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Was Norbert Rodenkirchen auf der Flöte spielt, ist "ein Versuch, keine Behauptung"

Hamelns Rattenfänger - der berühmteste mittelalterliche Flötenspieler. Norbert Rodenkirchen, Spezialist für die Mittelalterflöte, hat sich muskalisch auf die Spuren des Rattenfängers begeben und sich mit Hamelns Symbolfigur ausgiebig beschäftigt. Das Ergebnis: Eine CD, die einige melodische Antworten gibt. Julia Marre hat mit Rodenkirchen ein ausführliches Interview geführt.

veröffentlicht am 04.05.2012 um 11:26 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 08:21 Uhr

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Hameln. Er gilt als der berühmteste mittelalterliche Flötenspieler: der Rattenfänger. Aber wie klang eigentlich, was er auf seiner Flöte spielte? Norbert Rodenkirchen, Spezialist für die Mittelalterflöte, begibt sich auf die Spuren des Rattenfängers – und hat soeben eine CD veröffentlicht, die einige melodische Antworten gibt.

Herr Rodenkirchen, wie sieht eigentlich die Rekonstruktion mittelalterlicher Flötenmusik aus – hilft Ihnen das exakte Datum, der 26. Juni 1284, viel bei Ihrer Recherche?
Das ist natürlich von Programm zu Programm ganz unterschiedlich. Ich gehöre der Szene an, die sich mit historischer Aufführungspraxis befasst, die sich Musik vergangener Zeit annähert, die Klangbilder wiederfindet und sich mit dem Instrumentarium dieser Zeit beschäftigt. Tatsächlich habe ich auf diese Art meine Liebe zum Mittelalter entdeckt. Ich habe moderne Querflöte, aber auch Barock-Traverso studiert. Der Schlüssel, um sich Alter Musik anzunähern, ist natürlich der Urtext. Wer an die Originalfassung der Musik einmal herangekommen ist, kann sie dann verzieren, mit Ornamenten ausschmücken und kennt die instrumentalen Besonderheiten der jeweiligen Zeit. Gerade bei Musik aus dem Mittelalter ist es jedoch eine große Herausforderung, weil die Quellenlage immer schwieriger wird.

Wo haben Sie da überhaupt ansetzen können?
Die Melodien des 13. Jahrhunderts existieren als Handschriften, als Gesangsnoten. . Ich habe vor allem auf die Jenaer Liederhandschrift zurückgegriffen. Die Instrumentalisten des Mittelalters hatten meistens keine eigene Instrumentalmusik, welche aufgeschrieben wurde, sondern bedienten sich des gleichen Repertoires wie die Sänger. Sie orientierten sich z.B. auch an den Tönen der Minnesänger und hatten natürlich auch Kenntnis von den gregorianischen Gesängen. Normalerweise war ein Instrumentalist damals entweder Begleiter eines Sängers oder hat zum Tanz und - wie noch heute - einfach zur Unterhaltung aufgespielt. Hinweise dazu liefern zum Teil die überlieferten Gesangstexte, aber auch Chroniken, historische oder literarische Quellen.

Die CD "Hameln Anno 1284" ist auf dem Label Christophorus erschienen.

Es gibt verschiedene Auslegungen der Rattenfängersage. Sie haben sich die Theorie zunutze gemacht, die besagt, dass der Rattenfänger ein Werber aus dem Ostseeraum gewesen sei, der junge Hamelner zur Umsiedlung bewegen wollte. Inwiefern hat Ihnen diese Geschichte weitergeholfen?
Der Namensforscher Jürgen Udolph hat Orts- und Familiennamen in Brandenburg, Pommern und anderen östlichen Gegenden untersucht, die auf Hameln verweisen. Seine Theorie der Ost-Auswanderung hat mich somit auf Wizlaw von Rügen gebracht. Der Fürst hat zur Zeit des Rattenfängers gelebt, und von ihm sind etliche Weisen in der Jenaer Liederhandschrift überliefert. Es ist ein Geschenk, die Melodien und Instrumente aus dieser Zeit zu kennen. Über einen Lehrer Wizlaws, genannt der Ungelehrte, ist zudem eine weitere Melodie eines Zeitgenossen und Spielmanns überliefert. Den Rattenfänger sehe ich eher als Flötenspieler und Spielmann. Frühe Quellen besagen, dass er 130 Knaben aus der Stadt geführt hat. Die Ratten wurden ihm ja erst im 16. Jahrhundert zugedichtet.

