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„Feierabend“: deutsche Erstaufführung zwischen Fugenkitt und Fußball

Willkommen in der Wirklichkeit

Hannover. Warum eigentlich ehrlich sein? Warum eigentlich nicht? Dass Offenheit Menschen zusammenführt, aber auch eine große Hürde bedeuten kann – davon handelt Owen McCaffertys Stück „Feierabend“, das nun auf der Cumberlandschen Bühne am Schauspielhaus in einer Inszenierung von Marco ¦torman seine deutsche Erstaufführung feierte. Das Schauspiel, das eine Arbeiterkomödie sein soll, bringt vier tragische Helden hervor: auf einer Baustelle beschäftigte Fliesenleger. Sie alle streben nach bescheidenen Zielen, und ein gemeinsames Anliegen macht sie zu Komplizen: der Wunsch nämlich nach einer besseren Welt.

veröffentlicht am 09.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 15:41 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Von einem Startkapital für die Zweitkarriere als Fensterputzer träumt der fast pensionierte Ding-Ding (Wolf Bachofner), der ungekrönte König der Baulöwen. Von einem schwarzen Motorrad zum Ausbrechen aus der Niedriglohnhölle schwärmt der junge Randolph (Camill Jammal). Seiner talentierten Tochter einen Auslandsaufenthalt ermöglichen zu können, wünscht sich Petesy. Und für mehr Aufrichtigkeit im Alltag ist der Dauerphilosophierer Socrates bereit, moralische Grenzen vorübergehend zu vergessen. Unabhängig voneinander beschließen die vier, die Palette Fliesen zu stibitzen, die auf der Baustelle offensichtlich verwahrlost.

„Feierabend“ ist keine zum Schreien komische Komödie, sondern eine subtil lustige – vor allem ab der herbeigesehnten Mittagspause, in der die gegeneinander arbeitenden Kollegen mit ihren geheimen Plänen das kriminelle Vorhaben der jeweils anderen durchkreuzen. Bis dahin braucht das Schauspiel eine Weile, ehe es an Fahrt aufnimmt. Doch das ist okay.

Das Bühnenbild von Philipp Nicolai ist ein auf drei Ebenen angelegtes Baustellengerüst, das mit seinen Leitern und versteckten Zimmern dem Spiel zu Puppenhaus-Charme verhilft. Auch wenn die Kostümierung der Figuren (Ursula Bergmann) nicht immer schlüssig ist (wieso erinnert Sebastian Gerasch als Socrates an einen adligen Architekturstudenten? Weshalb arbeitet Randolph halbtags in Freizeitkleidung?): Philippe Goos sieht mit seiner Vokuhila-Frisur, im lilafarbenen Muskelshirt und mit Werkzeuggürtel à la „Hör mal, wer da hämmert“ aus wie eine Mensch gewordene Heimwerker-Sitcom – allein das ist ein großer humoristischer Volltreffer. Fernab von Comedy-Albernheiten und Bauarbeiter-Klischees besticht die Aufführung dadurch, dass sie die Lebenswelt zwischen Finanzproblemen und Fußballgesängen einfühlsam einfängt. Und das garantiert einen rundum guten Theaterabend.

Die weiteren Termine: am 12., 22. und 26. November sowie am 3. und 15. Dezember jeweils um 20 Uhr auf der Cumberlandschen Bühne am Schauspielhaus.

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