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Franz von Suppés Operette „Boccaccio“ mit dem Theater für Niedersachsen

Wenn die Hormone verrückt spielen

Hameln. Vom Nabel abwärts werden die Dinge bekanntlich oft sehr sonderbar. Nicht nur bei Boccaccio und seinem „Decamerone“ mit hundert Novellen, Parabeln, Fabeln und wirklich Erlebtem. Eine unvergängliche „Commedia umana“ der Erotik, sinnlich, direkt, drastisch, schwankhaft, derb – von den Frauen geliebt – auch gelebt – und den Männern eher argwöhnisch beäugt. Franz von Suppé hat daraus – nachdem Offenbach den Boden bereitet hatte – eine Operette gemacht. Beginn einer Wiener Institution. Und klar doch, dass Suppé ein „Zuagroaster“ aus Split in Dalmatien ist – immerhin: auch irgendwie Österreich, wo die Sonne bekanntlich nie unterging.

veröffentlicht am 25.04.2016 um 16:09 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:18 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Ein bezauberndes Werk, das für das sogenannte „leichte Genre“ schon wieder fast zu schwer, eigentlich Oper, ist, ohne es zu sein – vor allem keinen wirklichen Hit besitzt, den man als „Ohrwurm“ mit sich herumtragen müsste. Wie Papagenos Auftrittslied aus der „Zauberflöte“ – ein Couplet, wenn auch eins von Mozart halt – und die unendlichen „Gassenhauer“ der goldenen, silbernen und weiteren Operettenzeiten bis heute zu Webbers „Memory“ oder „Evita“ – die ein NDR stündlich über den Äther schicken könnte.

In der Ouvertüre – nie ganz glücklich, wenn das Orchester ohne Applaus und Vorschusslorbeeren starten muss – ein bisschen „blaue Donau“ in den Arno gemischt. Hinreißende Musik – dann lahmt die Geschichte etwas, spult sich ab. Ganz nett, aber auch der eine oder andere sonntägliche Gähner. Eine erste „Bücherverbrennung“, in der – eher selten – der Autor selbst abfackeln muss.

Szenisch ergiebiger nach der Pause ist das bezaubernde „Immerzu undici, duodici, tredici“ und die drei Liebespaare und Lambertuccio, der abergläubige Gewürzkrämer als Depp im Olivenbaum, während der ewig besoffene Lotteringhi (Jan Kristof Schliep) von seiner Frau Isabella – und zu „bella“ kommt bei Neele Kramer noch sexy – ins Fass kommandiert wird. Und wieder wird statt Boccaccio, der sich hier selbst spielt, ein Unschuldiger verprügelt. Nicht ganz so peinlich wie zuvor schon beim Prinzen Pietro. Die Liebhaber – Gott ist bei aller Prüderie seiner Kirche wohl mit ihnen – entkommen.

Im dritten Akt hat auch Lambertuccio, nicht nur, weil er von Uwe Tobias Hieronimi gesungen und gespielt wird, seinen großen Auftritt, der ihn adelt. Und endlich eine Arie der Sonderklasse mit Dirk Konnerth als Boccaccio – eine Stimme mit Klang, Modulationsfähigkeit und Kraft – und auch das wunderschöne Duett „Mia bella Fiamette“ und die, alias Martina Nawrath, perfekt gesungen und ebenso perfekt von Guillermo Amaya inszeniert. Daniel Stratievsky am Pult, der so dirigiert, wie er den Applaus gestaltet. Eine bunteste Mischung, die nicht immer ganz so bunt ist – manchmal auch ein bisschen bieder. Was nichts damit zu tun hat, dass es in der Zeit belassen wurde. Im Gegenteil: schön, auf der Bühne wieder einmal Kostüme zu erleben. Das Sonntags-Publikum dankte es. Und Suppé hätte mit dem Doppeladler-Kaiser gesagt: „Es hat mich sehr gefreut.“



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