Als Ihnen dann die zeitgenössischen Melodien aus dem 13. Jahrhundert vorlagen – wie haben Sie die CD-Aufnahme vorbereitet?
Da habe ich eine spezielle Methode: Ich versuche, mich in einen Zustand zu bringen, der nah am Produktionsvorgang eines mittelalterlichen Musikers ist: und zwar in einen Zustand der mündlichen Überlieferung. Das heißt, ich lerne die Melodien auswendig, improvisiere, verändere und verinnerliche. Dann habe ich eine andere Haltung und Freiheit der Musik gegenüber, als wenn ich mir einen Notenständer aufstellen und alles abspielen würde. Dieser ganze Vorgang ist ein vielfältiger Prozess und braucht viel Zeit.

Das heißt, in Ihrem Kopf radieren Sie alles aus, was Sie über spätere Musikrichtungen wissen?
Ja, es ist durchaus eine interessante Aufgabe, bestimmte Dinge zu vermeiden.Wenn ich z.B. mit dem Ensemble Sequentia geistliche Musik aus der Zeit Hildegard von Bingens oder Troubadour-Musik spiele, darf ich auch nicht im Bluesstil improvisieren. Das wäre ja stilistisch falsch. Natürlich sind die mittelalterlichen Flötentöne wie jede Aufführung Alter Musik ein Versuch, keine Behauptung, sondern eine künstlerische Annäherung.

Wann können wir Ihre Musik denn live in Hameln hören?
Das hängt von einer Einladung ab, genau wie im Mittelalter. Ich bin sehr offen für Gespräche darüber. Allerdings gehöre ich nicht zu der Szene, die historische Figuren schauspielerisch darzustellen versucht. Ich bin nicht daran interessiert, den Rattenfänger leibhaftig zu verkörpern. Das halte ich persönlich nicht für nötig. Lieber konzentriere ich mich auf die Musik seiner Zeit.

Sie spielen auf der CD zumeist die mittelalterliche Traversflöte, einen Urtypus der Querflöte. In Hameln greifen einige Rattenfänger-Figuren zur Klarinette. Was ist denn historisch betrachtet überhaupt richtig?
Historisch betrachtet ist die Klarinette falsch, weil es die zu der Zeit noch gar nicht gab. Mittelalterliche oboenartige Instrumente sind Schalmeien. Das erste Bild des Rattenfängers, das ich als CD-Cover nutze, zeigt eine Art Oboe. Und die früheste Textquelle sagt, der Spielmann sei ein schöner junger Mann mit einer „Festula“ gewesen. Die nennt man auch „Fistula“, sie entspricht in der mittelalterlichen Instrumentenkunde einer Querflöte. Aber das ist nur eine von vielen Quellen.

Gibt es eigentlich einen Grund, weshalb Sie sich gerade mit der Flötenmusik des Rattenfängers beschäftigt haben?
Zunächst einmal ist er natürlich der berühmteste mittelalterliche Flötenspieler. Wenn man sich mit mittelalterlicher Flötenmusik beschäftigt, begegnet man ihm immer wieder als Mythos. Mir fiel auf, dass sich niemand in der Bewegung für historische Aufführungspraxis an eine musikalische Aufarbeitung herangetraut hat, vielleicht gerade weil der Rattenfänger so weltberühmt ist und jeder Mensch weiß, worum es hier geht. Hameln kann sich glücklich schätzen, dass die Stadt diese außerordentliche Legende beherbergt – sie ist eine geniale Mischung aus wahrem Ereignis und Märchenstoff, eine Geschichte mit einer suggestiven Sprengkraft, die jeden Menschen weltweit berührt. Ich wollte mich dieser Geschichte einmal ganz ernsthaft von meinem Beruf als Spezialist für historische Flötenklänge her nähern.

„Hameln anno 1284 – Auf den Spuren des Rattenfängers“ heißt die CD, die Norbert Rodenkirchen aufgenommen hat. Erschienen ist sie auf dem Label Christophorus (www.christophorus-recods.de). Dort und bei www.jpc.com kann man die CD kaufen.



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