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Familie Flöz begeistert diesmal mit Dr. Nest und seinen rätselhaften Patienten in der Villa Blanca

Wolkenkuckucksnest

HAMELN. Sie wuseln durchs Parkett, knipsen Eintrittskarten mit Lochern und balanzieren auf der Balkonbrüstung – alles Lieblinge auch die des Hamelner Publikums. Und das seit Jahren. Familie Flöz – diesmal mit „Dr. Nest“, der in der Villa Blanca, einer psychiatrischen Anstalt, seine neue Stelle antritt.

veröffentlicht am 26.04.2019 um 17:01 Uhr

Familie Flöz mitten im tänzerischen Gewirr, das die Grenzen zwischen Arzt und Patienten verwischt. Foto: Valeria Tomasolu/PR
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Autor

Richard Peter Reporter

Wie eine Fieberfantasie und brillanter Einstieg: Tänzerisches Gewirr, in dem sich die Grenzen zwischen Arzt und Patienten verwischen. Weißkittel-Ballett mit gekonnten Verschlingungen beim virtuosen Manteltausch.

Wie immer bei und mit der Familie Flöz: hinreißende Masken und eine Körperlichkeit, die Sprache überflüssig macht – ohne die Rituale der Pantomime zu bemühen. Liebenswerte Figuren – schrullige, ins Extreme gesteigerte Typen, die dennoch real sind. Eigenen Gesetzen folgen. Figuren aus dem psychiatrischen Nähkästchen, liebenwerte Narren und die Welt als „Wolkenkuckucksnest“. Unendlich rührend, die gekuschelten Umarmungen, die Diva mit Baby, das sie sich aus Tüchern knuddelt, ein beeindruckender Professor-Typ, im Job gealterte Ärzte und eine Krankenschwester, fern jegliche Karikatur.

So oft sie sich auch verwandeln, immer neu aus den so vielen Anstaltstüren, wie aus dem Nichts auftauchen – sie bleiben unvergessen, quellen immer wieder auch vertraut aus den unerschöpflichen Öffnungen. Ob mit Bongos oder zitternd, dass das Geschirr auf dem Tablett klappert oder als Tafelhalter, der auf neue Situationen als Mensch ohne Knochen reagiert – alles Verwirrte, die sich eingerichtet haben mit ihren Macken. Mit Ersatzhandlungen ihr abstruses Leben im Griff behalten. Alles kleine Virtuosen in Lebensbewältigung. Und gekonnt mit Musik gespielt, vielen Zitaten und im grande Finale Mahlers Adagio – und ganz zuletzt schon im Applaussturm ein einzigartiges Glockenspiel. Bravo-Rufe, stehende Ovationen. Was das Spiel so liebenswert macht: Eine Geschichte, die aus normal und nicht-normal das Bizarre ins Alltägliche transponiert. Vor allem aber: nie diffamiert. Jede noch so skurrile Schrulle liebenswert auffängt. Dr. Nest gehört zu denen, die zuhören, der auf seine Patienten eingeht, sich mit ihnen identifiziert – von ihnen vereinnahmt wird. Der die Welt immer wieder auch mit ihren Augen sieht. Das Irreale als real empfindet.

Eine bezaubernde, berührende Parabel mit den Mitteln von Bühne, Maske, Musik und unendlicher Fantasie erzählt. Hajo Schüler hat nicht nur die Masken geschaffen, zu denen Mascha Schubert die Kostüme erfindet er ist auch für die bizarre Welt verantwortlich, die er so einfühlsam tragisch und unendlich komisch inszeniert hat, mit einem Rhythmusgefühl, wie man es nur selten erleben darf. Auf der Bühne in immer wechselnden Masken und Rollen: Fabian Baumgarten, Anna Kistel, Björn Leese, Benjamin Reber und Mats Süthoff. Fünf Meister, die ihr Metier nicht nur beherrschen – es leben. Artisten – wandelbare Clowns voll tiefer Menschlichkeit. Boshaft auch – weil auch das dazu gehört, wie ihre Hilflosigkeit, ihr Stolz und die Sehnsucht, beachtet zu werden.

Ein eigenwilliger, so ganz eigener Kosmos, dieses Maskentheater, das einen immer wieder gefangen nimmt. Verzaubert. Auch durch Zeit, die wir so oft verloren haben und hier überraschend geschenkt bekommen.



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