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Verspielte Ehe-Hölle

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ in Starbesetzung

HAMELN. Leslie Malton und Felix von Manteuffel brillieren auf der Hamelner Bühne in den Hauptrollen des Albee-Klassikers.

veröffentlicht am 30.10.2016 um 15:02 Uhr

Felix von Manteuffel und Leslie Malton in den Hauptrollen. Foto: Achim Zeppenfeld

Autor:

Richard Peter
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Es war – und die Betonung liegt auf „war“ – die große Zeit des amerikanischen Theaters. Von Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“, 1942 uraufgeführt, über Williams „Endstation Sehnsucht“, Arthur Millers „Der Tod eines Handlungsreisenden“ und O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ bis zu Edward Albee und sein boulevardeskes Psycho-Drama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, das zwanzig Jahre nach Wilder das so infernal-verstörende Licht der Bühne erblickte. 1962 konnte man noch erschrecken. Unvergessen Liz Taylor und Richard Burton in der so himmlischen Verfilmung der Ehe-Hölle. Vermutlich musste das Glamour-Paar gar nicht viel spielen – ein paar Whiskys und sonst: privater Ehealltag. Was natürlich so nicht stimmt.

Und jetzt, nach langer Abstinenz – eine Vokabel, die so gar nicht zum Stück passen will – erneut ein Ehepaar aus dem wirklichen Leben am Samstagabend auf die Bühnen-Realität des Hamelner Theaters gewuchtet. Eine feuchte Horror Nacht, eng verwandt mit Strindbergs „Totentanz“ – und immer und geradezu symptomatisch: die Ehe als Inferno. Rituales Spiel der Verletzungen. Man kennt sich, weiß, wo es besonders wehtut. Genau kalkuliert und gnadenlos. Und wenn alles zuviel wird: zermürbte rührende Momente der Vertrautheit. Liebe und Hass als dieselben Seiten einer Medaille. Vier zweibeinige Bestien – als hätte ihnen Onkel Siegmund (Freud) den finalen Schlüssel geliefert. Die Welt – und nicht nur die der Zweisamkeit – auf der Bühnencouch. Und Bourbon und Brandy als alles vernebelnde Stimulanz. Ein Albtraum, der bewusst inszeniert wird.

Leslie Malton – so gar nicht die Wunschbesetzung für dieses Urvieh Martha – eher die Blanche aus „Endstation Sehnsucht“ – aber: eine blendende Schauspielerin. Das musste sie reizen, auch wenn sie sich das Ordinäre, das Animalische, spürbar erspielen muss. Brillant – aber nicht Albees Martha. Felix von Manteuffel, auch er ein Hochkaräter der Bühne – auch wenn er oft nur schwer zu verstehen ist, weil unsere Bühne akustisch so ihre Tücken hat – ein Georg zudem, dem manchmal die Gefährlichkeit fehlt. Aber ein Spieler, der Gefühle abruft. Ein Routinier, der seine Attacken perfekt inszeniert. Ein erschütternder Schluss – zwei müde, leere, totgespielte Hasardeure des Lebensglücks, an das sie längst nicht mehr glauben.

So sehr das Stück nicht mehr ganz so überraschend trifft – es fesselt trotz einiger Längen immer noch. Auch durch das zweite Pärchen in der Inszenierung von Claudia Prietzel und Peter Henning. Judith Hoersch als Honey, die für Momente erahnen lässt, dass auch sie eine Martha werden könnte und Urs Stämpfli als Nick, karrierebewusster Biologie-Professor – auch er ein kleiner George, der künftige Kämpfe ahnen lässt.

Die drei Akte bei Edward Albee sind mit „Gesellschaftsspiele“, „Walpurgisnacht“ und „Austreibung“ überschrieben. Und der Titel des Stücks – eine promillegetränkte Verballhornung von „Wer hat Angst vorm bösen Wolf“. Nicht ganz logisch – auch nicht bühnenlogisch – warum das Bild nicht immer dasselbe bleibt. Typisch Amerika, wo Umbauten allemal extra honoriert werden müssen. Also: keine Veränderungen. Löhne können die Dramaturgie eines Stücks dramatisch verändern.

Eine interessante Neubegegnung mit einem einst wichtigen Drama im Boulevard-Mäntelchen, das ein bisschen von seiner Faszination verloren hat. Ehe-Höllen werden heute meist rechtzeitig vermieden. Schlicht geschieden. Aber selbst so manchmal infernalisch.

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