handschrift seiner Nachfolgerin mischten – ein Erfolg für Carolin Widmann.

veröffentlicht am 08.08.2012 um 17:46 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 01:21 Uhr

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Autor:

Karla Langehein
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Die zweite Festwochenhälfte begann mit einem Klavierrecital von Marino Formenti. Der Italiener wurde 2009 in Hitzacker mit dem „Belmont-Preis für zeitgenössische Musik“ ausgezeichnet. Auf seinen Wunsch blieb das Podium geschlossen, die Sitzreihen halbkreisförmig um den auf gleicher Ebene stehenden Flügel gestellt, der Saal in tiefes Dunkel getaucht, erleuchtet nur der Platz am Flügel. Das wirkte zunächst wie die exzentrische Abgrenzung vom glamourösen Pianistenzirkus, bestätigte sich aber als perfekte Konzentrationshilfe. In den Wechseln zwischen Romantik und Moderne zeigte sich Formenti als Meister der Werkdurchleuchtung. Berückend die Klarheit, mit der er in Schuberts fragmentarisch überlieferten Sonaten die linearen und harmonischen Konturen herausarbeitete. Frappierend seine zahlreichen Stufungen zwischen piano und pianissimo, wie sie in Weinbergs Wiegenlied und Morton Feldmans „Palais de Mari“ faszinierten. Überraschend inmitten von so viel Pianofühligkeit die Lust, mit der Formenti mit Fäusten, flachen Händen und Unterarmen Galina Ustwolskajas Cluster in die Tasten hieb.

Auch das Duo Isabell Faust und Alexander Melnikov: ein besonderes Erlebnis. Auf dem Programm mit dem Titel „Heimat?“ standen Karol Szymanowskis „Mythen“ und Schostakowitschs Opus 134, diese Sonate „in G-Dur“, die (paradox!) atonal mit einer 12-Ton-Reihe beginnt. Gelegentlich wird das Werk als Trauermusik begriffen. Das ist es wohl. Auch. Aber eben nicht nur. Dass Isabell Faust und Alexander Melnikov aus anderer Sicht arbeiten, wurde in den ersten Takten klar: Melnikov servierte die einleitende Zwölftonreihe, diese nicht mehr „harmonische Heimat“, in sattem Mezzoforte anstelle des Pianos in der Partitur und formte so eine Grundlage für die partnerschaftlich vollzogene, restlos überzeugende Aussage über ein Werk aus der nachstalinistischen Zeit.

Wer kennt die Lieder, kennt ihre Texte? Franz Schubert hinterließ etwa 600 Lieder. „Nacht und Träume“ war der Liederabend von Matthias Goerne betitelt. Dass nur wenige Lieder zu den bekannteren gehörten, ihre Texte nicht mitgereicht wurden, die Saalbeleuchtung es kaum erlaubte, im Programmheft die Liedfolge nachzulesen: beklagenswert schwierige Voraussetzungen. Was inhaltlich im Gedächtnis haften bleibt: ein sehr schöner, gut geführter Bariton mit sicheren Höhen und bemerkenswert tragfähiger Basskomponente, der jedoch so manche deklamatorische Möglichkeit schuldig blieb. Leider konnte auch Alexander Schmalcz am Klavier dieser Schwäche nicht auf die Beine helfen, trotz aller Chancen, die Schuberts Begleitungen den Pianisten auf dem Tablett servieren.

Kurz vor Toresschluss machten Hitzackers Musikfreunde Bekanntschaft mit dem „Signum Quartett“. Die jungen Musiker spielen in dieser Besetzung seit fünf Jahren zusammen. Dass sie seither zu einem perfekt aufeinander eingestellten Ensemble gereift sind, bestätigte sich mit ihrer empfindsamen Ausleuchtung von Schumanns 2. Streichquartett (1842) und der virtuos temperamentvollen Wiedergabe von Erwin Schulhoffs „Fünf Stücke“. Danach vervollständigte Eckard Runge das Quartett zu Schuberts Spätwerk, dem Quintett C-Dur.

Was wäre ein Festival mit einer Chefin von der Qualität Carolin Widmanns, wenn sie nicht selbst noch einmal in das musikalische Geschehen eingriffe? Sie tat es, zusammen mit der Camerata Bern, der sie bei Beethovens berühmter Kreutzer-Sonate den Klavierpart in der Bearbeitung für Streichorchester von Richard Tognetti anvertraute. Ein Experiment, das vor allem wegen der nun fehlenden Kontraste dem Vergleich mit dem Original trotz bestmöglicher Ausführung nicht standhielt. Noch mehr Mut und Risikobereitschaft zeigte Widmann, als sie sieben Teilnehmer des Projekts „Profis unterrichten Laien“ in die Camerata Bern integrierte und mit ihnen Bartóks „Zehn leichte Stücke“ musizierte. Eine tolle Idee – und vollends gelungen. Das Konzert begann mit Bartóks „Divertimento für Streicher“, einem Kompositionsauftrag von Paul Sacher für das Baseler Kammerorchester. Nun spielten es die Berner mit hoher Intensität und entlockten dem Werk all seine so raffiniert instrumentierten Klangfarben.

Reges Treiben herrscht bei Deutschlands ältestem Kammermusikfestival in Hitzacker.

Foto: Kay-Christian Heine



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