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„Aussicht – Zuhause im Weserbergland“

Zorniger alter Mann: Heimatliche Lamentos von Eg Witt

HAMELN/RINTELN. Ein Multitalent allemal – Bildhauer, Zeichner, Autor, Poet – und jetzt: Eg Witt als zorniger alter Mann. Zu erleben in seinem neuen Bildband „Aussicht“ mit der Unterzeile „Zuhause im Weserbergland“.

veröffentlicht am 17.07.2018 um 17:46 Uhr
aktualisiert am 17.07.2018 um 20:00 Uhr

„Flugschau Schwarm 2“ heißt das Werk aus collagierten Bierfilz-Adlern. foto: pr
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Autor

Richard Peter Reporter
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Das Schöne am Alter: Man darf plötzlich ungestraft sagen, was man will. Vermutlich schon immer sagen wollte – aber Rücksicht nahm. Worauf auch immer. Senioren, das mildere Wort für uns Alte, dürfen ausspucken und schreiben, was ihnen den Hals so anschwellen lässt. Und für den Rintelner Künstler, der weit über seine Heimatstadt hinaus bekannt wurde, ist sein Wesertal längst zum „Kriegsschauplatz“ geworden. Shakespeares „Die Höll ist leer und alle Teufel hier“ könnte als Motto über den drei zentralen Lamentos stehen – weniger Jammerschrei als zorniges Gebrüll –, in dem es Eg Witt in seinem neuen, so liebevoll gestalteten Bildband „Aussicht“ mit der Unterzeile „Zuhause im Weserbergland“ geht. Eine Liebeserklärung.

Dafür erfindet er sich einen Alfred Kaltenbach mit eigener Biografie, der sich zu einer Wanderung aufmacht – sozusagen zu einer „Wundenschau“ in seinem hilflosen Zorn, der sich verbal Luft schafft. Selbst Luther, den er immer nur als „feisten und mürrisch dreinblickenden Kerl im schwarzen Kittel“ empfunden hatte, kriegt angesichts seines auch schon wieder vergangenen Jubiläums sein Fett weg. Um neun Uhr zog er los, der Alias- und Alibi-Mann, für den das „Maß“, was dieses Tal anging, „übervoll“ war. Und die Kaliindustrie ganz unisono als „wahrscheinlich der größte Saubeutel unter den Saubeuteln“ bezeichnet. Und den Bauern „einen kräftigen Schluck von dem Hexensüppchen“ gegönnt, die ihre „schwarze Brühe zu flachen Seen auf die Felder strullen“.

Kaltenbach, der selbsternannte „Lamento-Krächzer“, will die Weser als „bis an die Nordsee reichendes Pissoir“ nicht akzeptieren. Gegen den Sturm angeschrieen, was er von seiner Heimatstadt, der „ehemaligen Kreisstadt“ und ihren Bewohnern hielt: „Verdaaamige Saubande! Ignorantes Pack! Scheieiiiss Kleiiinstadt immer!“

Auch so kann eine Widmung von Eg Witt aussehen – mit sanften Hügelketten und Flusslauf versehen. Foto: pr
  • Auch so kann eine Widmung von Eg Witt aussehen – mit sanften Hügelketten und Flusslauf versehen. Foto: pr

Der Mensch könne, so Kaltenbach, angesichts der „großflächigen Fleischwunden, die Kiesbagger in den Talboden schlugen, nur zerstören, rauben und ausbeuten“. Und die Kieslöcher als „Bombenkrater des Spätkapitalismus“ gesehen. „Während er sich „den Arsch abfror“, landet Kaltenbach, der stellvertretende Autor, im Wald, der sich mit einer Durchschnittshöhe von dreihundertdreißig Metern als „Wesergebirgslandschaft“ hinzieht. Wald, der ihn in seinen Verwüstungen an einen „Truppenübungsplatz“ erinnert. Dass, wie er feststellt, in „der ganzen Kette von Porta bis zum Süntel“ Krieg herrsche. Innen waren die Berge, wie er schreibt, „schon weitgehend hohl“.

Eine Wutrede gegen die Gabionen, in denen die Berge verschwinden – wörtlich: „Das Wesergebirge mundgerecht aufbereitet hinter Gittern.“ Und den Anwohnern, die das klaglos hinnehmen, ins Stammbuch geschrieben: „Viel idiotischer als hier könnten sich Bürgerstumpfsinn und Kapitalismus nicht gebärden.“ Und erst jetzt öffentlich gemacht, dass die modischen Gabionen eine kürzere Lebensdauer haben als zunächst angenommen und bereits jetzt in die Werkstatt müssen. Die Hügelkuppen vom Autor als „Kulissenwände für das Real-Drama einer Endzeitgesellschaft“ benannt, wie es in einem zusätzlichen Artikel heißt.

Geprägt wird der üppig mit Arbeiten von Eg Witt bebilderte Band mit Übermalungen, kraftvolle Bilder, aber auch vielen kleinen Skizzen der sanften Hügelketten, steinernen Fundstücken und Fotografien vom „Sonntagsfels“, als die Familie sich im Feiertagsstaat unter den Felsen der Langen Wand oberhalb von Rintelns Todenmann in den 30er Jahren fotografieren ließ. Dazu beeindruckende Werkgruppen, wie die „Vital Stocks“ – Witts Gegenentwurf zur Walking-Mode. Statt glattem Karbon Stöcke aus dem Wald und zu „autonomen Skulpturen“ gestaltet.

„Flugschau“ mit Bierfilz-Adlern, solistisch und immer wieder neu und anders als „Schwarm“ und jeder der collagierten Filz-Adler als „Hoheitszeichen deutscher Gemütlichkeit“, wie es in der Presse hieß, womit vor allem die Bierdeckel gemeint sind. Skulpturen, darunter auch der berühmt gewordene „Armformer“, wie er auch auf unserem Pferdemarkt steht, oder „Lückenbüßer“, zwei geplante Fragmente aus 10 Zentimeter dickem Flachstahl – Gesicht und Hinterkopf – zwischen sechs und acht Meter hoch und dazwischen ein echtes Tannengehölz, das hier hineinwachsen soll.

Ein kleiner Essay dem Rintelner Franz von Dingelstedt, zuletzt Intendant am Wiener Burgtheater und berühmt für sein „Weserlied“ mit der Zeile „Hier hab ich so manches liebe Mal“ gewidmet … Eigene Gedichte in diesem Panoptikum einer Werkschau – und in „Stromstellen“, einem Gedicht-Zyklus, ebenfalls ein Lamento mit „Am schlimmsten jedoch ist der Gedanke / dieser Fluss könnte nie wieder / von jungen Dichtern neu besungen werden“.
„Aussicht – Zuhause im Weserbergland“: © 2018 by Eg Witt, Edition Büsselberg, Rinteln, Mecklenburger Weg 1. ISBN 978-3-00-057743-7.



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