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Plakativ und beklemmend: Arthur Millers „Die Stunde Amerikas“ im Theater Hameln

Wenn die Superfrau von Sozialismus säuselt

Hameln. Auf der dunkelgrünen Couch, die unverrückbar im Zentrum der Bühne steht, vollzieht sich das Geschichtsdrama von Arthur Millers 1980 entstandenem, wenig bekannten Stück „Die Stunde Amerikas“. Gut drei Stunden lang erlebten die Zuschauer im mäßig besuchten Theater am Montag den Niedergang der Upper-Class-Familie Baum, die wie viele andere zum Spielball und Opfer wirtschaftlicher Gewalten wird. Ihr amerikanischer Traum wird durch die große Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre zu Albtraum und Trauma.

veröffentlicht am 03.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 06:21 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Roberto Ciulli und Dramaturg Helmut Schäfer führen ihr personenreiches Ensemble durch grelle, plakativ und beklemmend inszenierte Szenen von nahezu comichaftem Zuschnitt: vom Unternehmer Robertson im Uncle-Sam-Outfit auf der Therapiecouch über die Warteschlange bei der Wohlfahrt oder die kaugummikauenden, Zeit totschlagenden Arbeitslosen beim Kartenspiel.

Monster mit Gorillamasken umkreisen die zum Niedergang Verdammten, dämonische Fratzen des Raubtierkapitalismus und Dschungelmetapher eines „Jeder gegen jeden“ und „Rette sich wer kann“. Sicher, Miller winkt mit Marx und Engels, doch die Sozialismus säuselnde Superwoman findet bei den Gedemütigten und Erniedrigten ebenso wenig Resonanz wie der Ruf der schwarzen Aktivistin nach Arbeiterpower und Solidarität.

Die Allmacht der Krise zerstört Lebensträume, reißt Familien und Personen in den Abgrund; mehr noch, sie mündet in Krieg und Tod. Ciullis bringt Millers Botschaft auf den Punkt: militärisches Eingreifen ist Wesenselement kapitalistischer Gesellschaftsordnung und lenkt von ökonomischen Krisen ab, von Korea über Vietnam bis zum Irak und Afghanistan.

Überhaupt sind die aktuellen Bezüge äußerst beklemmend. Manche Passagen klingen wie Zeitungszitate vom Tage. Das neoliberale Konstrukt implodiert angesichts von Casino-Kapitalismus und Hartz IV-Elend, wird zum wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Offenbarungseid. Wo kein Geld, da kann auch der Markt nichts mehr regeln. Da geht es nur noch ums Überleben.

Am Ende des Schauspiels kulminiert der düstere Dreiklang Kapitalismus, Krise, Krieg in der wohl eindringlichsten Szene in Ciullis Menetekel: drei in Stars and Stripes gehüllte Soldaten sterben, als letzter Moe Baum. Dann tritt einen Moment lang Totenstille ein. Die Stunde Amerikas hat geschlagen.

Die Fratze des Kapitalismus: Das Monster symbolisiert den Untergang und zerstört nicht nur die Gesellschaft.

Foto: Andreas Köhring

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