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Wie Dan Flavin Lichtinstallationen und Porträts schuf

Zupackende Striche und segelnde Sehnsuchtsbilder

Bielefeld. Es scheint, als habe dieser Künstler ununterbrochen gezeichnet. Schon als Schüler legt er den Stift nicht aus der Hand und bemalt die Seitenränder seiner Lehrbücher mit Porträts von Boxern, die er bewundert. Später sind es Künstler, die zu seinen Helden zählen, wie Paul Cézanne oder Constantin Brâncusi. Er zeichnet ihre Porträts mit schnellen, zupackenden Strichen, die das Charakteristische ihrer Gesichter einprägsam entfalten. Am liebsten zeichnet er im Freien nach der Natur, an den Ufern des East River, im Tal des Hudson River und an den Stränden von Long Island. Freunde berichten, dass sie den 1933 in New York geborenen Flavin nie ohne Notizbuch oder Skizzenblock gesehen hätten. Wo immer er sich aufhält, zeichnet er, was er sieht.

veröffentlicht am 28.12.2012 um 16:51 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 08:21 Uhr

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Autor:

Michael Stoeber
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1970 stellt er im hannoverschen Kunstverein aus. Eingeladen hat ihn Manfred de la Motte, einer der mutigsten Ausstellungsmacher dieser Stadt. Flavin skizziert die Teilnehmer der Pressekonferenz. Kurz, knapp und so genau, dass sie noch heute zu identifizieren sind. Zu sehen sind die Blätter neben vielen anderen jetzt in einer fabelhaften Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld, die das zeichnerische Werk Flavins in all seinen Facetten vorstellt. Dabei ist auffällig, dass die Zeichenkunst des amerikanischen Minimal-Art-Künstlers nach abstrakt expressionistischen Anfängen bald einer traditionellen, gegenständlichen Darstellungsweise folgt. Sie unterscheidet sich klar von seinen konzeptuellen Lichtplastiken, die ihn weltberühmt gemacht haben. Aber dieser Zeichenstil zwingt Flavin auch zu genauem Hinsehen und zu einer analytischen Durchdringung der Wirklichkeit, die ihm als Ideenkünstler zupasskommt. Als solcher brilliert er in den Skizzen, in denen er die Konstruktionspläne für seine Leuchtstoffinstallationen entwickelt und festhält.

Diese Pläne wirft Flavin oft nur kursorisch aufs Papier, begleitet von Anmerkungen zur Farbe und Position der Leuchtstoffröhren. Der Einfall ist hier alles! Eine zum Kult gewordene Zeichnung zeigt eine Anzahl krakeliger, vertikal ausgerichteter, schwarzer Bleistiftstriche. Erst einen einzelnen, dann zwei, schließlich drei zusammenstehende Zeichen. Es ist die Skizze für eine 1963 gebaute Wandinstallation aus weißen Leuchtstoffröhren zu Ehren von William von Ockham. Die Arbeit Flavins versinnbildlicht die einfachste Form einer Progression durch Addition und damit einen Systemgedanken.

Was an der Bielefelder Ausstellung bestechend ist: Sie zeigt im zweiten Stockwerk des Museums die Zeichnungen des Künstlers und im ersten wichtige Lichtinstallationen. Unter ihnen das allererste Werk Flavins, eine weiße Leuchtstoffröhre, ebenfalls von 1963, die sich in einer dynamischen Diagonale an die Wand schmiegt. Das Werk hat er Constantin Brâncusi gewidmet, dem er die Einsicht verdankt, dass in Alltagsgegenständen – nichts anderes ist die Leuchtstoffröhre schließlich – Kunstpotenzial zu entdecken ist.

In der Beletage des Philip-Johnson-Baus kommen diese prominent platzierten Werke wundervoll zur Geltung. Vor allem jene, für die Flavin farbige Leuchtstoffröhren verwendet – wie in einer mehrteiligen Arbeit aus dem Jahr 1987 zu Ehren seines Künstlerkollegen Donald Judd.

Die Ambivalenz der Kunst von Dan Flavin lässt sich in seinen Zeichnungen studieren und manchmal auch in denen anderer Künstler, die er gesammelt hat, darunter Landschaftsmaler der Hudson River School oder Klassiker der japanischen Pinselkunst. Der ökonomischen Eleganz eines Hokusai nähert er sich in der Werkserie seiner „Segel“ an, die er in seinen letzten Lebensjahren schafft. Da muss der an Diabetes erkrankte Flavin, der 1996 stirbt, die meiste Zeit im Rollstuhl verbringen. Die Segel, die er zeichnet, gleiten so leicht und mühelos über das Wasser, als seien sie mit ihm vermählt. Der Künstler hat das Fließende, ob in Licht oder Wasser, zeitlebens geliebt. Immer hat er versucht, am Fluss oder Meer zu wohnen. Die Zeichnungen sind Sehnsuchtsbilder, schön wie Haikus, in denen Dan Flavin als Segel über das Wasser fliegt.

Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 3. März 2013.



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