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Adolph Adams „Giselle“ mit dem St. Petersburger Festival Ballett

Zu Tode getanzt

HAMELN. Fast ein bisschen gegen sich selbst gerichtet, diese so große, phantastische Ballett-Schöpfung, die tanzend vor dem Tanz warnt. Stichwort: zu Tode getanzt – und genau das macht den Reiz dieser „Giselle“ aus, die am Donnerstagabend mit der Compagnie des St. Petersburger Festival Balletts zu Gast auf unserer Bühne war. Tanz als das eigentlich große Thema, so sehr Liebe die Handlung begleitet.

veröffentlicht am 20.01.2017 um 15:22 Uhr
aktualisiert am 27.01.2017 um 11:46 Uhr

Im Reich der Wilis tanzen die Männer bis zur Erschöpfung. Foto: pe
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Autor

Richard Peter Reporter
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Eine Binsenwahrheit, dass Mädchen dem Tanzen meist mehr abgewinnen können als Jungs – und in Aufführungen lokaler Ballettschulen müssen die Prinzen fast immer von Mädchen gestaltet werden. Mag sein, dass Heinrich Heine – sicher kein begeisterter Tänzer – aus seiner Pariser Matratzen-Gruft Tanz ironisierte und die Wilis als warnendes Beispiel in die Welt setzte. Adolphe Adams „Giselle“ wurde dennoch ein Welthit. Romantik pur und der Rhein mit seinen Wäldern und Weinbergen ein geradezu ideales Szenario. Eine Liebesgeschichte – Fürst Albrecht, verlobt mit Herzogin Barthilde, hat sich dennoch in Giselle verliebt. Eine Messaliance. Aber dann muss das so tanzverliebte Mädchen mit dem schwachen Herzen erfahren, dass Fürst Albrecht ein doppeltes Spiel spielte. Giselle bricht tot zusammen.

Der zweite Akt spielt im Reich der Wilis – Mädchen, die vor ihrer Hochzeit durch exzessives, in Rausch gesteigertes Tanzen, ihr Leben vorzeitig verloren haben und jetzt unter ihrer Königin Myrtha Männern zum Verhängnis werden. Sie zum erschöpfenden Tanz verführen, bis sie ebenfalls tot zusammenbrechen. Dem so hoffnungslos verliebten Wildhüter Hilarion ereilt das Schicksal wie auch Fürst Albrecht, der Giselle – zu spät – ewige Treue geschworen hatte und nun ihr Grab besucht.

Dieser Akt – ähnlich den beiden „weißen Akten“ aus „Schwanensee“ – ist ein einziger großer Tanz, in dem klassisches Ballett zelebriert wird. Es beginnt mit Myrtha (Alexandra Trofimova), dieser eiskalten Schönheit, die nicht nur Macht über ihre Wilis hat, die mit über der Brust gekreuzten Armen auftreten. Unerlöste Wesen, die zwanghaft bis in alle Ewigkeit tanzen müssen. Einer der vielen Höhepunkte, die von zwei Gruppen gegeneinander getanzten Arabesken mit der typischen Handhaltung – das ist Tanzkunst in höchster Vollendung. Da spielt es auch kleine Rolle, wenn in den Ensembles nicht immer perfekter Gleichklang herrscht, der eine oder andere Port de bras zu früh oder verzögert geführt wird. Ein Knochenjob und bewundernswert, wenn man bedenkt, wie viel Zeit dieses Corps de Ballet auf ihrer Tournee im Bus verbringt, statt im Ballettsaal an den Stangen. Etwas mehr geschwächelt, Andrey Fedorkov, der bei seinen Pas de deux mit Svetlana Zezyulina und den Soli fast jede Landung verwackelt. War halt nicht sein Tag.

Ganz groß und ein Erlebnis, das sich tief einprägt: Svetlana Filatova als Giselle, die sie im ersten Akt mit beschwingter Leichtigkeit tanzt und als Wili schwebend, ganz in der Musik aufgelöst – dabei von einer tänzerischen Perfektion, die dennoch nie die reine Technik meint. Beseelte Darstellung. Variationen, die den Reiz des klassischen Balletts mit seinem großen Repertoire an Schritten, Sprüngen und Hebungen ausmacht.

Ebenbürtig Alexander Abaturav – ein kraftvoller Tänzer mit einer Vielzahl so ganz unterschiedlicher Sprünge – auch er hoch musikalisch. Im großen Pas de deux demonstriert dieses Paar Tanzkunst in Vollendung.

Natürlich tanzt das St. Petersburger Festival Ballet die Fassung, die ihr großer Choreograf Marius Petipa, wenn auch auf der Coralli-Fassung basierend, für St. Petersburg geschaffen hat. Der Schluss kennt viele Varianten – das Paar überlebt, ist nur eine davon – bei Petipa kehrt Giselle ins Grab zurück, an dem Albrecht tot zusammenbricht.



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