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Sprengel-Museum zeigt Porträts von Heinrich Riebesehl – und Werke anderer 1938 geborener Fotokünstler

Was Menschen im Aufzug tun

HANNOVER. Während Apollo 12 im November 1969 auf dem Mond landet, porträtiert Heinrich Riebesehl Menschen im Fahrstuhl. Fünf Stunden und 35 Minuten verbringt der damals 31 Jahre alte Fotograf im engen Aufzug des Verlagshauses der „Neuen Hannoverschen Presse“.

veröffentlicht am 21.03.2018 um 16:12 Uhr

Versteckte Kamera in Hannover: Heinrich Riebesehl „Menschen im Fahrstuhl“ Foto: sprengel-museum

Autor:

Daniel A. Schacht und Christina Sticht

Mit versteckter Kamera orientiert er sich an der Arbeitsweise der Amerikaner Walker Evans und Helen Levitt, die in der New Yorker U-Bahn Passanten fotografisch eingefangen haben. Riebsehls Bilder sind noch bis zum 3. Juni in der Ausstellung „1938. Geburtstagsfest mit Gästen“ im Sprengel-Museum in Hannover zu sehen. Zugleich erscheint das Künstlerbuch „Menschen im Fahrstuhl“. Die Ausstellung würdigt neben Riebesehl weitere 1938 geborene Fotografen – und wesentlich jüngere. Für die Besucher ist es auch ein Rundgang durch 60 Jahre Fotografie- und Zeitgeschichte.

Die Identitätssuche eines Jugendlichen anhand der von ihm fotografierten Sneakers – und die Identitäten von acht Jugendlichen aus Hellersdorf in den Fotoporträts von Helga Paris. Ein Film über eine fiktive Revolution – und der tatsächliche Aufstand des Prager Frühlings in den Fotodokumenten von Josef Koudelka. Starre Räume in neuen Funktionsbauten – und reglose Figuren in bewegtem Raum, nämlich, die Heinrich Riebesehl in Hannover fotografiert hat. Das sind einige der Gegenüberstellungen, die das Museum in seiner neuen Fotoausstellung bietet – teils disparate, teils seltsame, teils wirklich bemerkenswerte Konfrontationen von Bildern, deren Schöpfer bei aller Unterschiedlichkeit eines gemeinsam haben: Sie gehören zwei Generationen an. Die einen sind größtenteils in den 1980er Jahren, die anderen durchweg 1938 zur Welt gekommen. „Wir haben diese Schau dem reichen Wissensschatz von Inka Schube zu verdanken“, sagt Sprengel-Museumsdirektor Reinhard Spieler über die Fotokuratorin. Dieser erklärt: Durch die 1955 entstandene Fotoserie „Wir sind 17“ des Amsterdamer Fotografen und Filmemachers Johan van der Keuken sei sie vor Jahren schon auf dieses bemerkenswerte Jahr aufmerksam geworden. „1938 war das Geburtsjahr vieler wichtiger Fotokünstler.“ Neben van der Keuken und dem Tschechen Koudelka, Heinrich Riebesehl und Helga Paris sind auch der Ukrainer Boris Mikhailov und der Japaner Daido Moriyama in diesem Jahr zur Welt gekommen. Schube hat diese Fotokünstler durch sechs jüngere zum Dutzend ergänzt und füllt die sechs Räume der Fotoabteilung im Untergeschoss des Museums so mit je zwei fotografischen Positionen der beiden Generationen. Teils entstehen so reizvolle Konfrontationen, teils geben die Gegenüberstellungen auch Rätsel auf. Hana Miletics Präsentation der Sneakers-Fotos des Jugendlichen Zak, die durch einen auf Vinyl gepressten Hip-Hop-Soundtrack ergänzt werden, bilden einen kraftvollen Kontrapunkt zu den eher schüchtern wirkenden Hellersdorfer Jugendlichen von Helga Paris. Die eher düsteren sozialen Typen, die Andrzeij Steinbach für seine Fotoserie „Gesellschaft beginnt mit drei“ inszeniert, sind van Keukens Serie „Wir sind 17“ auf den ersten Blick verblüffend ähnlich. Und die „Limbolator“-Installation des Duos Jasmin Krausch und Florian Merkel, in der Ausstellungsbesucher Kugeln nach Ratio und Emotion ordnen können, lässt sich wie ein Kommentar zu Mikhailovs Nacktselbstbildnissen „I am not“ verstehen.

Allenfalls satirisch wirkt dagegen die Gegenüberstellung von Koudelkas Prag-Fotos mit einem Video des in Seoul lebenden Künstlerduos Young-Hae Chang Heavy Industries. „Cunnilingus in Nordkorea“ verbreitet acht Minuten lang Pseudopropaganda, nach der die wahre sexuelle Revolution Nordkorea stattfindet, fingiert vom sicheren Südkorea aus. Man spürt den simplen Spott über Pjöngjang. Und wüsste lieber mehr über die echte Spannung im Prag von 1968. Und im nächsten Raum streifen Moriyamas fotografische Recherchen die Randzonen der japanischen Gesellschaft, während soziale Inhalte aus den Digitalisaten von Delia Jürgens komplett verbannt scheinen, „dekonstruiert“, wie die Künstlerin sagt.

2 Bilder
Zaks Sneakers: Hana Miletic. Foto: sprengel-museum


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