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Anzeige wegen Gotteslästerung: In der documenta-Stadt Kassel gibt es Streit um eine Jesus-Karikatur

Wie viel Freiheit darf sich die Kunst nehmen?

Kassel. Der Aufruhr beginnt nach den Sommerferien. „Ich habe das vorher gar nicht mitbekommen, erst als ich Mitte August aus dem Urlaub zurückgekommen bin, da kamen auf einmal Anrufe, dass da so ein Plakat am Kulturbahnhof hängt“, sagt die evangelische Stadtdekanin Barbara Heinrich. Sie sitzt in ihrem geräumigen Büro am Lutherplatz in Kassel. Die Erholung vom Urlaub sieht man ihr noch an. Den Ärger der vergangenen Tage weniger.

veröffentlicht am 30.08.2012 um 17:27 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 22:21 Uhr

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Autor:

Karola Kallweit
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Ihr katholisches Pendant, Dechant Harald Fischer, wohne direkt um die Ecke und habe sie auch gleich angerufen. „Wir haben uns dann sofort bei der Caricatura gemeldet und darum gebeten, das Plakat zu ersetzen, also nicht gefordert“, sagt Heinrich.

Das Plakat, um das es geht, stammt vom Künstler Mario Lars und zeigt einen Cartoon: Ein gekreuzigter Jesus ist darauf zu sehen, über ihm eine Sprechblase „Ey Du, ich hab Deine Mutter gefickt“. Es hing bereits seit Ende Juli an der Außenwand der Galerie für komische Kunst in Kassel, den Ausstellungsräumen der Caricatura am Kulturbahnhof.

Der Künstler erklärt später, dass er den Gebrauch von Jugendsprache satirisch festhalten wollte. Dass er diese in den Mund eines Vaters legen, die Vater-Sohn Beziehung sozusagen vertauschen wollte. Und die bekannteste Vater-Sohn-Beziehung sei nun mal die zwischen Gott-Vater und Jesus. In der Ausstellung kann man die Karikatur noch sehen – da, wo das Plakat hing, ist nur noch stählerne Wand.

Eigentlich macht er ja nur die Arbeit der Kirche, meint Heinrich Wilhelm Braun. Für den ehemaligen Bestatter und frommen Christen war die Reaktion der Kirchen nicht rigoros genug. „Die Kirche hätte ja jetzt ewig lang diskutiert und das Plakat wäre hängen geblieben, da musste doch einer was machen, dass das wegkommt.“

Am Ende ging alles ganz schnell. Die Kirche wollte reden, die Caricatura wollte das Bild hängen lassen und Braun erstattete Anzeige wegen Gotteslästerung. „Das war der 22. August um Viertel nach elf am Morgen, da habe ich bei der Polizei angerufen.“ Am selben Abend noch wurde die Karikatur abgehängt, auf Initiative des Künstlers.

Mit der Reaktion der Kirchen hatte auch Martin Sonntag, Geschäftsführer und Leiter der Caricatura, nicht gerechnet. Seit 1989 wohne er hier und die Kasselaner seien eigentlich schon allein aufgrund der Documentas, der ganzen Kunstverrückten, die alle fünf Jahre die Stadt stürmen und ihr Bild verändern, einiges gewöhnt.

Sonntag hat sich gewundert, dass es ausgerechnet diese Karikatur war, die so viel Lärm verursacht hat. Religion sei schon immer Thema der Satire gewesen, vielleicht sei die Vehemenz, mit der sie auftrete, nur eine andere geworden, vor allem nach den Skandalen der vergangenen Jahre. „Brave Cartoons machen die anderen, wir sind für das Derbe verantwortlich.“

Dann zeigt Sonntag die Stelle. Ein kleiner Bereich links neben dem Eingang zur Ausstellung. „Zuletzt war es tatsächlich eine rein technische Frage, warum wir uns für diese Karikatur entschieden haben.“ Es gab noch eine Alternative, mit einem über das Wasser laufenden Jesus, nur da hätte die Querstrebe der Außenwand genau das Gesicht durchschnitten. Deshalb sei es die andere geworden. Mit der Reaktion des Bodenpersonals Gottes habe er nicht gerechnet.

Vergangene Woche hat Dekanin Heinrich eine Andacht für die Mitarbeiter im Haus gehalten. Die Heiligen werden immer weniger, die Gottesfurcht schwindet, stand in der Tageslosung. Verflochten habe sie das mit der Debatte um die Karikatur. „Das Kreuz, die Kreuzigung als Zentrum des Glaubens ist unantastbar“, sagt sie. Von dem kleinen „Kreuzzug“ des Kasseler Bestatters, von der Anzeige aufgrund des Paragrafen 166, weil das Aufhängen der Karikatur den Tatbestand der Blasphemie erfüllt, hat sie aus der Zeitung erfahren.

Die Diskussion wird in Kassel weitergehen. Kirchenvertreter und Caricatura-Macher werden sich treffen. Haltungen austauschen. Die Anzeige läuft. Als das Plakat nicht mehr hing, hätte Heinrich Wilhelm Braun sie gern zurückgezogen, wie er sagt. Er wollte ja nur das Bild weghaben.

Darf man auf Kosten von Jesus Witze machen? Darf man Gott eine anstößige Jugendsprache in den Mund legen? Eine Karikatur in Kassel hat erneut eine Debatte über Gotteslästerung und die Freiheit der Kunst ausgelöst.

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