weather-image
15°
Studie: Kulturvermittlung zahlt sich aus

Wie Urlauber von Sightseeing profitieren

Sommerurlaub bedeutet nicht nur Entspannung am Strand. Für viele Reisende ist dies auch die einzige Zeit im Jahr, in der sie in ein fremdes Urlaubsland eintauchen und Atmosphäre, Traditionen und Geschichte aufsaugen. Welche Rolle Reiseführer dabei spielen und warum nicht nur die kulturellen Höhepunkte eines Urlaubsziels eine Bereicherung sind, weiß Professor Dr. Birgit Mandel. Im Interview spricht die Hildesheimer Professorin für Kulturvermittlung und Kulturmanagement darüber.

veröffentlicht am 13.08.2012 um 15:36 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 00:41 Uhr

270_008_5737643_ku_101_1008_areIMG_1634.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Frau Professor Mandel, ist die Urlaubssaison eigentlich eine gute Zeit für Kultur und Kunst?

Auf jeden Fall werden wieder viele Menschen Städte besichtigen, sich mit Architektur beschäftigen, Open-Air-Konzerte besuchen, Museen stürmen. Darunter auch viele, die im Alltag keinen Zugang zu Kunst haben. Die Verbindung von Tourismus und Kultureller Bildung wird bislang unterschätzt.

Wo liegen denn die Chancen für Kulturelle und Interkulturelle Bildung auf Reisen?

Bei touristischen Reisen sind Menschen sehr offen für neue kulturelle und interkulturelle Erfahrungen. Reisen regen per se dazu an, ästhetische und kulturelle Unterschiede wahrzunehmen, und zwar mit positivem Interesse. Die meisten Touristen haben keine spezifischen kulturellen Interessen und Vorerfahrungen, sie haben sich nicht speziell vorbereitet, sie haben zunächst keine eigenen Fragen an die kulturellen Sehenswürdigkeiten, die ihnen unterwegs begegnen.

Ist es denn nicht auch so, dass Urlauber eher abschalten als sich weiterbilden möchten?

Die weit überwiegende Mehrzahl der Touristen gehört zu den sogenannten Gelegenheits-Kulturtouristen. Nur eine sehr kleine Gruppe gehört zu den spezifisch Kulturinteressierten, die ihren Urlaub auf Kunst und Kultur konzentrieren und die auch zu Hause zu den Kernkulturnutzern gehören. Für die Gelegenheits-Kulturtouristen ist der Urlaub häufig die einzige Zeit, in der sie mit Kunst und Kultur in Berührung kommen. Kultur soll jedoch nicht als Anstrengung und Lernprogramm wahrgenommen werden, sondern möglichst verbunden mit der Natur und Architektur und mit der Gastronomie eines Landes oder einer Region. Touristen interessieren sich durchaus für die Hintergründe einer kulturellen Attraktion, einer Schlossanlage, einer Ausstellung, eines Musikkonzertes, für kulturelle Rituale. Sie wollen mehr darüber erfahren – aber nicht im Sinne einer gezielten (Weiter-)Bildung, sondern eingebettet in ein schönes, sinnhaftes, nicht nur kognitives, sondern auch emotional erfahrenes Gesamterlebnis.

Fußt das kulturelle Sightseeing denn auf ehrlichem Kulturinteresse, oder will man nur einmal die Mona Lisa gesehen, die Akropolis, die Pyramiden, also die Highlights, besucht haben?

Das Sehenswürdige ist durch die massenmediale Verbreitung – unter anderem in Reiseführern – stark normiert, sodass man als Tourist natürlich auch die bekanntesten Highlights mit eigenen Augen sehen möchte. Man sieht nur, was man weiß, und was man nicht kennt, kann man sich nicht wünschen. Sightseeing gibt der Urlaubsreise, vor allem bei den stark zunehmenden Städtereisen, eine Struktur, muss aber noch nicht eigenes Interesse beinhalten. Sightseeing wird dann zur kulturellen Bildung, wenn mit den kulturellen Sehenswürdigkeiten eigene Fragen verknüpft werden. Damit bislang nicht kunstaffine Touristen dazu angeregt werden, reichen herkömmliche Reiseführer oft nicht aus. Das zeigen empirische Studien, die wir durchgeführt haben. Viel mehr braucht es personale Kulturvermittler.

Wer sind denn die Kulturvermittler auf Reisen?

Reiseleiter, Stadtführer, Museumsführer und Animateure spielen eine zentrale Rolle, damit kulturelle Bildungsprozesse im Tourismus angeregt werden können. Aktuell ist leider auch im Tourismus kulturelle Bildung vor allem ein Privileg der besser verdienenden und meist höher gebildeten Touristen. Hochpreisige Veranstalter leisten bereits hervorragende kulturelle und interkulturelle Vermittlungsarbeit. Hingegen gibt es bei den großen, preiswerten massentouristischen Veranstaltern derzeit weder qualifizierte Vermittler noch ein Bewusstsein für die Chance, die Urlaubszeit für neue kulturelle Anregungen nutzen zu können.

Was muss sich ändern, damit Kulturelle und Interkulturelle Bildung auf Reisen einen angemessenen Platz einnehmen?

Man muss die Reise-Veranstalter überzeugen, dass reflektierte professionelle Kulturvermittlung sich langfristig auszahlt. Sie regt die kulturellen Bildungsprozesse bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen an und ist natürlich kurzfristig kostenintensiver, weil man Profis bezahlen muss. Sie lohnt sich jedoch aus mehreren Gründen: weil man damit gesellschaftliche Verantwortung unter Beweis stellt und weil die Zufriedenheit der Gäste mit ihrem Urlaub sehr viel größer sein wird, wenn sie für sich neue kulturelle Erfahrungen machen konnten, die im Alltag nachwirken. Auf der anderen Seite müssen sich die klassischen Kultureinrichtungen für den Tourismus öffnen, indem sie mit Vermittlungs- und Serviceangeboten auch bislang nicht kunsterfahrene Menschen berücksichtigen.

Birgit Mandels Buch „Tourismus und Kulturelle Bildung“ (188 Seiten, 16,80 Euro) gibt weitere Beispiele. Es ist erschienen im Kopäd Verlag.

Keine gemauerte Kuppel auf der Welt ist größer: Filippo Brunelleschi schuf mit der Kuppel der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz ein Meisterwerk der frühen Renaissance – das ein beliebter Aussichtspunkt für Touristen ist. Foto: are



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt