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Richard David Precht kommt nach Hameln – im Interview spricht er über unordentliche Gefühle

„Wer selbstlos liebt, ist ein großer Langweiler“

Hameln. Er ist zugleich Philosoph, Publizist, Autor – und mischt mit seinen Büchern immer wieder die Bestsellerlisten auf. Richard David Precht gastiert am Mittwoch, 6. Mai, um 20 Uhr in der Sumpfblume, wo er auf Einladung der Buchhandlung Matthias sein neues Werk vorstellt. Martina Sulner sprach vorab mit ihm.

veröffentlicht am 01.05.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 05:21 Uhr

Gibt Orientierung: Erst erklärte Richard David Precht die Sache
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Herr Precht, Ihr neues Sachbuch heißt „Liebe“. Ist es nicht größenwahnsinnig, dieses Thema erschöpfend behandeln zu wollen?

Falls es größenwahnsinnig sein sollte, bin ich nicht wahnsinniger als Tausende Autoren vor mir. Im Unterschied zu denen beschreibe ich allerdings die verschiedenen Aspekte dieses Gefühls zwischen Mann und Frau: die biologischen, biochemischen, soziologischen, historischen und philosophischen.

Liebe sei, schreiben Sie, ein unordentliches Gefühl. Warum unordentlich?

Erstens ist es biologisch kein sinnvolles Gefühl wie Hunger, Durst oder Angst, sondern die Umleitung von Emotionen, die wir in der Eltern-Kind-Beziehung erfahren haben. Die richten wir ab der Pubertät auf andere Personen. Zweitens versuchen wir, in einer Partnerschaft Geborgenheit und Aufregung zugleich zu erleben. Diese beiden widerstrebenden Wünsche wollen wir mit einer einzigen Person erleben. Gemäß der Logik der Evolution reicht Sex zwischen Mann und Frau aus – die Liebe ist überflüssig. Sie ist sogar kontraproduktiv, weil sie das Weibchen daran hindern kann, sich den fittesten, stärksten Mann auszusuchen und es dazu bringt, den schmalen Schüchternen zu nehmen.

Ist Liebe also nur eine Erfindung der Romantik?

Unsere Idee von Liebe stammt aus der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert und den englischen Herz-Schmerz-Romanen. Das Bürgertum emanzipierte sich, und Philosophen sprachen Menschen einen freien Willen zu. So konnte überhaupt erst die Idee entstehen, dass Partner – ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Absicherung und Standesunterschiede – zueinander finden. Dies in einer Zeit extrem rigider Sexualmoral. Die Kompensation dieses Widerspruchs waren die Herz-Schmerz-Romane.

Solche Bücher gaukeln die perfekte Liebe nur vor. Kann man sie auch lernen?

Diese Vorstellung wird maßlos übertrieben. Selbst wenn ich hart an meiner Beziehung arbeite, können die Gefühle zu meiner Partnerin verschwinden. Außerdem stört mich die Idealisierung der selbstlosen Liebe. Liebe ist nicht selbstlos; wir wollen schließlich auch so begehrt werden, wie wir selbst begehren. Wer selbstlos liebt, ist kein großer Liebender, sondern ein großer Langweiler.

Unsere Erwartungen an die Liebe sind also zu hoch?

Zumindest sind sie unrealistisch, weil wir so viel Unterschiedliches und in sich Widersprüchliches von ihr erwarten. Ich denke aber nicht, dass wir deshalb unglücklicher sind als die Generation unserer Großeltern. Meine Oma hat ihre Leidenschaft, die sie in der Ehe nicht fand, mit Romanen kompensiert. Wir haben sehr viel mehr Raum, uns zu entfalten.

Sie vertreten mit der israelischen Soziologin Eva Illouz die These, dass eine romantische Beziehung außerhalb unserer Konsumwelt nicht möglich sei. Warum?

Weil alle Codes der Liebe bezahlt werden müssen: vom Blumenstrauß bis zum romantischen Restaurantbesuch. Die Liebe ist ein auffällig unkreatives Geschäft. Ich will mir nicht anmaßen zu behaupten, dass Hartz-IV-Empfänger unglücklicher seien als Besserverdienende. Doch wer Geld hat, dem fällt die Romantik leichter.

Stirbt die Romantik in Zeiten der Krise also aus?

Die Zeiten, in denen man tagsüber mit Aktien Geld gemacht und abends die Partnerin zum Candle-Light-Dinner ausgeführt hat, sind vorbei. Zumindest für die Mittelschicht, die am stärksten unter der Wirtschaftskrise leiden wird. Sie wird deshalb den Rückzug in die Familie antreten – und zwar unfreiwillig.

Ist die Liebe also ein Ersatz für Wohlstand, Status und Religion, die früher die Gesellschaft zusammengehalten haben?

Der Soziologe Ulrich Beck hat schon 1990 darüber geschrieben, was in unserer säkularisierten Gesellschaft Sinn stiftet – vor allem die Liebe. Neben dem Sport übrigens: Beim Fußball geht es ja auch um Grundlegendes wie Treue und das Gefühl der Zugehörigkeit.

Lieben Sie als Kölner den 1. FC?

Ich komme ja aus einem marxistisch geprägten Elternhaus und bin immer noch Fan von Dynamo Kiew.

Gibt Orientierung: Erst

erklärte Richard David Precht die

Sache mit dem Ich, jetzt die mit der Liebe.

Foto: Komossa



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