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Nach anderthalb Jahrzehnten hat Milan Kundera wieder einen Roman geschrieben

Weltbild im Rahmen des Möglichen

Frühsommer in Paris. Kinder spielen im Jardin du Luxembourg. Ein Tag wie heute, gestern oder morgen. Gewiss ist lediglich, dass Stalin nicht mehr lebt. Doch auch das nur, bis er mit Schnauzbart und Gewehr im Park auftaucht und auf Maria de Medici schießt, weil hinter der Statue ein jämmerlicher Mann mit Spitzbart an den Sockel uriniert. Es ist Kalinin, den sein Harndrang ruiniert. Gleich werden sie von hier verschwinden, begleitet vom Gelächter der Geschichte. Zurück bleiben die Freunde Alain, Ramon, Charles und Caliban sowie das Gefühl, in einem Raum ohne Wände zu stehen.

veröffentlicht am 02.04.2015 um 15:18 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:38 Uhr

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Autor:

Janina Fleischer
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Gut 14 Jahre nach „Die Unwissenheit“ ist jetzt Milan Kunderas „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ erschienen. Es ist der vierte Roman, den der 1929 im damals tschechoslowakischen Brünn geborene, seit 1979 in Frankreich lebende Schriftsteller in französischer Sprache geschrieben hat. Und was tut der fast 86-Jährige? Er macht sich lustig. Auf ungemein subtile Art. Gewährsmann seiner Komik ist Hegel, für den zum Komischen „überhaupt die unendliche Wohlgemutheit und Zuversicht“ gehört, „durchaus erhaben über seinen eigenen Widerspruch“ zu sein. Ein Widerspruch, der sich gleichermaßen aus persönlicher Vergangenheit ergeben kann, wie er in den Zumutungen des Gegenwärtigen liegt.

„Bedeutungslosigkeit“, so lässt Kundera Wortführer Ramon sagen, „ist die Essens der Existenz. Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist sogar dort gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Gräueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück. Das erfordert oft Mut, sie unter so dramatischen Umständen zu erkennen und bei ihrem Namen zu nennen.“ Dabei geht es nicht nur ums Erkennen, „man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben“.

Kundera nähert sich mit Ironie. Das Distanzmittel nutzt er, um seine Figuren zu berühren, passt seinen Stimmen Kostüme an, die sie erkennbar machen. Ganz in der Nähe des Jardin du Luxembourg stellt Ramon sich mal wieder nicht in die Schlange vor dem Museum, obwohl er die Chagall-Gemälde doch unbedingt sehen will. Stattdessen genießt er Weite und Freiheit des Parks, wo er D‘Ardelo begegnet, einem ehemaligen Kollegen. Der kommt gerade vom Arzt und kann der Versuchung nicht widerstehen, Ramon die Tragödie einer schlimmen Krankheit vorzulügen, bevor er ihn zur Cocktailparty lädt.

Ramon nimmt die Einladung an, auch, um seinen Freunden Charles und Caliban einen Job zu verschaffen. Charles, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, Feste für Privatleute zu organisieren, liest gerade „Chruschtschow erinnert sich“. So gelangen auch Stalin und Kalinin, Molotow und Breschnew in den Roman. Charles will die Schatten der Vergangenheit ins Licht eines Stückes rücken – für Marionetten.

Doch zunächst spielt er mit Caliban auf D’Ardelos Party den Servierer. Ein Jonglieren mit Identitäten ist auch dies, vor allem für Caliban, arbeitsloser „Schauspieler auf der Suche nach seiner verlorenen Mission“. Doch nicht das Fest hält die knappen Szenen zusammen; Ramon, eine Feder und die Gespräche der Freunde sind es, die alles verbinden in einem Kammerspiel. Zum Weltbild im Rahmen des Möglichen in einem Frühsommer im Jardin du Luxembourg. Alles kann noch werden. Und doch ist alles da, sogar längst da gewesen.

Doch ist es von Bedeutung? Und welcher Lüge soll man glauben? „Wir haben seit Langem begriffen, dass es nicht mehr möglich ist, diese Welt umzustürzen oder neu zu gestalten oder ihr unseliges Vorwärtsrennen aufzuhalten“, sagt Ramon. „Es gab nur noch einen einzigen möglichen Widerstand: sie nicht ernst zu nehmen. Aber ich stelle fest, dass unsere Witze ihre Macht verloren haben.“



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