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Das Junge Schauspiel Hannover zeigt mit „KomA“ ein Stück über Amoklauf in realen Klassenräumen

Wie ist es eigentlich, erschossen zu werden?

Von Ronald Meyer-Arlt

veröffentlicht am 13.04.2010 um 17:15 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 02:21 Uhr

Schüler spielen Schüler: Arthur Leis und Beheschta Asil-Sraj im
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Hannover. Eine Bühne kann vieles sein: Wald, Palast, Insel, Schlachtfeld oder Klassenzimmer. Natürlich weiß das Publikum, dass das kein echtes Klassenzimmer ist, was die Theaterleute aufgebaut haben. Aber man tut so, als sei es eines. Versuche, aus dem Wirklichkeitsabbildungsinstrument Theater ein Wirklichkeitseroberungsinstrument zu machen, gibt es schon lange. Gern auch verlassen die Theaterleute dafür ihre Musentempel und spielen in Einkaufszentren oder Schulen. Interessanterweise werden diese Orte aber stets ein bisschen weniger wirklich, wenn das Theater sie erobert. Das ist der Fluch, der auf Theaterleuten lastet und den sie nicht loswerden können: Alles, was sie anfassen, verwandelt sich in Spiel.

Jetzt hat das Junge Schauspiel Hannover, die Jugendabteilung des Staatsschauspiels, die Wirklichkeit ge- und besucht. In einer Schule spielt man „KomA“, ein Stück über Schulmassaker. Man spielt mit Laiendarstellern: Schüler stellen Schüler dar. Sie rufen „Peng“ und stürzen zu Boden. Dort bleiben sie wie tot liegen. Dann stehen sie auf und sagen, wie es war, erschossen zu werden. Ist das dem Thema angemessen? Diese Frage ist unfair, denn welche künstlerische Formulierung kann schon angemessen sein? Ein Amoklauf an einer Schule ist nicht darstellbar.

Aber Volker Schmidt und Georg Staudacher, die Autoren von „KomA“, und Regisseur Mirko Borscht wollen keine Rekonstruktion. Ihnen geht es um das, was zuvor geschah. „KomA“ beschreibt die mögliche Vorgeschichte eines Amoklaufs. Die Zuschauer lernen Schulalltag kennen. Man sieht aufsässige, durchgeknallte, streberhafte Schüler. Wackere und verzweifelte Lehrkräfte treten auf. Öfter mal rennt ein Junge durch die Szene, von dem man erfährt, dass er aus der Schule geworfen wurde. Das alles spielt sich im gesamten Gebäude der hannoverschen Tellkampfschule ab. Das Publikum wird in Gruppen aufgeteilt und wandert treppauf, treppab. Sogar die Toiletten und der Heizungskeller sind Spielorte. Einerseits ist es reizvoll, wie sich die Einzelszenen zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Andererseits ist es wie Zappen durchs Fernsehprogramm – wenn ein anderer die Fernbedienung hält.

Drei Stunden dauert die Schul(auf)führung. Das ist lang, zumal der Text eher improvisiert als gelernt erscheint. Schauspielerin Wiebke Frost, die eine Kunstlehrerin spielt, sagt, um Wartezeit zu überbrücken, fortwährend nur: „Ich fass’ es nicht!“ Ihr Kollege Dominik Maringer (die beiden sind die einzigen Profis im Projekt) stellt als Musiklehrer dem Publikum gern mal Fachfragen zur Metal-Musik. Die knapp 20 Schülerdarsteller sind mit Leidenschaft bei der Sache.

Nach den drei Stunden Spielzeit (immerhin vier Schulstunden, ohne Pause) sind die Zuschauer erschöpft und ein bisschen verstört. Sie werden erheblich ins Spiel einbezogen. Besonders zum Schluss steigert sich die Aggressivität in den Szenen. Die Zuschauer werden angerempelt, beleidigt, von Kreidefingern berührt. Erklären kann ein Theaterstück die Ereignisse von Erfurt, Emsdetten oder Winnenden nicht. Aber es kann versuchen, ein Gefühl für die Atmosphäre zu schaffen, in der ein Amoklauf möglich wird. Das ist den Spielern gelungen.

Die Vorstellungen im April sind bereits ausverkauft.



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