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Die Schauspielerin Gilla Cremer im Interview über Mobbing, Sensibilität und Publikumsreaktionen

„Wer krank ist, muss sich oft Vorwürfe anhören“

Hameln. Mit erschütternder Direktheit begeisterte Gilla Cremer im November in dem Schauspiel „Mobbing“ in Hameln. Am Freitag, 15. Januar, gastiert sie um 20 Uhr mit einer weiteren Aufführung im Theater. Julia Marre sprach vorab mit der Schauspielerin.

veröffentlicht am 08.01.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 11:41 Uhr

Gilla Cremer in ihrer Rolle der mitleidenden Ehefrau eines Mobbi
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Frau Cremer, in „Mobbing“ spielen Sie kein direktes Opfer, sondern als Ehefrau, die von Existenzängsten geplagt wird, die Zweit-Betroffene. Was macht den Reiz dieser Rolle für Sie aus?

Besonders reizvoll an der Rolle fand ich die vermittelte Katastrophe. Als Ehefrau ist die von mir gespielte Figur ja nicht unmittelbar betroffen, sondern dadurch, dass sie existenziell auf ihren Mann angewiesen ist. Die Frau hat ihren Job aufgegeben, um für die Kinder zu sorgen. Nun wird sie an einer empfindlichen Stelle getroffen, und das macht es hochspannend.

Steht denn die Frau permanent zu ihrem Mann?

Anfangs schon: Sie bemüht sich, die Loyalität zu bewahren. Aber da ist diese Ungewissheit, inwieweit sie sich wirklich auf ihn verlassen kann. Sie kommt ins Straucheln und zweifelt. Und er ist so sensibel und verletzt, dass er jedes Nachfragen von ihr als Kritik auffasst. Das Vertrauen bröselt allmählich auseinander. Weil sie nie die Möglichkeit hat, die Situationen in seinem Job mitzuerleben, fragt sie sich: Verhält er sich idiotisch? Orientiert er sich nicht genug an seiner neuen Chefin? Aber es geht in dem Stück nicht nur um Mobbing, sondern auch um allgemein menschliche Fragen: Wie gehen wir damit um, wenn jemand im nahen Freundeskreis oder in unserer Familie über einen längeren Zeitraum leidet? Stehen wir an seiner Seite? Bleiben wir loyal? Wie lange ertragen wir sein Klagen? Man will ja schließlich auch selbst getragen werden.

Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Ich habe mich natürlich viel umgehört im Bekanntenkreis und war überrascht: Es gibt viel mehr Fälle als ich dachte. Außerdem habe ich viel über Mobbing gelesen und recherchiert.

Haben Sie Ähnlichkeiten unter den Betroffenen ausmachen können?

Grundsätzlich sind die Fälle und Ursachen sehr unterschiedlich und variieren von Person zu Person, von Firma zu Firma. Aber es gibt Parallelen in den Krankheitsbildern: Auf fehlende Anerkennung reagieren viele Menschen mit enormem Schwindel, mit Kopf- und Rückenschmerzen und Depressionen. Wir brauchen Anerkennung, um gesund zu sein.

Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft inzwischen sensibel genug auf das Thema Mobbing reagiert?

Nein. Ich glaube nicht, dass wir besser oder sinnvoller damit umgehen als vor ein paar Jahren. Geht es jemandem schlecht, sagt die Gesellschaft zuallererst: „Du bist ja selber schuld!“ Wir lösen uns zunehmend aus politischer Verantwortung, und unser sozialkritischer Blick geht verloren. Wer krank ist, muss sich eher Vorwürfe anhören nach dem Motto „Warum machst du auch so wenig Sport? Wieso rauchst du so viel?“. Das ist bei Mobbing sicher sehr oft auch der Fall.

Kennen Sie Mobbing aus der Theaterwelt, in der ja auch großer Konkurrenzdruck herrscht?

Von mir selber nicht, da ich schon sehr lange freiberuflich arbeite. Ich bin meine eigene Chefin und Angestellte zugleich. Ich lege mir selbst die Steine in den Weg.

Wie sind die Reaktionen auf das Schauspiel „Mobbing“?

Die Resonanz ist überraschenderweise unglaublich positiv. Oft sind die Leute sehr persönlich berührt. Das Tolle an der Romanvorlage von Annette Pehnt ist, dass Mobbing lediglich als eine Folie dient. Es geht viel umfassender um das Vertrauen zwischen Menschen. Es geht um Liebe. Es geht darum, wie Kommunikation funktioniert. Um Freundschaft – das reicht weit über den Arbeitsplatz hinaus. Viele Menschen sind ergriffen und schätzen die Aufführung sehr, weil sie sich selbst hinterfragen: Wie verhalte ich mich denn, wenn mir so etwas passiert?



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