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Heute beginnt in Klagenfurt das Wettlesen – Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff bangt um dessen Zukunft

„Was weiß man denn von Toten?“

Klagenfurt. Das vielleicht letzte Wettlesen um den Bachmann-Preis startet heute in Klagenfurt. Ein Verlust dieser Literaturinstitution wäre eine Katastrophe, findet Sibylle Lewitscharoff. Und wie sieht die Suhrkamp-Autorin die Zukunft ihres Verlags?

veröffentlicht am 02.07.2013 um 17:22 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 12:21 Uhr

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Autor:

Nina May
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Frau Lewitscharoff, erst der Suhrkamp-Verlag, jetzt Klagenfurt: Man hat den Eindruck, alle großen Institutionen der deutschsprachigen Literatur seien angezählt. Ist als Nächstes das Buchmessenlesefest „Leipzig liest“ dran?

„Leipzig liest“ sicher nicht, aber dem Internationalen Literaturfestival in Berlin würde ich den Untergang wünschen, das war von Anfang an Murks. Der Verlust der Klagenfurter Literaturtage oder von Suhrkamp wäre freilich eine Katastrophe. Das ist ein erstklassiger Verlag, der seine Autoren ausgezeichnet betreut. Diese Speerspitze der Geistigkeit brauchen wir. Wenn ich über die Zukunft von Suhrkamp nachdenke, bin ich allerdings sehr positiv gestimmt.

Hängt das mit dem Insolvenzverfahren zusammen, das den Verlag unter einen Schutzschirm stellt und die Gesellschafter entmachtet?

Ja, mit dem Schutzschirm-Verfahren hat sich der Verlag eine tolle Atempause verschafft, Barlachs Störmanöver sind damit erst mal ausgebremst. Das war ein guter Zug, damit nimmt die Sache Suhrkamp neue Fahrt auf. Nun müssen wir sehen, wohin sie führt.

Ihr Schriftsteller-Kollege Uwe Tellkamp hat gefordert, Suhrkamp und Klagenfurt als „Kulturdenkmäler“ zu schützen. Halten Sie das für sinnvoll?

Ich halte das für eine ganz richtige Idee. Diese Institutionen prägen unser Geistesleben und haben ihre Bedeutung über Jahre aufgebaut. Es wäre beschämend, diese bedrohten Geistestempel so sang- und klanglos untergehen zu lassen.

Es erinnert ein wenig an die Bestrebung des deutschen Bühnenvereins, die deutsche Theaterlandschaft zum Weltkulturerbe zu machen. Erklären Künstler ihre Institutionen damit nicht selbst für museumsreif?

Nein, das denke ich nicht. Ohnehin ist Tellkamps Vorschlag nicht alltagstauglich, staatliche Subventionen bis ins letzte Tezett sind nun einmal nicht möglich. Aber dennoch ist der Hinweis auf bedrohte Geistestempel nicht falsch. Wie sich diese im Detail behüten lassen, ist eine andere Frage. Ich hoffe, dass sich für Klagenfurt noch ein anderer Sponsor findet.

Sie erhalten in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis. Haben Sie ein persönliches Verhältnis zu dem Autor?

Nein, ich bin gerade damit beschäftigt, mich einzulesen. Ich habe seine Theaterstücke gesehen, aber die waren alle entsetzlich schlecht inszeniert. Aber dafür kann Büchner ja nichts. Er ist also kein Lieblingsautor von mir, ich muss mich erst an ihn herantasten.

Büchner hatte für Konventionen nicht viel übrig. Was würde er davon halten, dass ein so bedeutender Literaturpreis nach ihm benannt ist?

Was weiß man denn von Toten? Aber die Frage lässt sich anders beantworten: Es ist der sehnlichste Wunsch eines jeden Schriftstellers, nach dem Tod weiter Bedeutung zu erfahren, etwa durch solch einen Preis oder die Inszenierung seiner Theaterstücke. Und Büchner ist ein grandioses Nachleben beschert, das wird ihn sicher freuen, wo immer er weilt.

Sibylle Lewitscharoff (59) erhält im Herbst den Georg-Büchner-Preis. Die Schriftstellerin veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für „Pong“ erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihr Roman „Blumenberg“ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. dpa



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