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Jubel und ein Bombenerfolg: Ballettchef Jörg Mannes überrascht an der Staatsoper Hannover mit Tschaikowskys „Nussknacker und Mausekönig“

Wenn der berühmte arabische Tanz zur Erpresser-Szene mutiert

Im Bett mit dem Nussknacker: Marie (Karine Seneca).Foto: Weigelt

veröffentlicht am 07.12.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 13:21 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Hannover. Da mag sich mancher verwundert die weihnachtlich gestimmten Äuglein gerieben haben. Tschaikowskys unverwüstliches Nussknacker-Ballett – und weit und breit keine Zuckerfee, kein Prinz und die berühmten Divertissements: nix da. Kein spanischer Tanz, kein arabischer, keine hüpfenden Chinesen. So ziemlich alles ist anders bei Jörg Mannes, ziemlich radikal und ganz nah an E.T.A. Hoffmann, dessen „harte Nuss“ ganz ungewohnt ins Bild kommt. Denn bei den russischen Großmeistern Petipa und Iwanow, die aus Tschaikowskys Meisterwerk das Weihnachtsballett schlichtweg zauberten, gibt es dieses Märchen nicht. Dafür Nummern, die zu Welthits wurden.

Schon mutig, was Mannes da macht – der sich das mittlerweile, weil ihm die Hannoveraner längst aus dem tänzerischen Händchen futtern, leisten kann. Zuletzt: Jubel, als hätten die Rolling Stones ein Konzert gegeben.

Dabei beginnt der Abend von „Nussknacker und Mausekönig“ mit dem eingeschobenen „Märchen von der harten Nuss“ alles andere als vielversprechend. Kindlichkeiten, wie man das halt so spielt und tanzt, fast ein bisschen banal. Ein hübscher Gag, wenn sich nach der nicht ganz so prallen Ouvertüre (am Pult: Toshiaki Murakami) der Purpurvorhang zur Seite krümelt – für was? Einen Purpurvorhang vor dem Weihnachtszimmer mit Klara als Marie und Franz als Fritz. Und Onkel Drosselmeier als seltsames Wesen mit Cyrano-de-Bergerac-Nase, zu exaltiert für einen Uhrmacher. Weihnachtsstimmung ohne Stimmung und Kinder, die alles tun, keine zu sein.

Aber die Geschichte entwickelt sich, gewinnt Eigenleben. Spätestens wenn Reynard Rott Tschaikowskys Rokoko-Variationen für Violoncello und Orchester – übrigens: meisterlich – spielt. Eine völlig neue Geschichte, die von der Nuss, mit einem herrlich übertriebenen Königspaar und der hübschen Tochter Pirlipat (Keiko Nisugi), die ein Schweineschnäuzchen angezaubert bekommt. Erstaunlich, wie aus dem berühmten arabischen Tanz eine Erpresser-Szene wird. Wunderschöne Details, viel Witz, wie die faszinierenden Film-Einspielungen aus der Schnürboden-Perspektive – und zuletzt, auf fast leerer Bühne (Florian Parbs) das, was das Publikum schon vor einem Jahrhundert goutierte: Tanz in Reinkultur. Virtuosität. Und genau das bieten – locker und losgelöst von aller Erdenschwere – Karine Seneca als Marie und Denis Piza als Drosselmeiers Neffe. Der gute alte Pas de deux samt Variationen, die mit viel Applaus belohnt wurden. Und tänzerisch meisterlich: Andreas Michael von Arb als virtuoser Drosselmeier.

Auch wenn nicht alles aufgeht, was Mannes vermutlich wollte: ein Bombenerfolg. Nichts, was einem Künstler mehr recht geben könnte.



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