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Rock-Musical mit den Hamburger Kammerspielen im Hamelner Theater

Zu vergessen vergessen

veröffentlicht am 15.04.2018 um 17:36 Uhr

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Autor

Richard Peter Reporter
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HAMELN. „Fast normal“ – und die Betonung auf „fast“. Denn eigentlich ist hier nichts normal. Und wenn’s denn so wäre – nichts als eine einzige Katastrophe. Also Ausnahme – und Ausnahme auch, dass ein Thema, wie es letztlich ernster, tragischer, trauriger nicht sein könnte, als Rock-Musical längst nicht so weh tut, wie es wehtun müsste. Es darf gelacht werden – vermutlich ein Grund für den Erfolg, der den Schöpfern nicht nur den Pulitzer-Preis (Brian Yorkey) einbrachte, Tom Kitt erhielt für die Musik einen der begehrten Emmy Awards. Das war 2010.

Eine scheinbar normale Familie – Vater, Mutter, pubertierende Tochter – wäre da nicht noch ein Sohn, der zwar mit acht Monaten an Darmverschlingung und falschen Diagnosen starb, aber für Diana real am Leben blieb. Sozusagen: mitgewachsen ist. Mit dem sie spricht, ihn umarmt. Und diese Nähe, die sich auf den längst Toten fokussiert hat, findet ihren Gegensatz in ihrem Verhältnis zur Tochter, die für sie nicht existiert.

Ein Teufelskreis mit nichts als Opfern. Auch der Vater mit seinem verzweifelten „Er ist fort...“ und „Warum lässt du ihn nicht los?“ Weil sie nicht loslassen kann – an einer sogenannten „bipolaren Störung“ leidet. Die Folge: Stimmungsschwankungen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

Nichts weniger als eine – von wegen: „fast normal“ – zutiefst verstörte Familie und am Freitagabend mit den Hamburger Kammerspielen im Hamelner Theater zu Gast. Diana manisch depressiv und wie versteinert in ihrer eigenen, so wenig fassbaren Welt, ein verzweifelter Vater, hilflos den Stimmungsschwankungen seiner Frau und den Ärzten ausgeliefert, der sich in Hoffnungsschübe rettet.

Dazu eine Tochter wie aus einem Zwischenreich. Inexistent, so real sie auch vorhanden ist und in Henry eine ebenso geduldige wie treue Seele findet. Das Kernproblem der Familie, die so gut wie keine Chancen hat, was sich im „Lied vom Vergessen“ widerspiegelt. Bei Georg Kreisler heißt es in einem Song: „Ich hab‘ dich zu vergessen vergessen“. Genau das ist es.

Caroline Fortenbacher als Diana und immer wieder in Schockstarre – aber dann Rock-Röhre, die das Theater gesanglich überschwemmt. Ähnlich Alice Hanimyan, auch sie mit großer, ausdrucksstarker Stimme, die so zerbrechlich zart sein kann und fast nahtlos auf Posaunen à la Jericho umstellt. Dennis Hupka als der unvergessen Sohn Gabe – dessen Tenor so viele Farben kennt und Jan Rogler als Henry, der es nicht leicht haben wird mit Natalie und schließlich noch Papa Dan (Robin Brosch), der so gekonnt gebrochene Halbtöne beherrscht. Ganz große Show mit Tim Grobe als Dr. Madden, der so bedrohlich leise sein kann und dennoch immer kurz vor einem Ausbruch steht.

Mathias Weibrich leitet die fünfköpfige Band vom Klavier aus, die hinter dem Rundhorizont unsichtbar agiert - aber unüberhörbar. Eine tolle Leistung. Ein Zwitterwesen dieses „Fast normal“, das bei aller Schwere so überraschend leicht daherkommt und von Harald Weiler ohne große Show-Effekte inszeniert wurde. Auch das eher unnormal und vom Publikum ebenso begeistert wie stehend gefeiert.

Tiefpunkt der Geschichte - Diana haut ab, Dan erbt den nicht vorhandenen Sohn, der so penetrant präsent ist, Dr. Madden pfuscht weiter und die Liebe hat mit Henry ein weiteres Opfer.

Und tapfer und zigmal wiederholt: „Es gibt ein Licht“ – vermutlich das einzig wirklich Düstere im aufgepfropften Jubel-Finale.



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