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Wenn Oper auch ohne Oper manchmal eine Oper ist

Hannover. Auch wenn Donizettis eher selten gespielte Oper "Die Regimentstochter" in der Staatsoper Hannover nur konzertant zu erleben ist - dank Nicole Chevalier wird die Aufführung zum Ereignis. Und auch das Staatsorchester, wie unser Kritiker Richard Peter schreibt, beherrscht zurzeit die unendliche Leichtigkeit des Musizierens.

veröffentlicht am 29.04.2011 um 12:57 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 20:21 Uhr

kultur
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Von Richard Peter

Hannover. Sie ist so ein bisschen das Stiefkind unter Donizettis fünf bis sieben beliebtesten Opern: „Die Regimentstochter“. Eine von rund 70 Werken, die der Belcanto-Stern am Opernhimmel scheinbar aus dem Ärmel schütteln konnte. Und auch für „La Fille du régiment“ brauchte er nicht länger als ein paar eruptive Tage. Da kann nicht alles pures Gold sein, was da glänzen soll. Muss es auch nicht. Bei allem eingestreuten Katzengold, dennoch ein kleines Juwel. Wenn – ja, wenn eine Nicole Chevalier die Fille du régiment singt. Und nicht nur singt, bei dieser konzertanten Aufführung, die am Mittwochabend in der Staatsoper Premiere hatte. Und wenn ich mich recht erinnere: Schon beim „Expo-Ring“, noch unter Lehmann, musste Verdis „Simone Boccanegra“ dramatische Federn lassen. Und diesmal trifft es Donizetti, der, wieder bei einem „Ring“, auf das verzichten muss, was Oper sonst ausmacht. Die Summe aus Musik, Stimmen, Bild, Licht, Kostümen und Spiel. Das so unmögliche, jeglicher Realität ferne Bühnengenre lebt von eben diesem Zusammenklang. Und nun – eine Komödie mit leicht tragischen Anwandlungen dazu: ohne Bühnenbild, ohne Theater ums Theater mit nur ein paar Kostümen und deren Andeutung. Das Orchester zwar im Graben, der Chor aber aufs Podest gestellt und davor ein paar Notenpulte für die Sänger. Und dann gelingt die erste Szene nach der Pause zu einem Comedy-Highlight. Witziger, humoristischer könnte die Szene um eine ungeliebte Gesangsstunde auch nicht in einer Inszenierung wirken.
 Und im Mittelpunkt: Nicole Chevalier als Marie, die Regimentstochter, die sich mit Adel, dem sie plötzlich angehören soll, herumschlagen muss. Ausgerechnet sie, die von ihrem Regiment als Baby mit vollgeschissener Windel (Zitat!) auf dem Schlachtfeld gefunden, adoptiert und großgezogen wurde. Da säuft sie lieber aus der Flasche, kratzt sich, wischt sich schwungvoll die Nase, trampelt höchst reizvoll über die Bühne und singt, als wäre die Staatsoper Hannover die Met, Scala oder Covent Garden. Sie besitzt alles, was eine Netrebko berühmt machte: eine Stimme, die alles kann und dazu ein umwerfend komödiantisches Talent. Urplötzlich sehr lyrisch, fallweise höchst dramatisch, unendlich zart oder grob und mit allen Schattierungen gesegnet, die eine Stimme erst zur Stimme macht. Und im Wechselspiel zu erleben: wie aus einem schnurrenden Kätzchen ein fauchender Tiger wird. Kein Legato, kein Bruch, den sie nicht beherrschte und tausend Facetten, mit denen sie ihrer so glasklaren Stimme immer wieder neue Farben gibt – Abstufungen, die man kaum für möglich hält. Und fast traut man es sich – Achtung, frauenfeindlich, aber warum eigentlich? – kaum zu sagen: Sie sieht bezaubernd aus, ist bildhübsch. Besonders wenn sie lächelt, sich selbst nicht ganz ernst nimmt, aber auch mit Zornesfalten – und einer Figur, die beweist, dass man nicht adipös sein muss, um singen zu können.
 Und das zweite Wunder – und eigentlich längst keines mehr: das Staatsorchester, das zurzeit musikalisch die unendliche Leichtigkeit des Musizierens beherrscht. Selbst dort, wo sich Klangmassen aufbauen, wie bei einer Art musikalischem Tsunami, dennoch immer durchsichtig bleibt, unangestrengt. Schon der Bläsereinsatz bei der Ouvertüre – aber wer den „Siegfried“ so bravourös übersteht, schafft das sozusagen mit Links –, auch wenn in der Musik so eigentlich nichts mit „Links“ geht. Das ist, diesmal unter Karen Kamensek, schlicht meisterlich.
 Bei aller Sympathie für Sung-Keun Park als Tiroler Tonio – die Wadeln dazu hat er jedenfalls – und die frenetischen Bravos für acht – und ein zusätzliches neuntes hohes „c“ – gegönnt, wenn auch keines so, dass es einem eiskalt die Wirbelsäule runterkullert vor lauter hitziger Begeisterung. Sympathisch Young Kwon als Übervater Sulpice und Julie-Marie Sundal als komödiantische Marquise – und Sonderlob für den Chor. Und natürlich die ebenso charmante wie witzig-souveräne Moderatorin Sylvia Roth als Spielführerin durchs Geschehen mit vielen Anspielungen, witzigen Apercus, Interna und kleinen Seitenhieben auch für Giganten wie Wagner. Vielleicht die Lösung überhaupt, wenn Geld, Kraft oder sonst was fehlt – und natürlich fehlt was: Denn Oper ist Oper, ist Oper – vor allem mit einer Nicole Chevalier. Auch wenn sie manchmal verdeckt, dass Oper auch ohne Oper manchmal Oper sein kann. Na also!

 4 Die weiteren Termine: am 17. und 19. Mai um 19.30 Uhr und am 29. Mai um 18.30 Uhr in der Staatsoper



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