weather-image
33°
Theater, wie Theater sein muss: Walter Kempowskis „Tadellöser & Wolff“ als hinreißend inszenierte Wirklichkeit

Zu Gast bei einer schrecklich netten Familie

Hameln. 1939. Der Pullunder sitzt. Die Hemdsärmel sind tatenhungrig hochgekrempelt. Zügig geht Karsten Kramer auf der Bühne des Theaters auf und ab. In der Inszenierung von Walter Kempowskis autobiografischem Roman „Tadellöser & Wolff“ am Donnerstagabend spielt er die Hauptrolle einfach blendend.

veröffentlicht am 12.11.2010 um 13:33 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 10:41 Uhr

Mutter, Vater, Kind: Hannelore Droege verkörpert die starke Pers

Autor:

Julia Marre
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Kramer ist Kempowski. Dessen nachträglich kommentierte und selbstironisch geschilderte Lebensgeschichte zeigt das Altonaer Theater. Und das macht es so gut, dass der Zuschauer bald gar nicht mehr bedenkt, ein Schauspiel vor sich zu haben. Er sitzt mittendrin im bürgerlichen Rostocker Wohnzimmer der Reederfamilie Kempowski. So unmittelbar und authentisch ist die inszenierte Wirklichkeit. Kein Wunder, mag man einwenden, bildet die Grundlage des Stückes doch eine Autobiografie. Gerade deshalb ist herausragend, wie unterhaltsam und zugleich ehrlich die Tragikomödie bleibt.

Das mag an der Zurückhaltung von Regisseur Axel Schneider liegen. Er, der auch die Bühnenfassung erarbeitet hat, inszeniert „Tadellöser & Wolff“ als Erzähltheater: Kramer, in der Rolle des sympathischen Ich-Erzählers, und die von ihm permanent erzählte Handlung sind geschickt miteinander verwoben. Da ist es herrlich amüsant, wenn Mutter Margarethe (hervorragend gespielt von Hannelore Droege) für den kleinen Walter am Bett einschläfernde Gute-Nacht-Lieder singt, während er all das humorvoll fürs Publikum kommentiert. Da ist es tragisch, den Irrsinn der Hitlerjugend mitzuerleben, den Walter dem für ihn beinahe noch grässlicheren Klavierunterricht vorzieht.

„Tadellöser & Wolff“ ist zwar bis auf die Schlussszene relativ spannungsarm angelegt. Doch weil die deutsche Geschichtsstunde eben kein Popcorn-Actionkino ist, erwartet das auch niemand. Selbst wenn das Schauspiel zuweilen an einen Spielfilm erinnert. Regisseur Schneider geht es wie Kempowski, dem großen Chronisten des deutschen Bürgertums, um eines: die Rostocker Stadt- und die deutsche Zeitgeschichte zu transportieren. Das gelingt vorzüglich.

Der knapp dreistündige Theaterabend erzählt aus sechs Jahren Lebenszeit Kempowskis – zu keiner Zeit langatmig oder gar schleppend. Anhand der in der oftmals schwierigen Zeit zusammenhaltenden Familie wird der Zweite Weltkrieg nacherzählt. Auf der Bühne wird zweimal Weihnachten gefeiert, eine Hochzeit zelebriert und ein Großvater (Georg Münzel brilliert in diversen Rollen) begraben. Die Kempowskischen Redensarten sind als verbindendes Element geblieben. Mit zurückhaltenden Kostümen und im realistischen Bühnenbild (Ulrike Engelbrecht) ist die Reise in eine Zeit zwischen Harzurlaub und Luftschutzbunker-Nächten mehr als geglückt. Das Publikum im gut besuchten Theater dankt es mit lang anhaltendem Applaus.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare