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Anselm Kiefers Arbeiten aus den Jahren 1988 bis 1993 zeigt in Detmold derzeit der Kunstverein Lippe anlässlich seines 40. Bestehens

Wenn ein bleiernes Flugzeug in der Schlossküche landet

Detmold. Ein kleiner Kunstverein feiert Geburtstag mit einem großen Künstler. Die in Detmold beheimatete Lippische Gesellschaft für Kunst lädt im 40. Jahr ihres Bestehens zu einer Ausstellung mit Werken von Anselm Kiefer ein. Wie das geht? Prinzessin Traute und Prinz Armin zur Lippe sind aktive Mitglieder dieses Kunstvereins, der seine Ausstellungsräume in der ehemaligen Küche ihres Detmolder Schlosses hat. Und sie sind seit Studientagen mit dem renommierten Kunsthistoriker und Kurator Klaus Gallwitz befreundet, der wiederum mit Anselm Kiefer befreundet ist. Gallwitz begleitet die Geschicke der Lippischen Gesellschaft für Kunst seit ihrer Gründung. Er hat in Detmold schon für die Präsenz so manches berühmten Künstlers gesorgt, unter anderem für Tony Cragg und Stefan Balkenhol.

veröffentlicht am 07.08.2012 um 13:38 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 01:41 Uhr

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Autor:

Michael Stoeber
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Und nun im Jubiläumsjahr also Anselm Kiefer, 1945 in Donaueschingen geboren. Eigentlich sollte der weltbekannte und publikumsscheue Künstler auch zur Eröffnung kommen, aber diese vage von Gallwitz in Aussicht gestellte Hoffnung konnte er dann doch nicht erfüllen. Dafür hat er eine kleine, aber sehr feine Ausstellung nach Detmold gebracht. Es handelt sich dabei um sieben Bleibilder Kiefers und eines der wichtigen Flugzeuge aus Blei. Die Werke gehören einem deutschen Sammler, der ungenannt bleiben möchte. Er hat sie dem Künstler abgekauft, bevor dieser 1993 ins südfranzösische Barjac übersiedelte. Sie sind nicht präzise datiert, entstanden aber in den fünf Jahren davor, als Anselm Kiefer im Odenwald wohnte, wo er in einer aufgegebenen Ziegelei arbeitete.

Dort hat er mit verschiedenen Materialien experimentiert. Er hat Bilder aus Stroh, Erde und Farbe gefertigt und immer wieder mit Blei gearbeitet. Die Hinwendung Kiefers zu mit polaren Energien aufgeladenen Stoffen scheint unter dem Einfluss seines Lehrers Joseph Beuys stattgefunden zu haben, für dessen Werk ja auch Filz und Fett grundlegend waren. Am Blei schätzt Kiefer seine widersprüchlichen Eigenschaften. Es hat für ihn eine schwere, stumpfe, erdhafte Seite sowie eine seinem Silberanteil geschuldete veränderbare, luftige und spirituelle Dimension.

In dieser Ambivalenz ist es für ihn ein perfekter Bildgrund, um die Zerrissenheit des Menschen, seiner Kultur und Geschichte zum Ausdruck zu bringen. Kiefer inszeniert in seinen Bleibildern mit Materialcollagen und Fotoabrissen ein Menschheitspanorama, in dem vor allem Frauen eine wichtige Rolle spielen – als Mutter und Märtyrerin, Heilige und Heldin, Heilerin und Verderberin.

In Detmold treten auf in seinem Werk: Brünnhilde aus dem Norden als starke, Männer besiegende Frau, wie wir sie aus dem Nibelungenlied kennen, und die nicht weniger starke Lilith aus der orientalischen Mythologie als Urbild weiblicher Emanzipation, sowie die mütterliche Solveig aus „Peer Gynt“, die den von ihr geliebten Mann schützt und auch rettet.

Für Kiefer ist Kunst erinnern. Auseinandersetzung mit unserer Herkunft. Wie sind wir geworden, was wir sind? Wie verhindern wir Rückfälle in die Barbarei? Wie befördern wir das große Projekt der Humanität? Der Künstler befragt für uns die Mythen der Menschheit und weist und den Weg. Oft wird er dabei missverstanden und zur lächerlichen Figur, einem Albatros gleich, der das Fliegen verlernt hat. Nichts anderes bedeuten Anselm Kiefers Bleiflugzeuge. Sie erinnern uns an das, was sie einmal konnten und nun nicht mehr können: fliegen. Und was sie erst dann wieder können, wenn sie sich erneut ändern und zu anderen werden.

Die Ausstellung ist bis zum 26. August zu sehen – täglich außer montags im Detmolder Schloss. Im Internet: www.kunstverein-lippe.de.

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