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Wo Hosen dick sind und Pizza fliegen kann

Von Julia Marre

Hannover. Huch, ist da eben eine silbern lackierte Telefonzelle über die Bühne gerollt? Wer fliegt denn da oben im Vogelkostüm? Und woher galoppieren jetzt die als Pferde verkleideten Musiker? Aber falsch: Es handelt sich entgegen offensichtlicher Parallelen weder um die 7926. Folge von „Wetten dass…?!“ noch um eine krampfhaft lustige Performance in der Harald-Schmidt-Show. Richtig: Es geht um ein Konzert der Elektro-Hip-Hop-Band Deichkind. Genauer gesagt: um das vorerst letzte Konzert der vorerst letzten Tour. Denn nachdem Anfang des Jahres plötzlich der Produzent der erfolgreichen Gruppe starb, gönnen sich die Musiker auf dem Zenit ihrer Karriere mal eine Auszeit, die vielleicht für immer andauert – auch wenn man munkelt, dass die Hamburger eine Diskurs-Operette planen und an einem neuen Album tüfteln wollen.

veröffentlicht am 16.12.2009 um 17:35 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 12:41 Uhr

Deichkind
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Am Dienstagabend jedoch zeigen Deichkind in der AWD-Hall noch einmal zwei Stunden lang, was unter den aus Müllsäcken gebastelten Kostümen in ihnen steckt: jede Menge Action, Humor und Selbstironie. Da grollen die Bässe durch den von rund 2500 Zuschauern betanzten Saal. Ferris und Konsorten stehen mit LED-beleuchteten Pyramidenhütchen auf der Bühne und sagen dem Establishment im Sprechgesang den Kampf an: „Wir ziehen in den Krieg – unsere Waffe ist Musik“. Und die klingt gelegentlich wie eine Komposition aus einem längst vergessenen Gameboy-Spiel, dann wieder wie satter Clubsound mit Anleihen aus deutschsprachigem 90er-Jahre-Hip-Hop in extrem dicker Hose.
 Das Publikum, das zwischen „Bon Voyage“ und „Limit“, vor „Urlaub vom Urlaub“ und nach „Arbeit nervt“ vor lauter Tanzwut kaum klatscht und sich mehr oder weniger modisch mit Accessoires aus Alufolien, farbigen Perücken und Klebeband kostümiert hat, mag man zur (zu) viel zitierten Spaßgesellschaft zählen. Muss man der Gruppe mit dem großartig eigenwilligen Musikstil und dem noch größeren Hang zu grotesken Bühnenshows deshalb vorwerfen, dass sie zünftige Trinklieder ohne Sinn und Verstand schreiben? Wohl nur auf den ersten Blick. Denn Deichkinds extravagantes Drumherum und das Auf-die-Schippe-nehmen jener Generation Komasaufen ist lediglich die Weiterentwicklung des deutschen Hip-Hops. Zugegeben: In einer Ecke, in der musikalisch sonst wenig los ist, liegt der ganz eigene Deichkind-Spielplatz. Aber der ist mit dem selbst ernannten „Remmidemmi-Kunsttheater“ einer, der verlässlich unvergessliche Konzert-Abenteuer liefert – und sei es mit dem Verteilen frischer Pizza an die Fans.



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