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Die Berliner Gropiusstadt wird 50

Wohnrevolution mit Schaschlik – ohne Restaurants

Berlin. In China schießen Trabantenstädte aus dem Boden, in Deutschland längst nicht mehr. Die Berliner Gropiusstadt ist ein sozialer Brennpunkt. Aber für viele auch Heimat. Jetzt wird der 50. Geburtstag dieser einstigen Modellstadt gefeiert.

veröffentlicht am 17.08.2012 um 13:18 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 00:21 Uhr

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Autor:

Jürgen Heilig
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„So sieht also der Westen aus“, dachten sich die Ost-Berliner, wenn sie jenseits der Mauer die Hochhäuser der Gropiusstadt erblickten. Das größte zählt 31 Stockwerke – und 228 Wohnungen. Mit 91 Metern ist kaum ein anderes Wohngebäude in Deutschland höher. Vor 50 Jahren legten Bauhausarchitekt Walter Gropius und der damalige Regierende Bürgermeister, Willy Brandt (SPD), im südöstlichsten Winkel West-Berlins den Grundstein für die Trabantenstadt, gedacht für 50 000 Menschen. Bald galt sie als „Ikone der Moderne“ und war beispielgebend für viele ähnliche Mega-Projekte, die Wohnen revolutionieren sollten.

Fast zeitgleich schoss in Frankfurt am Main die ursprünglich auf 100 000 Bewohner angelegte Nordweststadt in die Höhe. In West-Berlin entstanden zwei weitere Reißbrett-Siedlungen: das Märkische Viertel und das Falkenhagener Feld. Es folgten Neuperlach in München oder Mümmelmannsberg in Hamburg. Heute leben drei Prozent der Westdeutschen in Trabantenstädten, im Osten ist es jeder Fünfte.

„Es wurde immer gigantischer“, resümiert Sabine Kraft, Chefredakteurin der Städtebau-Zeitschrift „arch+“. „Und die Architekten vergaßen die soziale Infrastruktur.“ Etwa so elementare Bestandteile wie Kindergärten, Schulen oder Geschäfte. Schon 1965 prägte der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich das Wort von der „Unwirtlichkeit der Städte“.

Renate Ahnert zog da gerade in eines der neuen Häuser: „Wir waren die ersten mitten in der Wüste“. Zum Einkaufen musste sie den Kinderwagen eine halbe Stunde schieben. Die U-Bahn wurde erst ein Jahrzehnt später fertig. „Ich habe am Anfang nur geheult.“ Allerdings musste Ehemann Wolfgang nicht mehr jeden Samstag vier Zentner Kohle schleppen. Viele Gropiusstädter freuten sich, ihre als unsanierbar geltenden Stadtviertel verlassen und erstmals Bad und warmes Wasser in der Wohnung haben zu können.

Richtig wohnlich wurde es Anfang der 70er Jahre, erzählen die Ahnerts. Aus dem zweistöckigen Mietshaus mit dem Garten vor ihrer Parterrewohnung sind sie bis heute nicht ausgezogen. Im Gegensatz zu anderen Trabantensiedlungen finden sich in der Gropiusstadt keineswegs nur Hochhäuser – und überraschend viel Grün. Wenn es nach Bauhaus-Architekt Gropius gegangen wäre, hätte es dort sogar noch viel mehr Grün gegeben – und pro Haus höchstens fünf Stockwerke. Doch nach dem Mauerbau hatte West-Berlin kaum Neubauflächen. Die Wohnungsnot war aber ebenso groß wie anderswo.

Das Ergebnis nennt Architekturkritikerin Kraft „Schaschlik hoch drei“ – ein eher gesichtsloses Ensemble, wie es sich in vielen Trabantenstädten findet. Die Probleme waren vorprogrammiert: Kaum war die Gropiusstadt 1975 fertiggestellt, wurde sie bekannt als Heimat von Christiane F., die sich am Bahnhof Zoo durchs Leben schlug.

Heute macht der soziale Brennpunkt kaum Schlagzeilen mehr mit Junkies – dafür mit Kinderarmut. Zwei Drittel der unter 15-Jährigen sind hiervon betroffen. Auch die Zahl der „Aufstocker“, die zusätzlich zu ihrem Lohn Hartz IV beziehen, liegt mit 33 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Berliner Durchschnitt. Die Arbeitslosigkeit hingegen ist nur unwesentlich höher. Ebenso die Kriminalitätsrate, auch wenn das die vielen älteren Bewohner anders empfinden. Das ist Wasser auf die Mühlen der rechtsextremen NPD. In einigen Wahllokalen erreicht sie bis zu 14 Prozent der Stimmen. Jeder vierte Gropiusstädter ist Ausländer, jeder zweite hat einen Migrationshintergrund. Trotz Multikulti sind aber Fluktuation und Leerstand gering.

Wer es sich leisten kann, fährt abends nach Kreuzberg. Den anderen bleibt der Blick über Berlin. „Ab dem 20. Stock“ würde hier auch wohnen, sagt Quartiersmanagerin Thöne. Wegen des Panoramas.



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