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Rap-Musiker form/prim erklärt, wieso Hameln den „Freiraum“ braucht

„Weltretten muss Spaß machen“

Hameln/Mainz. Der Rapper, der sowohl unter dem Namen form als auch prim fungiert, ist ein vielseitiger Künstler. Er schreibt, singt – und rappt natürlich. Darüber hinaus publiziert er Beiträge in „FICKO“, seinem Online-Magazin „für gute Sachen. Und gegen schlechte“. Er ist politisch aktiv – sei es in Mainz, wo der 29-Jährige studiert, oder auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Am Samstag, 7. Dezember, um 20 Uhr, tritt David Häußer alias form/prim nebst Rap-Musiker Refpolk im Rahmen des „Kein Tag ohne Walke“-Festes im Freiraum, Walkemühle 1a, in Hameln auf. Unsere Zeitung hat sich vorab mit ihm unterhalten.

veröffentlicht am 30.11.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Hallo form! Oder prim?

form: Hallo! form, bitte, prim tritt nicht auf und gibt keine Interviews.

Auf Deiner Website sind unter form die Begriffe Explosion, Megafon und Hip-Hop aufgeführt und unter prim Implosion, Schwerkraft, Einsamkeit. Wozu diese Unterscheidungen?

form: Ich finde, die Begriffe erklären das schon ganz gut. Da ich meine melancholischere Seite im klassischerweise latent kunstfeindlichen Hip-Hop-Umfeld nicht ausleben konnte, habe ich das eben in prim ausgelagert.

Und dann gibt es auf Deiner Website noch „Musik für Menschen (Arschlöcher ausgenommen)“. Was hat es damit auf sich?

form: „Musik für Menschen“ entstand, als ich 2008 nach dem fünften Hörsturz im Krankenhaus lag und nicht mal mehr für Rap Kraft hatte, sondern einen anderen Zugang zur Musik gesucht habe. Und so habe ich angefangen, zu singen. Ist auch voll super und ich kann das mittlerweile sogar so, dass ich damit live auftrete. Das Zielpublikum ist – anders als bei form, wo es schon eher Rapfans sind – ganz einfach: Leute. Menschen, so richtige Menschen mit Emotionen und so etwas. Nicht diese Glutamatversion, die einem die Urban Street Industry verkaufen will.

Deine künstlerische Ausdrucksform ist in der Hauptsache Rap. Was für Rap machst Du?

form: Herausragend dopen Rechthaber-Rap für Gutmenschen und alle, die kochen können.

Stichwort Gutmenschen. Du kokettierst gerne mit sogenannter Gutmenschlichkeit, was heute meist eher als abfälliges Attribut verwendet wird. Was ist ein Gutmensch in Deinen Augen?

form: Ein Gutmensch ist jemand, die oder der sich dem Ton entgegenstellt, der bei 99 Prozent der Berichterstattung zu Anschlägen auf Flüchtlingsheime die Kommentarspalte im Internet beherrscht. Ein Gutmensch gibt sich Mühe, kein Arschloch zu sein und ist dabei nicht völlig humorbefreit. Weltretten muss Spaß machen. Es geht um Haltung und um Wirkung, solche Dinge.

Du verlangst Deinen Hörern nicht nur textlich viel Aufmerksamkeit ab. Du rappst dazu auch noch verhältnismäßig schnell. Wieso machst Du es den Hörern so schwer?

form: Ich mache es der Hörerschaft überhaupt nicht schwer, ich bin nur ein Meister meines Fachs und habe es eilig. Das ist natürlich nicht wirklich etwas für jede und jeden. Aber wenn ich das mit einer bitteren Note, einer MG-Salve Größenwahn und einem Fass reinen Weins sagen darf: So viele wirklich richtig schlaue, humorvolle, charakterlich angenehme Menschen in reifer Gutmenschlichkeit gibt es nun mal nicht. Und da ich mir meine Fans am liebsten selbst aussuche, um dann mit ihnen auf einen Feldzug der Weltentdeppung zu gehen, ist das auch ganz gut so. Außerdem: Bloß weil fast alle Rapper so wack und der Anspruch an sich selbst und die eigene Würde im Schlamm herumliegen, heißt das noch nicht, dass ein form da mitmachen muss.

Du rappst nicht nur, sondern schreibst auch Gedichte und Prosa. Darüber hinaus veröffentlichst Du das Online-Magazin „FICKO – Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte.“ Sammelst Du dort nur Presseberichte oder schreibst Du auch selbst?

form: Ja, ich schreibe auch selbst, das beschränkt sich nur im Moment noch auf die Kommentare und Teaser, weil unsere Website noch kaputt ist. Wenn sie zurück ist, geht es ab.

Wie kriegst Du das alles mit Deinem Uni-Alltag unter einen Hut?

form: Uni-Alltag? (lacht) Gar nicht. Ich habe auch nicht nur einen Hut, ich habe sogar mehrere Köpfe.

Du trittst am 7. Dezember im „Freiraum“ beim „Kein Tag ohne Walke“-Fest auf, Motto: „Hameln braucht ein autonomes Zentrum.“ Wieso braucht Hameln den „Freiraum“?

form: Weil es ohne Freiräume kein Leben gibt. Und ich mag Leben. Alle lebenden Menschen mögen Leben. Wer Leben nicht mag, soll doch nach drüben gehen: Tod. Hameln ist ja nicht die einzige Stadt, in der es solche Debatten gibt. Irgendwann sind die Berlins aus, in die man noch flüchten kann, ohne völlig verrückt zu werden aufgrund der spießigen Enge in diesem Deutschland. Und dann wird es knallen. Ich bin ja Gutmensch, also versuche ich lieber etwas zu tun, bevor es knallt. Gegen verkürzte Kapitalismuskritik und Manager!

Und wenn Du einen wirtschaftlich reizvollen Plattenvertrag angeboten bekommen würdest, und Dir die Plattenfirma aber einen Manager zur Seite stellen wollte?

form: Wenn es nur darum ginge, mir Arbeit abzunehmen, die Weisungsbefugnis aber weiterhin mir obläge, wäre das kein Problem. Ich habe übrigens einen Manage-Menschen – hallo Simeon! De facto ist das aber in der Regel bei größeren Plattenfirmen nicht der Fall, da sind die Leute, die man gestellt bekommt, dafür da, etwas auf nach den üblich dummen Maßstäben cool und maximal kommerziell erfolgreich zu machen. Das ist aber Quatsch für mich, ich will ja nicht Prinz Pi sein, der erst auf Universal schießt und dann dort unterschreibt. Ich bin ziemlich glücklich mit meiner momentanen Situation bei „Springstoff“ (Musiklabel; Anm. d. Red.) und habe einen hohen Lebensstandard. Nur nicht finanziell, aber man lebt ja auch nicht vom Geld, sondern von der Liebe.

Kontakt: Musik und weitere Infos auf www.fifaform.de

Gutmensch David Häußer alias form/prim aus Mainz zeigt Zähne für das, was er mag: das Leben.

Tine Wetzel

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