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Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ im Theater für Niedersachsen

Willkommen im hektischen Heute

Hannover. Familie Loman hüpft. Der Vater, die Mutter und die zwei Söhne stehen auf Plüschmöbeln und schauen mit leuchtenden Augen ins Publikum. Das heißt, eigentlich in die glückliche Zukunft, in der sie „der ganzen westlichen Welt“ beweisen werden, wie erfolgreich sie sein können. Sie lächeln und träumen von Geschäftsabschlüssen, von mehr Geld und mehr Selbstachtung.

veröffentlicht am 07.04.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 07:41 Uhr

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Autor:

André Mumot
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Diese Problemfamilie gehört zum Theater des 20. Jahrhunderts wie wohl keine andere, weil der Autor, der sie 1949 erfunden hat, sehr genau wusste, dass der häusliche Frieden vor allem von einem abhängt: vom Geld. „Tod eines Handlungsreisenden“, das ist der tragikomische Abgesang auf die kapitalistische Ethik, geschrieben, als der Amerikanische Traum noch intakt zu sein schien. Die Welt hat sich verändert.

Petra Wüllenweber setzt auf Tempo

Im Theater für Niedersachsen ist in der vergangenen Spielzeit schon einmal Arthur Miller gespielt worden. „Alle meine Söhne“ war ein Musterbeispiel für steife Bühnenbetulichkeit. Diesmal sieht es ganz anders aus: Regisseurin Petra Wüllenweber setzt auf Tempo. Hier wird nicht melancholisch vor sich hingejammert, es wird hyperventiliert. Dazu lädt schon die neckisch konstruierte Bühne von Ulrike Melnik ein: Rollrasen auf dem Boden wird zur Zentralmetapher des verlogenen Bürgerglücks. Die Hauswände im Hintergrund verschränken sich zu widersinnigen Irrwegen – und sind auch noch mit psychedelischer Mustertapete bekleistert.

Kein Wunder, dass Willy Loman durchdreht. Dieter Wahlbuhl gibt den Handlungsreisenden nicht als traurigen Verlierer, sondern als schnaufenden Choleriker, der atemlos von Albträumen und Wahnvorstellungen gehetzt wird. Um ihn herum fangen die Leute plötzlich an, Popmusik zu singen, Sitcom-Lacher werden nach einigen seiner Sätze eingespielt, und sein reicher Bruder (Oliver Jaksch) erscheint als mahnender Geist mit Cowboyhut und Golfschläger. Wie ein bedrängtes Tier jagt Loman blindwütig dem Erfolg hinterher – sympathisch macht ihn das nicht.

Seine Familie aber berührt umso mehr. Annetraut Lutz-Weicken gibt die treue Gattin im rosa Bademantel mit verzweifeltem Optimismus, Patrick Heppt den jüngeren Sohn mit dem furchtbaren Namen Happy als nervöse Stimmungskanone. Die eindrucksvollsten Momente des spannungsvollen Abends aber liefert Florian Anderer, der als Sohn Biff den ewigen „Yes, we can“-Refrain der Familie durchbricht, der scheitern muss und scheitern will.

So kommen die hüpfenden Lomans unter Tränen, abgehetzt und erschöpft, in unserer Gegenwart an. Aus Erfolgsdruck ist Paranoia geworden, und aus einem allzu vertrauten Klassiker ein hektischer, beklemmend grotesker Albdruck. Bravos erschallen bei der hannoverschen Premiere. Miller hat noch immer recht. Offensichtlich sind wir auch nach 60 Jahren Theaterroutine alle ein bisschen Loman. Mehr, als uns lieb ist.

Die nächsten Vorstellungen am Theater für Niedersachsen in Hannover am 24., 26. und 30. April, in Hildesheim am 11, 17. April und 9. Mai. . Karten gibt es unter Tel. 05 11/ 28 28 28 28.

Brüder unter sich: Willy Loman (Dieter Wahlbuhl) und Howard Wagner (Oliver Jaksch)

Foto: Andreas Hartmann

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