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Die Pulver-Kultgeschichte „Das Wirtshaus im Spessart“ im Theater

„Zackzack“ statt „Schissimatucki“

Hameln. Nichts weniger als ein theatralisches Himmelfahrtskommando, der Griff nach kultverwöhnten Sujets. Ob „kesse Lola“, Sissi oder jetzt die Franzi – die Figuren haben sich eingebrannt in Herz und Hirn. Fast schon Harakiri, hier in Konkurrenz treten zu wollen – und beim „Wirtshaus im Spessart“ ist es nicht nur die Erinnerung an eine Lilo Pulver und ihren überwältigenden 50er-Jahre-Charme und ein Lachen, das die Nachkriegsjahre endgültig vergessen ließ.

veröffentlicht am 28.11.2010 um 16:09 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 08:41 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Die Detmolder mit ihrem Landestheater traten am Freitag im Theater Hameln mit der musikalischen Räuberpistole erst gar nicht in Konkurrenz – verlassen sich im Märchen-Revier Weserbergland auf Märchen. Die Bühne so ein bisschen Saisoneröffnungsfahrt auf der Weser mit allem, was die Gebrüder Grimm, aber auch ein Wilhelm Hauff, von dem die literarische Vorlage stammt, so alles an Märchenhaftem versammelt haben. Und selbst ein Pinocchio durfte nicht fehlen.

Da geht es kunterbunt drunter und drüber – und manchmal auch nur drunter – aber was soll’s: Das Chaos gehört dazu, wie das Kissen zu Frau Holle. Und wenn man manchmal das Gefühl nicht loswird, hier wäre „Das Weserbergland spielt“ am Mimen – es wäre hohe Kunst, wenn das die Detmolder Profis so hinkriegten. So als Parodie der Parodie und den göttlichen Idiotismus der Operette noch potenziert. Und das macht immer wieder Spaß im hübschen, als Bilderbuch aufklappbaren Bühnenbild von Hans-Günther Säbel und in der Regie von Christian Jérome Timme.

Da werden Klischees bedient. Muss das Liebespaar, wenn auch nicht ganz sicher, Rollschuh laufend ein Duett singen. Träumen die Klein-Ganoven Knoll und Funzel (Michael Klein und Markus Gruber) vom bürgerlichen Leben und gassenhauern von „einem Häuschen mit Garten“. Ein liebenswertes Stück mit einem Grafen als Räuberhauptmann und einer Comtesse, die nicht nur die Hosen anhat. Evelyn Krahe, so viel Mezzo muss sein, ist eine ebenso charmante wie resolute Franziska, die vergessen macht, dass sie eigentlich die Pulver ist. Marco Struffolino – wahrscheinlich muss man so heißen als Baron von Sperling – ist herrlich verdeppert. Und der Hauptmann von Bryan Boyce so hauptmännlich wie gräflich. Brigitte Bauma, fast schon Detmold-Legende, ist als Wirtin und Obrist von Teckel einfach eine Wucht – auch ohne „Schissimatucki“ und nur „Zackzack“. Klein, was die Besetzung anbelangt und fein (sowieso) mit Moritaten, Balladen, Marschigem und schwungvoll gewalzt, das symphonische Orchester unter Felix Lemke.

Eine Aufführung aus dem Klamottenfundus – nicht despektierlich gemeint – die nur manchmal durchhängt, weil zu viel Gaudi einfach keine Gaudi ist. Immerhin, fast ausverkauftes Haus, dessen Publikum sich – auch wenn der Applaus – legitim! – gestreckt wurde – prachtvoll amüsierte.

Der Hauptmann (Bryan Boyce, links) mit der entführten Franziska (Evelyn Krahe), Pfarrer Haug (Johannes Harten), Graf von Sandau (Michael Nack) und der Zofe (Larissa Neudert).

Foto: Hörnschemeyer

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