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Wegweisendes Genie und Revolutionär

Er stand vor einer glänzenden akademischen Karriere und hatte sich mit drei Theaterstücken und einer Erzählung bereits unsterlich gemacht. Dann starb Georg Büchner im Züricher Asyl mit nur 23 Jahren am 19. Februar 1837 plötzlich an einer Typhus-Erkrankung.  Seine Dramen "Woyzeck", "Dantons Tod" und die Komödie "Leonce und Lena" haben den deutschen Naturalismus und Expressionismus nachhaltg beeinflußt. Auch Literatur-Papst Marcel Reich-Ranicki gehört zu den Fans dieses geniale Geists mit der Spannbreite zwischen Shakespeare und Gerhard Hauptmann.

veröffentlicht am 17.02.2012 um 12:30 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 16:21 Uhr

kultur
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Von Thomas Maier

Er hat über die Schädelnerven der Flussbarben geforscht – und wurde steckbrieflich als Revolutionär gesucht. Als Schriftsteller hat der aus der Nähe von Darmstadt stammende Mediziner und Naturwissenschaftler lediglich drei Bühnenstücke und eine Erzählung hinterlassen. Und dennoch gilt der genauso aufmüpfige wie geniale Georg Büchner als einer der bahnbrechenden Autoren des 19. Jahrhunderts in Deutschland.
 Nur 23 Jahre alt ist Büchner geworden. Vor genau 175 Jahren, am 19. Februar 1837, starb er im Exil in Zürich. Eine Typhus-Erkrankung setzte seinen kompromisslosen Texten, seinem Scharfsinn und seiner bis zur körperlichen Erschöpfung reichenden Arbeitswut jäh ein Ende. Seine Werke beschäftigen Theater und Literaturwissenschaft bis heute. Und seine Themen wie soziale Gerechtigkeit oder der Umgang mit psychisch Kranken sind nach wie vor aktuell.
 Mit seinem Fragment „Woyzeck“ hat Büchner ein Jahr vor seinem Tod das erste soziale Drama der deutschen Literatur geschaffen. Es geht um einen einfachen Soldaten, der von seinem Vorgesetzten zu medizinischen Versuchen missbraucht wird und monatelang Erbsen essen muss. Am Ende ersticht Woyzeck, der seine seelische Not nicht vermitteln kann, seine untreue Geliebte. Büchners erstes großes Drama „Dantons Tod“ – ein Stück über das Scheitern der Französischen Revolution – entsteht 1835.
 Die von ihm angezettelte Revolte ist damals schon zu Ende. Mit seinem „Hessischen Landboten“ hatte er 1834 der Willkür der Fürsten unter dem berühmten Motto „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ den Kampf angesagt. Die revolutionäre Flugschrift wird mit einigem Erfolg in den Dörfern um Gießen verbreitet, wo Büchner Medizin und Philosophie studiert. Verhaftungen folgen. Doch anders als viele Mitverschwörer kann sich der forsche Büchner, als Sohn eines Arztes am 17. Oktober 1813 im südhessischen Dorf Goddelau bei Darmstadt geboren, den Behörden entziehen.
 Als im Juni 1835 in den Zeitungen des Großherzogtums Hessen sein Steckbrief veröffentlicht wird, hat sich Büchner bereits ins benachbarte Frankreich nach Straßburg abgesetzt. Dort hatte er 1831 bereits mit dem Studium begonnen – und dort lebt auch seine Verlobte Minna Jaeglé. Neben der Erzählung „Lenz“, in der es um einen unglücklichen Dichter geht, arbeitet er am Lustspiel „Leonce und Lena“ und übersetzt Victor Hugos Dramen.
 In Zürich reicht er dann seine Promotion über die Barben ein und wird Privatdozent – es steht ihm eine glanzvolle akademische Karriere bevor. Anfang Februar 1837 erkrankt er plötzlich. Am 19. Februar – zwei Tage nach dem Eintreffen seiner Verlobten – stirbt er in der Spiegelgasse 12. Im Haus nebenan sollte 1916 – 80 Jahre später – Lenin wohnen.
 So lange hat es auch fast gedauert, bis Georg Büchner als Schriftsteller entdeckt wurde. Sein jüngerer Bruder Ludwig veröffentlichte zwar 1850 einen Großteil des Nachlasses inklusive philosophischer und wissenschaftlicher Schriften. Bis „Dantons Tod“ dann aber auf der Bühne uraufgeführt wird, dauert es bis zum Jahr 1902. Der „Woyzeck“ ist erst 1913 dran.
 Büchners Dramen haben nachhaltig den deutschen Naturalismus und Expressionismus beeinflusst. Zwar tut sich die Literaturwissenschaft immer noch schwer, den jungen Revoluzzer genau zu verorten – irgendwo in der Spannbreite zwischen Shakespeare und Gerhart Hauptmann. Aber genau das macht auch die Faszination Büchners aus. Nicht umsonst ist nach ihm die wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands benannt.
 Auch „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki gehört seit frühester Jugend zu den Büchner-Fans. „Er versuchte und wagte, was man vor ihm in der deutschen Literatur und in der Weltliteratur kaum kannte“, lobte „MRR“ den „Woyzeck“ in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. An der Universität Marburg arbeiten Forscher seit Jahren an einer auf 17 Bände angelegten Büchner-Ausgabe. Im Frühjahr 2013 soll das Projekt beendet werden – rechtzeitig zum 200. Geburtstag Büchners im kommenden Jahr.

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